Sommerreihe: Starke Frauen – Nadia Boulanger

Bienvenue à la „Boulangerie“

Komponistin, Dirigentin und Musikpädagogin. Nadia Boulanger gehört zu den einflussreichsten Musiker-Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts

Collage Komponistinnen © gemeinfrei (13), F. Hoffmann La Roche Ltd., Yamaha, shutterstock, Christophe Abramowitz

Collage Komponistinnen

Nadia Boulangers Wohnung in der Pariser Rue Ballu war regelmäßig Treffpunkt der damaligen musikalischen und literarischen Elite. Maurice Ravel, Arthur Honegger und viele ihrer Schüler versammelten sich regelmäßig in der „Boulangerie“ und standen in stetem Austausch. In schwarzem Kostüm und mit Monokel war die „Mademoiselle“ bei allen bekannt und berüchtigt. Unter ihren Schülern galt sie als strenge, aber liebevolle Lehrerin, ihre Freunde wiederum schätzten Boulangers breites Wissen in den verschiedensten musikalischen Bereichen.

Assistentin von Gabriel Fauré

Gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester Lili wuchs Nadia Boulanger in einem intellektuellen und musikalischen Elternhaus auf. Der Vater war Komponist und Dirigent, die Mutter eine russische Sängerin. Schon in frühester Kindheit kam die 1887 geborene Pariserin mit Komponisten wie Charles Gounod, Camille Saint-Saëns und Jules Massenet in Kontakt. Genauso früh kristallisierte sich das Talent der jungen Nadia heraus. Den ersten Orgelunterricht erhielt sie noch vom Vater, ehe sie mit neun Jahren ans Pariser Konservatorium ging und ihr Studium im Alter von sechzehn Jahren abschloss.

Anschließend arbeitete sie als Assistentin für Gabriel Fauré an der Kirche La Madeleine in Paris und war gleichzeitig stellvertretende Organistin. Nebenher gewann sie als Komponistin zahlreiche Preise. Den wichtigsten aber verfehlte sie knapp: 1908 wurde sie beim renommierten „Prix de Rome“ Zweitplatzierte. Fünf Jahre später gewann ihre Schwester Lili den Preis als erste Frau in der Geschichte. Ihre Kompositionen waren immer tonal, wenn auch häufig chromatisch. Beeinflusst wurde sie von ihrem Vorbild Fauré und von der Musik Claude Debussys.

Nadia Boulanger, 1910

Nadia Boulanger, 1910 © gemeinfrei

Nadia Boulanger: „Unnütze“ Kompositionen

Mit dem frühen Tod ihrer Schwester 1918 endete auch Nadia Boulangers Karriere als Komponistin. Obwohl sie stets erfolgreich war, bezeichnete sie selbst ihre Werke als „unnütz“. Stattdessen gab sie sich nach 1921 voll und ganz ihrer Arbeit als Musikpädagogin hin, die sie bis zu ihrem Tod unermüdlich weitergeführt hat. Sie lehrte an der École Normale de Musique in Paris und am Conservatoire Américain in Fontainebleau, dessen Leiterin sie später wurde. Gleichzeitig gab sie Meisterkurse in den USA. Zu ihren Schülern gehörten unter anderem Aaron Copland, Astor Piazzolla, Leonard Bernstein und Philip Glass. Damit war sie wesentlich für die musikalische Entwicklung in Frankreich und in den Vereinigten Staaten im 20. Jahrhundert verantwortlich.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte Nadia Boulanger Anfang 1946 in ihre Heimatstadt zurück und lehrte am dortigen Konservatorium. Über ihre Arbeit sagte sie: „Als Pädagogin besteht mein ganzes Leben darin, andere zu verstehen, und nicht, andere dazu zu bringen mich zu verstehen. Was ein Student denkt, was er tun will – das ist wichtig. Ich muss versuchen, ihn dazu zu bringen, sich selbst auszudrücken, ihn darauf vorzubereiten, das zu tun, was er am besten kann.“

Moderne Werke und Alte Musik

Neben ihrer Arbeit als Musikpädagogin war Nadia Boulanger auch als Dirigentin sehr erfolgreich. Früh zeichneten sich zwei Pole in ihrer Arbeit ab: Sie legte großen Wert auf die Verbreitung moderner Werke, vor allem derjenigen Kompositionen ihrer Schwester Lili und von Igor Strawinsky. 1913 hatte sie den russischen Komponisten kennengelernt und pflegte zeitlebens eine freundschaftliche und musikalische Bindung zu ihm. Einen weiteren Fokus legte sie auf die Alte Musik. 1937 veröffentlichte sie mit ihrem Vokalensemble Werke von Claudio Monteverdi. Ein Jahr später durfte Nadia Boulanger das Boston Symphony Orchestra leiten. Sie war damit die erste Frau, die am Pult des amerikanischen Orchesters stand.

Nadia Boulanger starb 1979 in Paris. Auf ihrer Beerdigung wurde Faurés Requiem gespielt, das sie zu Lebzeiten auf Schallplatte aufgenommen hatte.

Hören Sie hier die „Fantaisie pour piano et orchestre“ von Nadia Boulanger:

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