Bruckner: Sinfonie Nr. 4 Es-Dur WAB 104 „Romantische”

Jahrelang arbeitete Anton Bruckner an seiner vierten Sinfonie und schrieb sie mehrmals um. Außerdem spickte er seine „Romantische“ mit vielen bildhaften Anmerkungen, die bis heute die Musikwissenschaft beschäftigen.

© gemeinfrei

Abbildung der Stadt Köln. Illustrierter Holzschnitt aus der "Schedelsche Weltchronik", 1493

Abbildung der Stadt Köln. Illustrierter Holzschnitt aus der "Schedelsche Weltchronik", 1493

Manchen Komponisten wird gelegentlich vorgeworfen, „immer das Gleiche“ geschaffen zu haben, meist von Menschen, die genau die angesprochenen Werke nicht mögen. Das kann sich – mit Ausnahme der „Vier Jahreszeiten“ – auf Vivaldi beziehen oder auch auf die gesamte Barockmusik, auf Mozart, Wagner oder Richard Strauss. Oder eben auf Anton Bruckner. Clara Schumann wäre als Beispiel zu nennen. Sie sprach zwar nicht ausdrücklich von „immer dem Gleichen“, aber ihre Kritik fiel überaus deutlich aus: „Das ist ja ein greuliches Stück, nichts wie Fetzen aneinander gereiht und viel Bombast; dazu nun noch von unverschämter Länge.“ Leider ist nicht überliefert, auf welche Sinfonie Bruckners sie sich bezieht. Nun ist Clara Schumann als ebenso gebildete wie hochbegabte Musikerin klug genug, um zu wissen, was sie hier verurteilt, nämlich Bruckners Kompositionsstil, den sie persönlich schlicht nicht mag und deshalb vielleicht auch gar nicht verstehen möchte. Und Kritik diplomatisch zu verpacken, ist nicht unbedingt Stil ihrer Zeit.

Bruckners vierte Sinfonie jedenfalls könnte durchaus gemeint sein, denn sie ist ein „typischer“ Bruckner: Zu Beginn gibt es kein lautes „Tadaa“, wie es lange Zeit bei Sinfonien üblich war, sondern ein flirrendes Streichertremolo im Pianissimo, eine Art Nebel, der Tonart und rhythmische Struktur verschleiert, ja nicht einmal ein Tempo erkennen lässt. Erst nach zwei Takten beginnt die Musik mit einem ausschweifenden Thema, in diesem Fall als großes Hornsolo. Und bereits ein paar Takte später tritt jener Rhythmus in Erscheinung, den Bruckner in seinem gesamten Werk so oft und ausgiebig nutzt, dass er nach ihm benannt wurde: zwei normale Vierteln im Wechsel mit drei Vierteltriolen:

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Der sog. Bruckner-Rhythmus aus zwei (duolischen) und drei triolischen Vierteln
Der sog. Bruckner-Rhythmus aus zwei (duolischen) und drei triolischen Vierteln

Musikalische Motive

Die weiteren Abschnitte Seitensatz und Schlussgruppe (mit der bei Bruckner üblichen dritten Themengruppe) sind gut erkennbar voneinander abgegrenzt. Der langsame Satz – hier nicht wie üblich ein ruhiges Adagio, sondern mit der etwas schnelleren Bezeichnung „Andante quasi Allegretto“ – folgt einer Rondoform. Das zweite Thema ist den Bratschen zugeordnet und stellt damit eines der wichtigsten Gruppensoli in der gesamten sinfonischen Literatur für diese sonst hauptsächlich zur Begleitung eingesetzte Stimmgruppe dar.

Das Scherzo steht im untypischen 2/4-Takt und in Dur. Hier bevorzugt Bruckner sonst einen Dreiertakt und Molltonarten. Das Finale besitzt im Aufbau sowohl in dieser Sinfonie als auch allgemein starke Ähnlichkeit mit dem Kopfsatz: Die Taktart ist ebenso identisch wie die Tonart und die Verwendung des Sonatensatzes. Unterschiede liegen in der verkürzten Reprise und der dagegen umso gewichtigeren Koda, die das Hauptthema des Kopfsatzes wieder aufnimmt. Das Finale endet im Fortissimo und in Dur.

Bearbeitungen über Bearbeitungen

Bruckner begann 1874 mit der Arbeit an dieser Sinfonie, kam aber nur langsam voran. Wie bei einigen weiteren Sinfonien liegen auch bei der vierten mehrere Fassungen vor. Noch vor der Uraufführung arbeitete Bruckner sein Werk gründlich um, schrieb Scherzo und Finale neu. Im Fall der Vierten hat sich diese Fassung von 1878 mit dem Finale von 1880 durchgesetzt, während die erste Version von 1874 erst 1936 gedruckt und erst 1975 (!) uraufgeführt wurde.

Mit Anmerkungen von Bruckner

Bruckner selbst hat seine vierte Sinfonie „Romantische“ genannt. Es gibt eine Reihe weiterer Anmerkungen seinerseits zu ihrem Inhalt, die dem eher unscharfen Begriff „romantisch“ mehr Kontur verleihen. Diese finden sich allerdings nicht gesammelt auf einer Art „Programmzettel“, sondern verteilen sich auf verschiedene Briefe oder sind gar nur mündlich überliefert. Der Kopfsatz sei demnach das „romantische Bild“ einer „mittelalterlichen Stadt“, und das Horn rufe zu Beginn „vom Rathause herab den Tag“ aus. „Dann entwickelt sich das Leben.“ Im Seitensatz höre man den Gesang der Kohlmeise. Das Andante bezeichnete er einmal als „nächtlichen Pilgermarsch“, benannte aber auch einzelne Teile als „Lied, Gebeth, Ständchen“. Beim Scherzo sprach er vom „Jagdthema“, während das Trio „eine Tanzweise bildet, welche den Jägern während der Mahlzeit aufgespielt wird“, und zwar von einem „Leierkasten“. Das Finale von 1878 überschrieb er mit „Volksfest“.

Während in der Brucknerforschung kontrovers diskutiert wird, wieweit diese Beschreibungen wörtlich zu nehmen und ob sie für das Verständnis der Musik überhaupt von Bedeutung sind, scheint eines relativ sicher: dass es Bruckner weniger um eine Naturromantik ging als um das romantische Bild des urbanen Mittelalters, inspiriert vermutlich vom überaus geschätzten wagnerschen „Lohengrin“.

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Anton Bruckner: Sinfonie Nr. 4, Detail aus dem 2. Satz (Autograph. Fassung von 1874)
Anton Bruckner: Sinfonie Nr. 4, Detail aus dem 2. Satz (Autograph. Fassung von 1874)

Bruckner, der Wagnerianer?

Teilte sich die Musiklandschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Anhänger und Gegner Wagners, so konnte Bruckner bei keiner der beiden Parteien Sympathien sammeln. Wagner, den Bruckner tief verehrte, ließ sich zwar von ihm die dritte Sinfonie widmen, revanchierte sich für derlei Zuwendung jedoch nur zurückhaltend. Und auch die Gegenseite, die sich mit Brahms und dem Kritikerpapst Eduard Hanslick so eindrücklich dafür einsetzte, trotz und auch nach Beethoven weiter Sinfonien zu schreiben (was Wagner ablehnte), konnte dem Sinfoniker Bruckner nichts abgewinnen. Für sie war er Wagnerianer.

Und es war insbesondere der spitzen Feder Hanslicks zuzuschreiben, dass Bruckner zu Lebzeiten als Orgelvirtuose gefeiert wurde, als Komponist hingegen gerade in Hanslicks Wirkungsstätte Wien erst spät zu Ruhm gelangte. Immerhin begann dieser Ruhm 1881 mit der vom Publikum zwar nicht enthusiastisch, aber doch wohlwollend aufgenommen Uraufführung der umgearbeiteten vierten Sinfonie, gespielt – wie Mathias Husmann in seinen „Präludien fürs Publikum“ schreibt – von niemand geringerem als den Wiener Philharmonikern.

Die wichtigsten Faken zu Anton Bruckners Sinfonie Nr. 4 Es-Dur:

  1. Fassung: 1874
  2. Fassung: 1878

Überarbeitung des Finales 1879/80

Heute wird überlicherweise die Fassung von 1878 mit dem Finale von 1880 gespielt.

Sätze:

  1. Satz: Bewegt, nicht zu schnell
  2. Satz: Andante quasi Allegretto
  3. Satz: Scherzo. Bewegt – Trio. Nicht zu schnell. Keinesfalls schleppend
  4. Satz: Finale. Bewegt, doch nicht zu schnell

Orchesterbesetzung:

2 Flöten, 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotte, 4 Hörner, 3 Trompeten, 3 Posaunen, Basstuba, Pauken, Streicher

Spieldauer:

65 – 70 Minuten

Uraufführung:

20 Februar 1881 in Wien mit den Wiener Philharmonikern unter Leitung von Hans Richter

Referenzeinspielung

Bruckner: Sinfonie Nr. 4, die Romantische

Münchner Philharmoniker, Günter Wand

Profil

Anton Bruckner war einer der „Hausgötter“ des Dirigentenurgesteins Günter Wand. Egal ob mit dem NDR Sinfonieorchester oder wie hier mit den Münchner Philharmonikern – hier wusste einer, was er will und wie er das Orchester dazu bringt, dies umzusetzen. Bis ins hohe Alter hielt er mit großer Konzentration die langen Steigerungen im Blick, ließ die Spannung niemals absinken. Gleichzeitig legt er Wert darauf, die Verästelungen der einzelnen Stimmen hörbar zu machen. Dazu trägt auch die gute Tontechnik bei.

Werk der Woche - Bruckner: Sinfonie Nr. 4, die Romantische

Ein Bild des urbanen Mittelalters

Jahrelang arbeitete Anton Bruckner an seiner vierten Sinfonie und schrieb… weiter

Buchcover: Präludien für das Publikum von Mathias Husmann(UA Wien 1881)


Eine Einführung in die Vierte – dieses hochinspirierte Wunderwerk – muss mit einem Stoßseufzer über die fremden Geister und Hände beginnen, die hier mit am Werk waren. Schon vor der Uraufführung überarbeitete Bruckner die Partitur – angeblich „aus eigenem Antrieb“. Als er später die Druckfassung sah, erkannte er vieles nicht wieder. Im „endgültigen“ Finale verstümmelte er (wegen der Länge) freiwillig die Form, damit es nicht andere täten – ein in der Musikgeschichte einzigartiger Vorgang!


Immerhin – es kam zu einer angemessenen Uraufführung mit den Wiener Philharmonikern.


Über einem tiefen, leise bebenden Es-Dur-Akkord der Streicher erklingt in leuchtender Höhe viermal das gleiche Hornmotiv – gleich? Winzige Unterschiede öffnen einen riesigen Raum. Erste Phase: Ruhe. Zweite Phase: der Anfangston (und die darunterliegenden Harmonien) um ein Weniges verändert, das Herz (und die ganze Welt) erwacht. Dritte Phase: das Motiv wie zuerst, aber die Harmonien beginnen sich erdrutschartig zu bewegen. Vierte Phase: Das Motiv kadenziert in tiefer Lage und kommt wieder zur Ruhe. Eine halbe Minute wie ein ganzes Leben!


Der (in der Dritten gefundene) „Bruckner-Rhythmus“ (Duole-Triole) leitet schwungvoll zum zweiten Thema über: eine vielstimmige Kammermusik. Das dritte Thema entwickelt dramatische Energien. Und wieder gleitet die ausklingende Exposition unmerklich in die romantische Durchführung hinüber – dieser Übergang war Bruckner seit der Ersten gelungen!


Im zweiten Satz wandert Bruckner auf Schuberts Spuren. Das Hauptthema (Violoncelli) ist heiter und melancholisch zugleich – man muss nicht wissen, dass es aus dem Hornthema des ersten Satzes hervorgegangen ist. Das ganz von Pizzicati begleitete Seitenthema verliert sich in Traumgefilden – ein Geschenk für die Bratschen! Der Satz hat Sonatenform, aber die Coda entfaltet solche Pracht, dass der Eindruck einer Barform entsteht: A (Exposition + Durchführung), A (Reprise), B (Coda).


Im Scherzo zeigt der Bruckner-Rhythmus, dass er zur Jagd taugt – nur das Trio können die Jäger nicht erreichen: eine ferne Insel des Friedens.


Das Finale beginnt mit einer Täuschung: Das zwielichtige b-Moll mit der rinnenden Sanduhr ist nicht Tonart des Satzes, aber wir glauben es, da das Scherzo auch in B stand. Mit dem in die Erinnerung zurückkehrenden Jagdthema erwacht das richtige Tonartbewusstsein. Das gewaltige Hauptthema droht in es-Moll, aber der folgende Aufschwung gipfelt im jubelnden Es-Dur des Hornthemas – so soll das Finale später enden!


Später – das bedeutet einen steinigen Weg! Das zweite Thema ist janusköpfig: Sein erstes Gesicht trauert, sein zweites lacht und spielt mit dem Bruckner-Rhythmus. Im dritten Thema peitschen wilde Sextolen auf das Unisono ein. Am Ende der kämpferischen Durchführung zerfallen alle Motive – eine gespenstische Phase der Auflösung tritt ein – die Musik verstummt. Es folgt die Reprise mit Haupt- und Seitenthema – und nun kommt es zu der eingangs beschriebenen Verstümmelung: Bruckner bereitet den Einsatz des dritten Themas schon vor, die Sextolen beginnen schon zu peitschen – da winkt er wie resignierend ab, mit einem Trugschluss verzichtet er auf den dritten Bogen seiner Architektur und lässt ihn als Fragment stehen … die mystische Coda hebt an. Ein verstörender Vorgang, der bis in den Schluss nachwirkt. Bruckner scheint gefühlt zu haben, was er angerichtet hatte – auch das Hornthema erscheint am Schluss zerstört: In den Posaunen überlebt der Rhythmus, in den Hörnern tönen die Intervallsprünge wie finstere Glocken …


(Mathias Husmann)


Bruckner: Die Neun Sinfonien / allgemeine Einführung