Das Publikum des Jahres 2018: Publikumswandel durch Social Media

Wir können alle mitdiskutieren

Die unbegrenzten Kommunikationsmöglichkeiten der Social-Media-Kanäle bringen uns die Stars der Klassikwelt näher und schaffen ein Podium für Rückmeldungen des Publikums. Ein Plädoyer für den großen Austausch.

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Symbolbild social media

Symbolbild social media

Sie möchten wissen was Anna Netrebko am 15. November gemacht hat? Das ist kein Geheimnis. Sie war an diesem Donnerstag im Prager Veitsdom und bestaunte die herrlichen Buntglasfenster. Eine ganze Sammlung von Fotos und ein Video hat sie mit ihren Followern auf Instagram geteilt. Auf Social Media-Plattform kann man sich auch Bilder von Jonas Kaufmann beim Reiten ansehen und Cellist Gautier Capuçon stellt dort gerne Videos von seinen Proben ein. Näher heran kommt man an die großen Stars nur bei einem Meet-and-Greet. Doch die sind unverändert eine Seltenheit.

Klassikstars als Influencer?

Da die Protagonisten der Klassikwelt in der Wahrnehmung der gesellschaftlichen Mehrheit ab der Nachkriegszeit mehr und mehr in den Elfenbeinturm entschwanden, ist die virtuelle Präsenz mit Alltagsgeschichten von jüngeren Diven und Solisten ein Bruch in einer Jahrzehnte umfassenden Entwicklung. Heute kann man unter den einzelnen Beiträgen seiner Lieblingsmusiker über die Kommentarfunktion in den direkten Austausch mit ihnen treten. Das Potenzial zu einer ungleich höheren Breitenwirkung ist da. Allerdings gelang es bislang noch keinem Klassikstar, zum branchensprengenden Influencer mit einer Reichweite bis in den Mainstream zu werden. Allenfalls von Netrebko mit ihren 400.000 Instagram-Followern könnte man das behaupten.

Zugänglich geworden sind auch aufführende Institutionen. Erstaunlich, wie viel man über eine Neuproduktion schon vor der Premiere erfahren kann. Beispielsweise erzählt Sopranistin Krassimira Stoyanova in einem Facebook-Video der Semperoper davon, wie sie ihre Interpretation der Titelpartie in Strauss’ „Ariadne auf Naxos“ anlegt. Regisseurin Lindy Hume gibt in einem Beitrag der Oper Leipzig Einblicke in ihre Arbeit mit den Sängerinnen und Sängern, mit denen sie dieser Tage Bizets „Carmen“ auf die Bühne bringt. Die Staatsoper Stuttgart wiederum lässt den ziemlich quirligen Regisseur Axel Ranisch in ihrem „Vlog“ davon erzählen, wie er die Probenarbeit zu Prokofjews „Die Liebe zu den drei Orangen“ gestaltet.

Livekommentierung auf Twitter

Für das Publikum bietet der Wandel durch Social Media großartige Möglichkeiten. Schon Wochen vor der Premiere wird die Neugier über Einblicke in die Vorbereitungen angestachelt und selbst schwer verständliche Regieansätze sind durch persönliche Botschaften des Teams via Opern-Trailer zugänglicher. Tina Lorenz, Referentin für digitale Kommunikation am Staatstheater Nürnberg, erzählt davon, wie diese Nähe zum Publikum in ihrem Arbeitsalltag aussieht. Das kann inhaltlich auch mal speziell werden, wenn sie beispielsweise für barockes Repertoire wie Händels „Xerxes“ vorab Fragen zur historisch informierten Aufführungspraxis erreichen: „Das beantworte ich dann in Rücksprache mit den Dramaturgen.“

Tag-Cloud mit einigen Klassi-hashtags

Wenn sich schließlich der Vorhang hebt, sind im Zuschauerraum alle gleichberechtigt. Längst hat sich für die Bewertung des Bühnengeschehens die Demokratie durchgesetzt und der Opernkritiker ist zu Zeiten von Twitter kein Alleinherrscher mehr. Schon in der Pause kann jeder Zuschauer das Smartphone zücken und seine Eindrücke mit der Community teilen. „Oft fotografieren Gäste ihr Programmheft und posten das Bild in der Pause“, sagt Lorenz. Bei Liveübertragungen von Opernpremieren, Konzerten und Klassik-Events kann theoretisch das ganze Land mitdiskutieren, wie sich jüngst bei der Ausstrahlung der Verleihung des Opus Klassik beobachten ließ. Am Abend des 14. Oktober tauschte man sich online rege über das Geschehen aus.

Unangemessene Kritik an Damrau

Innerhalb der letzten Jahre ist eine völlig neue Dynamik in der Publikumsdiskussion entstanden. Eine Entwicklung, auf die Konzert- und Opernhäuser reagieren müssen. Denn selbstverständlich kann eine Institution Lob stillschweigend zur Kenntnis nehmen, öffentlich geäußerte Kritik kann aber nicht einfach übergangen werden. Besonders wenn sie unsachlich ist. Auch bei der Selbstdarstellung eines Hauses schaut das Publikum oft ganz genau hin. Es kam schon vor, dass sich eine Opernleitung fragen lassen musste, warum im Facebook-Post zur gelungene Premiere allen Sängerinnen und Sängern, dem Orchester und dem Dirigenten gedankt wurde, aber nicht dem Opernchor.

Respektlose Kommentare, die man nicht zitieren möchte, finden sich auffällig oft unter Youtube-Videos. Selbst große Stars wie Diana Damrau bleiben von der Häme nicht verschont. Bereits mehrfach hat sich die Sängerin öffentlich dazu geäußert, dass der Druck auf die Künstler deutlich gestiegen ist. Aber gerade sie steht mit ihrer natürlichen Art und ihren lebendigen Auftritten auf Facebook & Co. für die Vereinbarkeit von Karriere und Kontaktfreude.

Diskussion via Social Media als Chance

Mit den Social Media-Redakteuren ist ein neuer Berufszweig in der Kulturbranche gewachsen und wir alle haben die Chance, uns mit anderen Begeisterten über das Musikleben auszutauschen. Eine Möglichkeit, die wir viel intensiver nutzen könnten. Damit ließe sich ein Signal setzen: Wenn in der Bevölkerung über Opern und Konzerte lebendig und intensiv gesprochen wird, ist jeder Tweet ein Argument für die unverzichtbare staatliche Subvention des Kulturlebens.

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