Das Publikum des Jahres 2018: Publikumsskandale der Musikgeschichte

Der Skandal im Wandel

Es wirft zwar niemand mehr Mobiliar auf die Bühne, auch werden keine Ohrfeigen mehr während des Konzerts verteilt. Zu handfesten Skandalen, bei denen das Publikum lautstark seine Meinung kundtut, kommt es in der Musikwelt aber auch heute noch.

© gemeinfrei

Das Watschenkonzert, Karikatur in "Die Zeit" 6.4.1913

Das Watschenkonzert, Karikatur in "Die Zeit" 6.4.1913

Wien im Jahr 1913: Arnold Schönberg gibt im Musikvereinssaal ein Konzert mit seiner „Kammersymphonie“ sowie Werken seiner Kollegen Webern, Zemlinsky, Berg, Mahler. Doch heftige Reaktionen vom Publikum, die entsetzt über die neuartigen Klänge sind, führen zu einem vorzeitigen Ende des Konzerts. Der Tumult gipfelt in einer Ohrfeige, die der frustrierte Veranstalter Erhard Buschbeck einem Konzertbesucher gegeben haben soll, die später vom mit Schönberg verfeindeten Oscar Strauss „als das Melodiöseste“ bezeichnet wurde, „das man an diesem Abend zu hören bekam“.

Ähnlich erging es im selben Jahr Igor Strawinsky. Mit seinem Ballett „Le sacre du printemps“, das neben der modernen Musik auch noch skurrile Tanzeinlagen samt grausamer Handlung beinhaltete, löste der russische Komponist beim Pariser Publikum einen solchen Ärger aus, dass es sich nicht nur auf Pfiffe und Protestrufe beschränkte, sondern auch Tierstimmen nachahmte.

Kritik an radikalen Operninszenierungen

Heute sind Musikskandale zwar nicht mehr so dramatisch, es gibt sie aber noch. Während das Publikum der Neuen Musik insgesamt offener gegenübersteht und Werken von Künstlern wie Wolfgang Rihm und Helmut Lachenmann in Konzerten deutlich vernehmbare Anerkennung zukommen lässt, setzt es sich heutzutage vermehrt mit Operninszenierungen kritisch auseinander.

Während einige Regisseure mit sexistischen, diskriminierenden und gewalttätigen Szenen gesellschaftliche und ethische Grenzen austesten wollen, dient das Publikum häufig als Kontrollinstanz. Angst vor einem Skandal seitens der Zuschauer scheinen viele aber nicht zu haben.

Publikumsskandale: Gesellschaftskritik vs. Kunstfreiheit

Opernregisseure der Gegenwart wie Peter Konwitschny oder Calixto Bieito, die trotz heftiger Proteste von der Fachpresse für ihre polarisierenden Inszenierungen hochgelobt werden, verteidigen ihre Inszenierungen notfalls auch vor Gericht. So musste Konwitschny durchsetzen, dass seine Interpretation von Emmerich Kálmáns „Die Csárdásfürstin“ als eigenständiges Kunstwerk anerkannt wird, nachdem das Publikum bei der Aufführung so lautstark protestiert hatte, dass die Sänger nicht mehr zu hören waren.

© Wilfried Hösl

Szenenbild aus "Die Walküre"

Die Walküre/Bayerische Staatsoper München

In seine Inszenierung von Verdis „Der Troubadour“ hat Calixto Bieito 2003 Vergewaltigungen, Masturbation, Leichenschändung und Folterexzesse eingebaut, die die Zuschauer so schockierten, dass viele vorzeitig den Saal verließen. Publikumsgeschmack und Kunstfreiheit lassen sich eben nicht immer in Einklang bringen – und doch bereichert gerade der nicht immer friedliche Diskurs letztendlich die Kunst.

Sehen Sie den Trailer zu Konwitschnys Inszenierung der „Csárdásfürstin“:

Stimmen Sie jetzt für Ihr Publikum des Jahres 2018 ab.

Termine

Donnerstag, 03.10.2019 18:00 Uhr Staatsoper Hamburg

Verdi: Otello

Marco Berti (Otello), Marco Vratogna (Jago), Oleksiy Palchykov (Cassio), Peter Galliard (Rodrigo), Tigran Martirossian (Lodovico), Hubert Kowalczyk (Montano), Guanqun Yu (Desdemona), Nadezhda Karyazina (Emilia), Chor der Hamburgischen Staatsoper, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg, Paolo Carignani (Leitung), Calixto Bieito (Regie)

Sonntag, 06.10.2019 19:00 Uhr Staatsoper Hamburg

Verdi: Otello

Marco Berti (Otello), Marco Vratogna (Jago), Oleksiy Palchykov (Cassio), Peter Galliard (Rodrigo), Tigran Martirossian (Lodovico), Hubert Kowalczyk (Montano), Guanqun Yu (Desdemona), Nadezhda Karyazina (Emilia), Chor der Hamburgischen Staatsoper, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg, Paolo Carignani (Leitung), Calixto Bieito (Regie)

Freitag, 11.10.2019 19:00 Uhr Staatsoper Hamburg

Verdi: Otello

Marco Berti (Otello), Marco Vratogna (Jago), Oleksiy Palchykov (Cassio), Peter Galliard (Rodrigo), Tigran Martirossian (Lodovico), Hubert Kowalczyk (Montano), Guanqun Yu (Desdemona), Nadezhda Karyazina (Emilia), Chor der Hamburgischen Staatsoper, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg, Paolo Carignani (Leitung), Calixto Bieito (Regie)

Dienstag, 15.10.2019 19:00 Uhr Staatsoper Hamburg

Verdi: Otello

Marco Berti (Otello), Marco Vratogna (Jago), Oleksiy Palchykov (Cassio), Peter Galliard (Rodrigo), Tigran Martirossian (Lodovico), Hubert Kowalczyk (Montano), Guanqun Yu (Desdemona), Nadezhda Karyazina (Emilia), Chor der Hamburgischen Staatsoper, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg, Paolo Carignani (Leitung), Calixto Bieito (Regie)

Donnerstag, 24.10.2019 19:00 Uhr Bayerische Staatsoper

Beethoven: Fidelio

Stefan Soltesz (Leitung), Calixto Bieito (Regie)

Sonntag, 27.10.2019 19:00 Uhr Bayerische Staatsoper

Beethoven: Fidelio

Stefan Soltesz (Leitung), Calixto Bieito (Regie)

Mittwoch, 30.10.2019 19:00 Uhr Bayerische Staatsoper

Beethoven: Fidelio

Stefan Soltesz (Leitung), Calixto Bieito (Regie)

Samstag, 02.11.2019 19:00 Uhr Bayerische Staatsoper

Beethoven: Fidelio

Stefan Soltesz (Leitung), Calixto Bieito (Regie)

Sonntag, 03.11.2019 18:00 Uhr Semperoper Dresden

Ligeti: Le Grand Macabre (Premiere)

Omer Meir Wellber (Leitung), Calixto Bieito (Regie)

Donnerstag, 07.11.2019 19:00 Uhr Semperoper Dresden

Ligeti: Le Grand Macabre

Omer Meir Wellber (Leitung), Calixto Bieito (Regie)

Auch interessant

Opern-Kritik: Nationaltheater Mannheim – Marienvesper

Stille, dann Jubel

(Mannheim, 15.12.2018) Calixto Bieito lotet mit Monteverdis grandiosem Sakralwerk das Wunder der unbefleckten Empfängnis aus. weiter

Opern-Kritik: Semperoper Dresden – Moses und Aron

Massen im Sturm

(Dresden, 29.9.2018) Calixto Bieito und Alan Gilbert bescheren dem neuen Semperopern-Intendanten Peter Theiler mit Arnold Schönbergs Zwölftonoper einen grandiosen Einstand. weiter

Opernregisseur Calixto Bieito im Porträt

Jenseits der Komfortzone

Ihm eilt der Ruf des Skandalregisseurs und Scharfmachers voraus, doch Calixto Bieito steigt auch hoch sensibel in die Innenwelten seiner Opernfiguren hinab weiter

Kommentare sind geschlossen.