Interview Hans-Christoph Rademann

„Näher dran am originalen Bach geht es nicht“

Von historisch informierter Aufführungspraxis bis zur Elektroparty: Hans-Christoph Rademann spricht über die Neuausrichtung des Musikfests Stuttgart.

© Roberto Bulgrin

Hans-Christoph Rademann

Hans-Christoph Rademann

Eigentlich hätte in diesem Jahr einiges anders sein sollen beim Musikfest Stuttgart. Die Internationale Bachakademie hatte als Veranstalter des Festivals auch die anderen großen Musikinstitutionen Stuttgarts mit ins Boot geholt, darunter das SWR Symphonieorchester sowie die Staatsoper und die Philharmoniker der Stadt. Außerdem sollten auf dem Festival 2020 gleich drei Jubilare gefeiert werden– neben Beethoven sind dies die beiden Württemberger Hölderlin und Hegel. Doch bereits im April sagte die Internationale Bachakademie nach enger Abstimmung mit der Landeshauptstadt Stuttgart das Musikfest Stuttgart 2020 ab. Als tröstende Alternative plant die Internationale Bachakademie nun ausgewählte Veranstaltungen in den Herbst zu verlegen. Unter dem Motto „Drei Tage mit Bach“ sollen im November unter anderem das Eröffnungskonzert aus dem Musikfest 2020 mit der Uraufführung des Auftragswerks von Mark Andre realisiert werden. Außerdem beabsichtigt der Veranstalter die Verschiebung einiger Programmpunkte in das Musikfest Stuttgart 2021 und kündigt an, die von der Absage betroffenen Künstler zum Musikfest Stuttgart 2022 einzuladen. Das Interview fand noch vor den aktuellen Entwicklungen statt.

Herr Rademann, in diesem Jahr findet das Musikfest zum ersten Mal nicht wie bisher in den letzten beiden Wochen der Sommerferien statt. Warum?

Hans-Christoph Rademann: Die Stadt ist in den Sommerferien, wenn man von Touristen absieht, fast leer. In der zweiten Woche des Musikfests kamen die Menschen zwar allmählich aus den Ferien zurück, aber am Wochenende haben sich viele schon wieder auf den ersten Schultag vorbereitet. Was dazu geführt hat, dass viele Menschen, darunter auch viele Vertreter der Stadt, Entscheider sozusagen, das Musikfest noch gar nie erlebt haben.

Haben Sie wegen dieses Terminwechsels das Musikfest im letzten Jahr ausgesetzt?

Rademann: Ja. Wir konnten nicht ein Musik­fest im Herbst und gleich wieder eines im Frühling machen. Dadurch haben wir auch Mittel eingespart, die wir jetzt einsetzen können. Wir haben für 2020 das Budget von zwei Jahren städtischer Förderung zur Verfügung.

Das klingt üppig …

Rademann: Ja, aber, im Vergleich zu anderen Veranstaltungen dieser Größenordnung, dem Bachfest Leipzig etwa, ist der Förderungsbetrag immer noch vergleichsweise klein. So werden wir in Zukunft ein großes, internationales Musikfest nicht stemmen können. Wir hoffen sehr, dass die Entscheidung der Stadt dafür noch kommt. Aber das wird auch davon abhängen, wie erfolgreich das Musikfest jetzt sein wird.

Inhaltlich hat man den Eindruck, dass beim Stuttgarter Musikfest 2020 kaum ein Stein auf dem anderen geblieben ist.

Rademann: Ja, zum Beispiel haben wir jetzt zum ersten Mal in Kooperation mit der Staatsoper eine Opernpremiere im Rahmen des Musikfests. Dazu kommen große Orchesterkonzerte. Wir werden auch mehr genreübergreifend arbeiten, Experimente wagen. Etwa bei der „Klangreise – Ein Tag der Musik“ am 20. Juni, bei der man im Stuttgarter Szenetreff Wizemann einen kompletten Tag mit Musik erleben kann. Am Ende gibt es eine Party mit den DJs Kruder & Dorfmeister. Das ist wirklich was ganz Neues. Eine wichtige Intention war auch die Öffnung des Musikfests für die ganze Stadt. Wir beteiligen die musikalischen Akteure und Institutionen in ganz Stuttgart, so weit uns das eben möglich ist.

Statt in Konkurrenz zu treten sagen Sie: Wir wollen an einem Strang ziehen?

Rademann: Ja, wir wollen unsere gemeinsame Kompetenz demonstrieren. Und damit auch beglaubigen, dass Stuttgart eine Kulturhauptstadt ist.

»heilignüchtern« lautet das Motto des Musikfests. Was steckt hinter diesem Begriff?

Rademann: Beim Eröffnungskonzert gibt es die Uraufführung eines Werks von Mark Andre, mit dem ich viel darüber gesprochen habe, ob er nicht etwas für uns komponieren könnte. Er sagte, dass sein Grund­thema beim Komponieren der Atem, der Wind des Heiligen Geistes sei. Das hat mich unglaublich inspiriert. Wir haben dann hier an der Bachakademie darüber diskutiert und ich habe dafür geworben, es zu riskieren, über das Thema des Heiligen Geists ein Musikfest zu machen. Und da 2020 ein Hölderlin-Jahr ist, ist daraus das Thema „heilignüchtern“ geworden.

Welche Rolle spielt das Musikfest-Café?

Rademann: Das hat sich rasant entwickelt. Beim letzten Musikfest sollte es in einem kleinen Café sein. Aber das war komplett überlaufen, so dass wir das ins Foyer des Hospitalhofs verlegen mussten. Man kann hier nochmal über die erlebten Veranstaltungen sprechen, reflektieren. Ein kleines Festival der Gespräche, sozusagen.

»Out of the box« lautet der Titel einer Musikfestreihe. Aus welcher Kiste wollen Sie da raus?

Rademann: Da sind neue Formate – niederschwellige Angebote, könnte man sagen, für Menschen, denen das klassische Konzert­format vielleicht zu steif ist. Mir ist nur wichtig, dass es kein bloßes Event ist, sondern dass dabei auch Inhalt vermittelt wird.

© Holger Schneider

Hans-Christoph Rademann

Hans-Christoph Rademann

Speziell die Veranstaltungen im Szenetreff Wizemann sind ja sehr ungewöhnlich. Da werden Instrumente aus Recyclingmaterial gebaut, es gibt Klanginstallationen mit Gummistiefeln. Wen möchten Sie damit ansprechen?

Rademann: Jugendliche, Familien mit Kindern. Wir schauen mal, wer da kommt. Singen wollen wir auch mit den Besuchern …

Verbinden Sie damit auch die Hoffnung, dass diese Menschen dann auch mal zu einem normalen Konzert der Bachakademie kommen?

Rademann: Vor allem, dass sie überhaupt Zugang finden zur klassischen Musik. Wir müssen Möglichkeiten finden, diese Zugänge zu erleichtern, und dazu gehören solche Veranstaltungen. Es wäre schön, wenn viele Stuttgarter das wahrnehmen und sich bei uns wohlfühlen.

Bei einem sogenannten »Liegekonzert« mit Musik von Steve Reich, Fauré und Rachmaninow kann man sich auf Matratzen oder Kissen fläzen, und das in einer Kirche. Sehr protestantisch ist das ja nicht …

Rademann: Muss es ja auch nicht. „Sichten auf Bach“ ist dafür protestantisch, wenn Sie so wollen …

Darauf kommen wir gleich noch. Aber fürchten Sie nicht, dass Sie das Stammpublikum der Bachakademie mit solchen Veranstaltungen vor den Kopf stoßen?

Rademann: Ach, ich glaube, sie freuen sich darüber! Unser Publikum ist aufgeschlossener als man denkt.

Zu der Reihe »Sichten auf Bach«, zu denen es insgesamt acht Konzerte gibt: Welche Sichten werden das sein?

Rademann: Zum Beispiel das Konzert mit dem Leipziger Thomanerchor. Näher dran am originalen Bach geht es ja nicht, sofern er mit einem Barockorchester auftritt – was er in Leipzig selten kann, da er einen Vertrag mit dem Gewandhausorchester hat. Auch die Niederländische Bach-Vereinigung schätze ich persönlich sehr. Deren Leiter Shunske Sato ist ein hervorragender Geiger, bin sehr gespannt, wie er von der Geige aus dirigiert. Oder Lars-Ulrik Mortensen mit dem Concerto Copenhagen, ein unglaublicher Musiker, der in kleinster Besetzung musiziert. Das unterscheidet sich dann auch stark von dem, was wir mit der Bachakademie machen. Es gibt ja heute sehr verschiedene Handschriften, die alle unter dem Begriff „historische Aufführungpraxis“ firmieren, wobei immer noch viele meinen, dass alles dasselbe sei. Mein Ziel ist, dass das Publikum diese Unterschiede kennenlernt. Als Helmuth Rilling die Bach­akademie geleitet hat, gingen ja von Stuttgart aus die Pfeile in die Welt hinaus. Der Stuttgarter Bach war ein Export­artikel. Dann hat sich die Bachrezeption verändert, irgendwann war das eben nicht mehr der allerneueste Schrei. Wir haben nun einen neuen Stuttgarter Bachstil kreiert, der sehr vom Wort aus entwickelt ist. Das Ganze kombinieren wir mit einem kräftigen, ja sogar kernigen Klangbild, selbstverständlich historisch informiert und mit Originalinstrumenten. Als ich hier als Akademieleiter begann, sagte ich deshalb: Wir müssen jetzt die Gewohnheiten ändern, die Pfeile erst mal umdrehen und die interessantesten Bachinterpreten nach Stuttgart holen.

Also sehen Sie sich selber nicht als Exportartikel?

Rademann: Das würde ich so nicht sagen. Ich möchte erreichen, dass wir auch mit unserem neuen Musizierstil wieder das führende deutsche Bachensemble werden. Ich denke, dass wir davon nicht mehr weit entfernt sind. Die Bedingungen hier bei der Bachakademie schaffen dafür die bestmögliche Grundlage.

CD-Tipp

Handel: Messiah (Dublin Version)

Gaechinger Cantorey
Hans-Christoph Rademann (Leitung)
accentus music

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