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Opern-Tipps im März

Von mystischen Städten und Schwänen

Im 19. Jahrhundert entdeckte Europa sein Mittelalter als kulturellen Sehnsuchtsort wieder. Von dieser Faszination zeugen bis heute zahlreiche Opern. Eine Auswahl aktueller Highlights im März.

vonPatrick Erb,

Ob edle Ritter und trutzige Burgen, schwärmerische Minnesänger und entzückte Burgdamen: Kaum eine Epoche lädt so sehr dazu ein, der historisch informierten Realität ein lustvoll verzerrtes Idealbild entgegenzusetzen wie das Mittelalter. Schon die (deutsche) Romantik entdeckte die Gotik als Projektionsfläche eigener Sehnsüchte und Identitätsfragen. Doch nicht nur Architektur und Kunst, auch die archaischen Gesellschaften dieser Zeit üben bis heute Faszination aus – ein Umstand, den Opernkomponisten früh für sich zu nutzen wussten. Dank reich überlieferter Epen und Legenden konnten sie auf konkrete Figuren zurückgreifen, die sie je nach Zeitgeist und ideologischer Kassenlage färbten. Die thematische Spannweite ist dabei so groß wie die Epoche selbst.

Eine der eindringlichsten Mittelalter-Opern der Gegenwart ist George Benjamins „Written on Skin“. Librettist Martin Crimp greift darin die Legende vom „verspeisten Herz“ auf, die sich um den okzitanischen Troubadour Guillem de Cabestanh rankt. Ein betrogener Ehemann lässt seiner Frau das Herz ihres Geliebten servieren – mit tödlichem Ausgang. Benjamin überführt den Stoff in eine kunstvoll gebrochene Rahmenhandlung: Ein mächtiger Protektor lässt sein Leben von einem jungen Illustrator in ein Buch bannen – geschrieben auf Pergament, also auf Haut. Die Affäre zwischen dem Künstler und Agnès, der Frau des Protektors, nimmt ihren fatalen Lauf, kommentiert und vorangetrieben von drei Engeln, die zugleich Erzähler und Akteure sind. Die Frankfurter Erstaufführung verspricht mit Bo Skovhus als Protektor und dem jungen Countertenor Iurii Iushkevich als Illustrator eine ebenso präzise wie intensive Besetzung.

Wagner-Highlights mit hochkarätiger Besetzung

Richard Wagner darf beim Thema Mittelalter natürlich nicht fehlen. Kein anderer Komponist hat die großen Versepen Europas so nachhaltig in Musiktheater verwandelt. In „Parsifal“ greift er auf die Gralslegende zurück: Ein „reiner Tor“ wird zum Erlöser einer kranken Bruderschaft, heilt Amfortas’ Wunde und wird selbst zum Gralskönig. Das „Bühnenweihfestspiel“ kommt passend zur Osterzeit in einer Neuproduktion des jungen Regisseurs Floris Visser auf die Bühne der Dresdner Semperoper, bestbesetzt mit Eric Cutler als Parsifal und Georg Zeppenfeld als Gurnemanz – eine der großen verheißungsvollen Produktionen dieser Spielzeit!

Sequel wurde zuerst komponiert

Quasi das Sequel zur Handlung ist Wagners „Lohengrin“. Als Sohn Parsifals ist auch Lohengrin dem Gral verbunden; seine Ankunft im von einem Schwan gezogenen Boot verweist auf jenes Tier, das der junge Parsifal einst getötet hat. Die Osterfestspiele Baden-Baden, die erstmals das Mahler Chamber Orchestra als Residenzensemble begrüßen, zeigen die Schwanenritterlegende mit Joana Mallwitz am Pult, Piotr Beczała als Lohengrin und Rachel Willis-Sørensen als Elsa. Regie führt Johannes Erath.

Frankreichs große Mittelalter-Begeisterung

Ein Blick nach Frankreich rundet den Reigen ab: An der Opéra National du Rhin steht Édouard Lalos „Der König von Ys“ auf dem Spielplan. Die vom Meer bedrohte Stadt Ys lebt vom Geheimnis ihrer Schleusen; aus verschmähter Liebe verrät Margared dieses Geheimnis an den Feind. Leidenschaft kippt in Verrat, ein gebrochenes Herz führt zum Untergang der Stadt. Für alle, die Straßburg binnen eines Tagesritts erreichen können, gilt: hingehen! Bevor auch diese Opernrarität nur noch Legende ist.







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