Porträt Lawrence Power

Mit Power in die Zukunft

Der Bratschist Lawrence Power liebt zeitgenössische Musik. Weil das Repertoire für sein Instrument überschaubar ist, sorgt er selbst für Nachschub.

© Jack Liebeck

Lawrence Power

Lawrence Power

Johann Sebastian Bach und Beethoven spielten sie. Auch Tabea Zimmermann, Kim Kashkashian oder Nils Mönkemeyer konnten nicht widerstehen: Sie verfielen dem unvergleichlichen Klang der Bratsche und haben dem Instrument einen festen Platz auf dem Konzertpodium verschafft. Entscheidend dazu hat auch die fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Bratschen-Pionier Yuri Bashmet und Komponist Alfred Schnittke beigetragen, der das bis dahin überschaubare Repertoire um ein vielschichtiges Violakonzert erweitert hat.

Ein neues Bratschenkonzert pro Jahr

Wenn es kaum Werke gibt, muss man eben selbst nachhelfen. Das dachte sich wohl auch Lawrence Power. Der Bratschist ist international als Solist und Kammermusikpartner gefragt und wurde im letzten Jahr mit dem Instrumentalist Award der Royal Philharmonic Society ausgezeichnet. Als leidenschaftlicher Interpret zeitgenössischer Musik hat der sympathische Brite mit Dreitagebart und dunklen Locken nicht nur bereits viele Stücke uraufgeführt, sondern auch gleich einen Zehnjahresplan aufgestellt, der pro Jahr ein neues Bratschenkonzert vorsieht. Dafür hat er 2018 den „Viola Commissioning Circle“ ins Leben gerufen. Für Power, der mit seiner Familie in London lebt, sei das eine großartige Gelegenheit, direkt mit Komponisten in Kontakt zu kommen und etwas vollkommen Neues zu erschaffen. Er möchte Musikliebhaber zusammenbringen, die seine Leidenschaft für zeitgenössische Klänge teilen und sein Vorhaben unterstützen – denn solche Kompositionsaufträge wollen auch finanziert sein.

Die ersten beiden Aufträge sind bereits vergeben: Gerald Barrys Bratschenkonzert wurde 2019 uraufgeführt, in diesem Jahr steht die Uraufführung von Anders Hillborgs neuem Werk an. „Ich hoffe sehr, dass diese und die noch folgenden Werke ins Repertoire aufgenommen werden und vielen nachfolgenden Generationen Freude bereiten werden“, erzählt Power, der schon den nächsten Auftrag mit Huw Watkins und Cassandra Miller vereinbart hat. Seine Wunschliste ist lang und verheißungsvoll: Lera Auerbach, Magnus Lindberg und Salvatore Sciarrino, Julian Anderson, Esa-Pekka Salonen, Thomas Larcher, Kaija Saariaho und Thomas Adès.

Lawrence Power: „Die Bratsche ist meine Muttersprache“

© Jack Liebeck

Lawrence Power

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Aufgewachsen ist Power in einer nicht-musikalischen Familie. „Das war eine feine Sache“, erinnert er sich. „Denn ich bin groß geworden ohne Druck oder Erwartungen an eine musikalische Karriere.“ Mit elf wurde er in der Nachwuchsabteilung der Guildhall School of Music and Drama in London aufgenommen und von Mark Knight unterrichtet, der ihn bis zu seinem achtzehnten Lebensjahr begleitet und stark inspiriert hat – auch wenn dessen Schwerpunkt ausgerechnet auf Barockmusik lag. Doch selbst wenn Powers Herz voll und ganz für die zeitgenössische Musik schlägt, lehnt er Bach deswegen nicht grundsätzlich ab. Doch ihn interessiert auch hier vor allem ein neuer und stets kreativer Zugang, indem er etwa eine „Chaconne“ mit Tanz und Gesang kombiniert. Als Gründer des West Wycombe Chamber Music Festival, dessen künstlerischer Leiter er zugleich ist, hat er sich eine Spielwiese für seine Kreativität geschaffen, auf der er neue Werke mit alten und junge Künstler mit etablierten auf spannende Weise miteinander kombinieren kann. Von bearbeiteten Cellosuiten für Bratsche hält er dagegen nichts: „Dann spiele ich lieber die Stücke für Violine von Bach – aber noch nicht jetzt “, erzählt er mit einem verschmitzten Lächeln.

Dabei darf sich Power sogar als „Edelbratscher“ bezeichnen, das heißt, dass er von Anfang an Viola gelernt hat anstatt mit Geige zu beginnen und später zu wechseln. „Am besten an der Geige gefällt mir, dass ich eine neue Perspektive einnehmen kann“, erzählt Power. „Vor allem, wenn ich ein Orchester dirigiere. Dann ist es viel einfacher, von der ersten Stimme aus meine Überlegungen mit den Musikern zu teilen und sie zu erklären.“ Auch für Recitals greift er inzwischen gern auf beide Instrumente zurück, um dem Programm den nötigen dramaturgischen Bogen zu geben, beispielsweise mit Brahms’ Sonaten für Geige und Viola kombiniert in einem Konzert. „Aber die Bratsche ist nach wie vor meine Muttersprache“, sagt Power. Seine Viola stammt von Antonio Brensi aus Bologna und dürfte bereits über 400 Jahre alt sein. Außerdem habe er momentan das große Glück, eine Amati-Viola spielen zu dürfen, die bereits im Besitz des deutsch-amerikanischen Bratschisten Walter Trampler, Gründungsmitglied der Chamber Music Society of Lincoln Center, war.

Und was ist das beste daran, Bratschist zu sein? Für Lawrence Power ist es vor allem die Herausforderung, in ständig neue Rollen zu schlüpfen. „Als Kammermusiker ist man im Zentrum der Harmonie, ich spiele aber auch sehr gerne im Orchester, als Teil des großen Ganzen, und ich mag es, auch als Solist meine eigene Persönlichkeit zum Ausdruck zu bringen oder als Dirigent mit dem Orchester zusammenzuarbeiten“, erklärt Power. „Als Geiger scheint mir die Rolle schon vorgegeben zu sein – so wie bei einer Primadonna.“ Bei einer Geige oder einem Cello wird oft ein ganz bestimmter Klang erwartet. Bei der Bratsche sei es anders: „Jedes Instrument verleiht seinem Spieler eine ganz eigene, unvergleichliche Stimme. Und das liebe ich so an diesem Instrument.“

Album-Tipp

Barry: Violakonzert

Lawrence Power (Viola), Joshua Bloom (Bass), Britten Sinfonia, Thomas Adès (Leitung)
Signum Records

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