Werk der Woche – Wagner: Der fliegende Holländer

„Ich sei’s, die dich durch ihre Treu’ erlöse!“

Erlösungsmythos, Märtyrerdrama, Gespensteroper: Mit seiner Oper „Der fliegende Holländer“ kam Wagner seiner Bestimmung als Komponist immer näher

© *** Fanch The System !!! ***/Wikimedia Commons

Schiff im Nebel

Symbolbild "Der fliegende Hollaender"

„Wagner hat über nichts so tief wie über die Erlösung nachgedacht: seine Oper ist die Oper der Erlösung. Irgendwer will bei ihm immer erlöst sein … dies ist sein Problem.“ So resümiert der Philosoph Friedrich Nietzsche – zunächst noch Bewunderer, schließlich Gegner des Komponisten – in seinem Buch „Der Fall Wagner“ polemisch, was für ihn Wagners Opernschaffen ausmacht. Und in der Tat: Die Erlösung spielt in Wagners Werken eine tragende Rolle. So auch in seinem Frühwerk, dem „Fliegenden Holländer“.

Eine stürmische Schiffsreise galt Wagner als Urinitiation zur Holländer-Komposition

In Riga lernte Wagner durch Heinrich Heines „Memoiren des Herren von Schnabelowski“ die Sage vom „Fliegenden Holländer“ kennen und rühmte sie bereits damals schon aufgrund der Erlösungs-Idee als „echt dramatisch“. Seit 1837 war er in Riga als Musikdirektor am Theater angestellt, verlor diese Stelle jedoch zwei Jahre später und begab sich schließlich auf die Flucht vor seinen Gläubigern, die er mal wieder nicht bezahlen konnte.

© gemeinfrei

"Der fliegende Holländer". Gemälde von Michael Zeno Diemer, um 1940

"Der fliegende Holländer". Gemälde von Michael Zeno Diemer, um 1940

Während der mehrwöchigen Schiffsreise nach England erlebte Wagner eindringlich die Stimmung auf hoher See und lernte den einen oder anderen Matrosenbrauch und -gesang kennen. „Hussassahe! Jollohohe! Ho! He! Jo! Ha!“. Das Schiff geriet schließlich am Skagerrak zwischen Dänemark und Norwegen in einen schweren Sturm – ein nachhaltig beeindruckendes Erlebnis auf Grund dessen Wagner ab dem Jahr 1840 das Libretto und schließlich seine Komposition zum „Fliegenden Holländer“ verfasste.

„Der fliegende Holländer“: Romantische Oper in drei Aufzügen

Als musikalische Grundlage des „Holländers“ gilt noch immer die sogenannte Nummernoper, da Arien, Duette, Chornummern und Rezitative deutlich erkennbar sind. Allerdings ist „Der fliegende Holländer“ Wagners letzte Oper, die das traditionelle Format bedient: Mit der Komposition des „Lohengrin“ beschreitet er einige Jahre später erstmals eigene, gänzlich neue kompositorische Wege. Das durchkomponierte Musikdrama war geboren.

© gemeinfrei

Ouvertüre zu "Der fliegende Holländer". Handschrift von Richard Wagner, mit Anmerkungen für den Verleger (in rot)

Ouvertüre zu "Der fliegende Holländer". Handschrift von Richard Wagner, mit Anmerkungen für den Verleger (in rot)

Die Ouvertüre zur Holländer-Oper nimmt in aller Kürze das gesamte Drama vorweg, wie Wagner selbst 1851 an einen Freund schrieb: „In diesem Stück legte ich unbewusst den thematischen Keim zu der ganzen Musik der Oper nieder: Es war das verdichtete Bild des ganzen Dramas, wie es vor meiner Seele stand.“ Die Ballade Sentas steht im musikalischen Mittelpunkt des Gesamtgeschehens, beinhaltet quasi alle Leitthemen und spiegelt den Charakter der Oper treffend wider – schroff, düster und dramatisch. Für damalige Zeiten revolutionär war, dass Wagner durch Sentas Ballade als Kernstück der Oper eine musikalische Einheit herstellt, die für die klassische Nummernoper so neu war und deutlich zu seinem durchkomponierten Musikdrama führt.

Erlösung durch Liebe?

Man fragt sich doch wirklich, weshalb Senta, die gegen Bares von Vater Daland ungefragt an den Holländer verscherbelt wird, damit dieser endlich von seinem Fluch befreit wird, sich bis zuletzt berufen fühlt, den Unbekannten zu erlösen. Ist es die alte Sage, die sie von Kindertagen an kennt und deren Schicksal sie so sehr rührt? Oder warum ist sie so darauf fixiert, den „armen Mann“ sogar dadurch zu erlösen, dass sie sich letztlich in den Tod stürzt? Ist es Liebe oder Aufopferung? Klar ist, dass sich Sentas Treue erst in ihrem Tod erfüllt. Der Holländer benötigt diese Treue, um seine Sterblichkeit zurück zu erlangen.

Von Liebe ist dagegen nie die Rede, so auch der Holländer weiß: „Die düstre Glut, die hier ich fühle brennen, sollt’ ich Unseliger sie Liebe nennen? Ach nein! Die Sehnsucht ist es nach dem Heil: würd’ es durch solchen Engel mir zuteil!“ Somit ist Senta für ihn nur Mittel zum Zweck. Ihr kann man ohne weiteres einen Erlösungswahn unterstellen, denn wie lässt sich sonst erklären, dass sie von der Idee besessen ist, einen Wildfremden durch ihr Treue von seinem Schicksal zu erlösen? Am Schluss gehen die beiden ein wechselseitiges Bündnis ein, das für beide Seiten passt: Die Märtyerin Senta erfüllt ihre Erlösungsphantasien im Tod für den verfluchten Fremden, der Holländer kauft sich die Erlösung einer fremden Frau. Um Liebe geht es im „Fliegenden Holländer“ wohl kaum.

© gemeinfrei

Der fliegende Holländer. Illustration der Schlussszene, 1843

Der fliegende Holländer. Illustration der Schlussszene, 1843

Die wichtigsten Fakten zu Richard Wagners „Der fliegende Holländer“:

Besetzung:

Piccoloflöte, zwei Flöten, zwei Oboen/davon ein Englischhorn, zwei Klarinetten, zwei Fagotte, vier Hörner, zwei Trompeten, drei Posaunen, Ophicleide, Pauken, Harfe, Streichorchester. Auf der Bühne: drei Piccoloflöten, sechs Hörner, ein Tamtam, eine Windmaschine

Spieldauer:

ca. 2 ¼ Stunden

Uraufführung:

Die Uraufführung fand am 2. Januar 1843 mit mäßigem Erfolg am Königlichen Hoftheater in Dresden statt. Der Durchbruch der Oper gelang erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Anzeige


Referenzeinspielung

Wagner: Der fliegende Holländer
Matti Salminen, Ricarda Merbeth, Robert Dean Smith, Silvia Hablowetz, Steve Davislim u.a.
Rundfunkchor Berlin
Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin
Marek Janowski (Leitung)
Pentatone

Die konzertante Aufführung der Oper „Der fliegende Holländer“ im Jahr 2010 stellt den Beginn des großen Wagner-Zyklusses dar, deren Konzerte dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung von Marek Janowski größte Anerkennung einbrachte. Hervorragende Sänger, ein dynamisch aufspielendes Orchester und ein präziser Chor machen diese Aufnahme zum reinen Hörvergnügen, die ohne die Bühne gänzlich unverfälscht wirkt.

Jetzt bei Amazon kaufen
Jetzt bei jpc kaufen
Jetzt bei iTunes kaufen

Hier geht es zu den aktuellen Termintipps zu Wagners „Der fliegende Holländer“

Termine

Samstag, 07.12.2019 19:30 Uhr Kulturpalast Dresden

Pathétique

Anna Vinnitskaya (Klavier), Dresdner Philharmonie, Marek Janowski (Leitung)

Sonntag, 08.12.2019 18:00 Uhr Kulturpalast Dresden

Pathétique

Anna Vinnitskaya (Klavier), Dresdner Philharmonie, Marek Janowski (Leitung)

Montag, 16.12.2019 20:00 Uhr Rosengarten Mannheim

Anna Vinnitskaya, Orchester des Nationaltheaters Mannheim, Marek Janowski

Prokofjew: Klavierkonzert Nr. 2 g-Moll op. 16, Brahms: Sinfonie Nr. 4 e-Moll op. 98

Dienstag, 17.12.2019 20:00 Uhr Rosengarten Mannheim

Anna Vinnitskaya, Orchester des Nationaltheaters Mannheim, Marek Janowski

Prokofjew: Klavierkonzert Nr. 2 g-Moll op. 16, Brahms: Sinfonie Nr. 4 e-Moll op. 98

Samstag, 25.01.2020 19:30 Uhr Kulturpalast Dresden

Frank Peter Zimmermann, Dresdner Philharmonie, Marek Janowski

Berg: Violinkonzert „Dem Andenken eines Engels“, Bruckner: Sinfonie Nr. 7 E-Dur

Sonntag, 26.01.2020 11:00 Uhr Kulturpalast Dresden

Frank Peter Zimmermann, Dresdner Philharmonie, Marek Janowski

Berg: Violinkonzert „Dem Andenken eines Engels“, Bruckner: Sinfonie Nr. 7 E-Dur

Donnerstag, 30.01.2020 20:00 Uhr Elbphilharmonie Hamburg

Michael Nagy, NDR Elbphilharmonie Orchester, Marek Janowski

R. Strauss: Suite aus „Der Bürger als Edelmann“ op. 60 & Tod und Verklärung op. 24, Martin: Sechs Monologe aus „Jedermann“

Freitag, 31.01.2020 20:00 Uhr Elbphilharmonie Hamburg

Michael Nagy, NDR Elbphilharmonie Orchester, Marek Janowski

R. Strauss: Suite aus „Der Bürger als Edelmann“ op. 60 & Tod und Verklärung op. 24, Martin: Sechs Monologe aus „Jedermann“

Sonntag, 02.02.2020 16:00 Uhr Elbphilharmonie Hamburg

NDR Elbphilharmonie Orchester, Marek Janowski

R. Strauss: Suite aus „Der Bürger als Edelmann“ op. 60 & Tod und Verklärung op. 24

Sonntag, 02.02.2020 18:30 Uhr Elbphilharmonie Hamburg

NDR Elbphilharmonie Orchester, Marek Janowski

R. Strauss: Suite aus „Der Bürger als Edelmann“ op. 60 & Tod und Verklärung op. 24

Auch interessant

Interview Marek Janowsky

„Beethoven ist die Richtschnur“

Marek Janowski, Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchetsers Berlin, über sein Orchester, Beethoven im Zyklus und Wagner konzertant weiter

Rezensionen

CD-Rezension Marek Janowski – Hänsel und Gretel

Märchen hautnah

Marek Janowski, der ehemalige Leiter des RSB, schickt mit diesem Live-Mitschnitt von Humperdincks „Hänsel und Gretel“ noch einen Weihnachtsgruß aus seiner Ära weiter

CD-Rezension Marek Janowski – Beethoven: Missa solemnis

Immer human

Bei Janowski besitzt die „Missa solemnis“ immer etwas Humanes, und in den leisen Passagen bleibt sie frei von allem Frömmlerischen weiter

CD-Rezension Marek Janowski

Wagner altmeisterlich

Meistersänger: Für seine Pasifal-Interpretation hat Marek Janowski sich ausgezeichnete Sänger ausgesucht weiter

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *