Bruckner: Sinfonie Nr. 4 Es-Dur WAB 104 „Romantische”

(UA Wien 1881)

Eine Einführung in die Vierte – dieses hochinspirierte Wunderwerk – muss mit einem Stoßseufzer über die fremden Geister und Hände beginnen, die hier mit am Werk waren. Schon vor der Uraufführung überarbeitete Bruckner die Partitur – angeblich „aus eigenem Antrieb“. Als er später die Druckfassung sah, erkannte er vieles nicht wieder. Im „endgültigen“ Finale verstümmelte er (wegen der Länge) freiwillig die Form, damit es nicht andere täten – ein in der Musikgeschichte einzigartiger Vorgang!

Immerhin – es kam zu einer angemessenen Uraufführung mit den Wiener Philharmonikern.

Über einem tiefen, leise bebenden Es-Dur-Akkord der Streicher erklingt in leuchtender Höhe viermal das gleiche Hornmotiv – gleich? Winzige Unterschiede öffnen einen riesigen Raum. Erste Phase: Ruhe. Zweite Phase: der Anfangston (und die darunterliegenden Harmonien) um ein Weniges verändert, das Herz (und die ganze Welt) erwacht. Dritte Phase: das Motiv wie zuerst, aber die Harmonien beginnen sich erdrutschartig zu bewegen. Vierte Phase: Das Motiv kadenziert in tiefer Lage und kommt wieder zur Ruhe. Eine halbe Minute wie ein ganzes Leben!

Der (in der Dritten gefundene) „Bruckner-Rhythmus“ (Duole-Triole) leitet schwungvoll zum zweiten Thema über: eine vielstimmige Kammermusik. Das dritte Thema entwickelt dramatische Energien. Und wieder gleitet die ausklingende Exposition unmerklich in die romantische Durchführung hinüber – dieser Übergang war Bruckner seit der Ersten gelungen!

Im zweiten Satz wandert Bruckner auf Schuberts Spuren. Das Hauptthema (Violoncelli) ist heiter und melancholisch zugleich – man muss nicht wissen, dass es aus dem Hornthema des ersten Satzes hervorgegangen ist. Das ganz von Pizzicati begleitete Seitenthema verliert sich in Traumgefilden – ein Geschenk für die Bratschen! Der Satz hat Sonatenform, aber die Coda entfaltet solche Pracht, dass der Eindruck einer Barform entsteht: A (Exposition + Durchführung), A (Reprise), B (Coda).

Im Scherzo zeigt der Bruckner-Rhythmus, dass er zur Jagd taugt – nur das Trio können die Jäger nicht erreichen: eine ferne Insel des Friedens.

Das Finale beginnt mit einer Täuschung: Das zwielichtige b-Moll mit der rinnenden Sanduhr ist nicht Tonart des Satzes, aber wir glauben es, da das Scherzo auch in B stand. Mit dem in die Erinnerung zurückkehrenden Jagdthema erwacht das richtige Tonartbewusstsein. Das gewaltige Hauptthema droht in es-Moll, aber der folgende Aufschwung gipfelt im jubelnden Es-Dur des Hornthemas – so soll das Finale später enden!

Später – das bedeutet einen steinigen Weg! Das zweite Thema ist janusköpfig: Sein erstes Gesicht trauert, sein zweites lacht und spielt mit dem Bruckner-Rhythmus. Im dritten Thema peitschen wilde Sextolen auf das Unisono ein. Am Ende der kämpferischen Durchführung zerfallen alle Motive – eine gespenstische Phase der Auflösung tritt ein – die Musik verstummt. Es folgt die Reprise mit Haupt- und Seitenthema – und nun kommt es zu der eingangs beschriebenen Verstümmelung: Bruckner bereitet den Einsatz des dritten Themas schon vor, die Sextolen beginnen schon zu peitschen – da winkt er wie resignierend ab, mit einem Trugschluss verzichtet er auf den dritten Bogen seiner Architektur und lässt ihn als Fragment stehen ... die mystische Coda hebt an. Ein verstörender Vorgang, der bis in den Schluss nachwirkt. Bruckner scheint gefühlt zu haben, was er angerichtet hatte - auch das Hornthema erscheint am Schluss zerstört: In den Posaunen überlebt der Rhythmus, in den Hörnern tönen die Intervallsprünge wie finstere Glocken ...

(Mathias Husmann)

 

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