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György Ligeti zum 100. Geburtstag

Unendliche Weiten

Vor hundert Jahren wurde György Ligeti geboren. Hommage an einen Jahrhundertkomponisten.

vonPeter Krause,

György Ligeti schaffte, was in der Musikgeschichte nur die Größten – ein Bach und ein Beethoven, ein Verdi und ein Wagner, ein Schönberg – vermochten: Er bewirkte einen Quantensprung in der Entwicklung der Musik, so dass man von einer Zeit bis Ligeti und einer Zeit ab Ligeti sprechen kann. Er wirkte selbst stilbildend, hatte es nicht nötig, Stilen oder Moden nachzueifern. Nachgerade allergisch hat er immer wieder auf die Formeln und Dogmen der Neuen Musik reagiert. Wenn er seinen Kompositionsstudenten sagte: „Das klingt nach moderner Musik“, dann glich dies einem vernichtenden Urteil. Er ging seinen eigenen Weg und ermunterte seine Schüler, ebenso ihren eigenen Weg zu finden und bitte tunlichst keine Klone ihres Meisters zu werden. In jungen Jahren freilich wurde er sehr wohl durch die Vertreter der klassischen Moderne geprägt – Bartók und Strawinsky gehörten dazu. Eine allgemeingültige Ästhetik der Avantgarde aber lehnte er zeitlebens entschieden ab.

Für die westliche Musik erfand György Ligeti die Mikrotonalität

Stattdessen war Ligeti ein von Neugierde getriebener Suchender, der voller Wissbegierde gerade auch außermusikalische Impulse und Erkenntnisse aufsaugte. Begierig Fragen stellend nahm er naturwissenschaftliche Erkenntnisse auf, die Chaos-Theorie hatte es ihm angetan oder auch die fraktale Geometrie. Das komplexe Denken in solchen Netzen und Mustern machte er für sein Komponieren fruchtbar, verband es mit der Suche nach neuen Stimmungs- und Tonsystemen, die er jenseits der temperierten zwölftönigen Skala fand. So erfand er für die westliche Musik die sogenannte Mikrotonalität, die kleinste Intervalle etwa der Vierteltönigkeit einschließt und seinen Kompositionen ihren oftmals schwebenden, assoziativ ausschweifenden Charakter verlieh. Als dezidierter Synästhetiker amalgamierte Ligeti die Sinnesebenen des Visuellen und des Auditiven. Gern bezeichnete er seine Schöpfungen als „visuell verschmutzte“ Musik, die dann auch in den Hörenden weite Räume der Imagination öffnet.

Ligetis komplexe Kompositionen als Musik in Filmen

Die Rhythmik revolutionierte er ebenso, wenn er – inspiriert von Praktiken des Mittelalters wie solcher der afrikanischen Musik, zumal jener der der Aka-Pygmäen – verschiedenen Temposchichten übereinanderlegte. Intensiv erforschte und diskutierte er mit seinen Studierenden die Musik aus Japan, China, Korea und Mittelamerika. Ein „anything goes“ der munter nutzbar gemachten Einflüsse gab es für ihn freilich nicht. Komponieren war ihm bei aller innovativen Inspiriertheit eben auch ein Handwerk, die kontrapunktische Schulung ein Muss. Bachs Fugenkunst beherrschte er so sehr, wie seine Studenten sie zu beherrschen hatten. Wie wenige Komponisten der Neuen Musik gelangte György Ligeti zu enormer Popularität. Die anregende außermusikalische Kraft seiner Musik und damit – bei aller Komplexität im Kleinen – durchweg gegebene Fasslichkeit für ein Nicht-Experten-Publikum muss dazu stark beigetragen haben. Immer wieder wurden seine Kompositionen in Filmen verwendet – zumal sein Orchesterwerk „Atmosphères“ und sein Chorwerk „Lux Aeterna“ sorgten in Stanley Kubricks „2001: Odysee im Weltraum“ mit den Mitteln der Musik für unendliche Weiten.

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