Opern-Tipps im Juni 2022

Varietas delectat

Der erste Sommermonat der Saison offeriert klug hinterfragtes Altes und visionär konzipiertes Neues.

© Ruth Tromboukis

Regie-Koryphäen, die auch als Duo arbeiten: Jossi ­Wieler und Sergio Morabito

Regie-Koryphäen, die auch als Duo arbeiten: Jossi ­Wieler und Sergio Morabito

Wie kommt das Neue in die Welt der Oper? In den ersten drei Jahrhunderten des Bestehens der Gattung galt gleichsam selbstverständlich: Fortbestand und Weiterentwicklung der Oper wurden dadurch gesichert, dass mit schöner Regelmäßigkeit frisch geschriebene Werke zur Aufführung gelangten. Die Innovation war eine Tradition. Heute steht die Reproduktion des angestammten Repertoires im Mittelpunkt der Spielpläne. Mit neuen Inszenierungen sollen Fragen an alte Stücke formuliert werden: Was haben Mozarts und Verdis Geschichten mit der Gegenwart zu tun? Uraufführungen, die genuin auf gesellschaftliche Entwicklungen des Heute reagieren, sind derzeit eher die Ausnahme denn die Regel. Musiktheatralische Energie aber entsteht in der richtigen Mischung aus klug hinterfragtem Alten und visionär konzipiertem und komponiertem Neuem.

Schmerzpunkte bundesrepublikanischer Gesellschaftlichkeit

Der erste Sommermonat der Saison offeriert eine solche spannungsgeladene Mischung des varietas delectat – und beginnt mit einer Uraufführung von Felix Leuschner. Das Auftragswerk der neuen Intendanz des Staatstheaters Kassel gleicht einem listigen Zurück-in-die-Zukunft: „Einbruch mehrerer Dunkelheiten“ basiert auf einem Text des deutschen Science-Fiction-Schriftstellers Dietmar Dath. Gemeinsam mit dem Komponisten hat er eine Geschichte ersonnen, die in ikonenhaften Figuren die Schmerzpunkte bundesrepublikanischer Gesellschaftlichkeit konzentriert. Eine Ermittlerin geht auf die Suche – da offenbart sich Ungeheuerliches: eine Welt intelligenter elektro-magnetischer Phänomene. In einem Mix aus Oper, Thriller und politischem Fall greifen die Autoren die reale Rüstungsindustrie- und Militärgeschichte zwischen Weltkriegen und transatlantischem Bündnis auf. Wie in einem Brennglas fokussieren sich in Kassel politische Problemlagen im einstigen, dann nahezu vollständig zerstörten Zentrum der deutschen Waffenindustrie, im Wirtschaftswunderstandort an der früheren innerdeutschen Grenze. Leuschner, Komponist und Schlagzeuger, definiert den Klang als visuell erfahrbares Ereignis, integriert elektronische Musik und experimentiert mit den Möglichkeiten der menschlichen Stimme. Der bei Wagner und Berg fulminante GMD Francesco Angelico nimmt sich der neuen Partitur persönlich an.

Der Zukunftsmusiker Richard Wagner thematisierte in seiner komischen Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“ dezidiert die Integration der Avantgarde in die Welt des Althergebrachten. An der Deutschen Oper Berlin nimmt das Regieduo Jossi Wieler und Sergio Morabito nun eben dieses geschlossene System unter die Lupe, das sie in der pedantischen Zunft der Meistersinger wie in der gesamten Stadtgesellschaft Nürnbergs aufspüren. Für ihre Neuinszenierung wollen sie den Fragen nach den Mechanismen einer solchen hermetischen Kunstgesellschaft auf den Grund gehen. Kann die Kunst in einem konservativ-dogmatischen Umfeld ihre Freiheit behaupten? Welches systemsprengende Potential vermag sie darin zu entfalten?

Zwei Finales eines Opernklassikers

Selten wurde der Kampf der Geschlechter zwischen männlicher Eroberungsgeste und weiblichem Willen zur Selbstbestimmung so brutal ausgelotet wie in PuccinisTurandot“. An der Staatsoper Unter den Linden Berlin setzt Philipp Stölzl, der neben Musik- und Sprechtheater vor allem Spielfilme, Werbespots und Musikvideos verantwortet, Puccinis letzte Oper in einer von Schwarzer Romantik gezeichneten surrealen Bildsprache um. Altmeister Zubin Mehta dirigiert das unvollendete Werk mit dem bombastischen Finale von Alfano. Am Grand Théâtre im schweizerischen Genf wählt Maestro Antonino Fogliani indes die verinnerlicht flirrende Schlussversion von Luciano Berio, die der kurz darauf verstorbene italienische Komponist 2002 schuf. Der amerikanische Regisseur Daniel Kramer spitzt den archaischen Märchenstoff mit einer düsteren Dystopie im Stile von Huxley und Orwell zu: In einem weiblich kontrollierten Überwachungsstaat wird die menschliche Reproduktion jenseits von intimen Paarbeziehungen fabrikmäßig mechanisiert vollzogen.

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