In der jüngsten Ausgabe ihrer Morgenmusik konnten die Symphoniker Hamburg mit einem klug kuratierten Programm und Weltklasse-Geiger Maxim Vengerov als Solisten überzeugen. Die zweiteilige Matinee in der Laeiszhalle lud dazu ein, ältere Musik aus der Perspektive nachfolgender Generationen zu hören – mit Werken von Sergej Prokofjew und Alexey Shor – sowie Schlüsselwerke in neuem Gewand zu erleben, dieses Mal aus den Federn von Michail Glinka und Peter Tschaikowsky.
Symphoniker Hamburg mit strahlender Spielfreude
Keck und leichtfüßig eröffneten die Symphoniker Hamburg den frühlingshaften Morgen mit Prokofjews erster Sinfonie. Die sogenannte „Klassische“ folgt in ihrer äußeren viersätzigen Form dem traditionellen Schema der Wiener Klassik, wobei die Tongrammatik an jene von Joseph Haydn angelehnt ist. Dirigent Emmanuel Villaume arbeitete mit den dynamisch hervorragend austarierten Symphonikern den frechen Sarkasmus der Hommage heraus: vermeintlich falsche Schlüsse, harmonisches Glatteis und aberwitzige chromatische Wendungen – fast wähnte man den Komponisten neckisch lachend im Raum. Rhythmische Feinheiten forderte der Franzose am Pult mit kleinen präzisen Gesten ein, ansonsten ließ Villaume dem Ensemble viel Freiheit zur Entfaltung. Die so geförderte Spielfreude und der strahlende Ausdruck in den Gesichtern der Musiker sprachen für sich.
„Carpe Diem“ – zeitgenössische Musik zum Genießen
Mit Spannung wurden der erste Auftritt von Maxim Vengerov und Alexey Shors hierzulande wenig bekanntes sechstes Violinkonzert erwartet. Im Gegensatz zu vielen Gegenwartskomponisten verzichtet der 1970 in der Ukraine geborene Shor auf übermäßige Dissonanzen und die Suche nach Erkenntnisgewinn in experimentellen Klanggebilden. Seine Musik ist bewusst eingängig, spricht die Emotionen der Zuhörer an und verleitet mühelos zu herrlichem Gedankenkino.
„Carpe Diem“, so der Titel des in Hamburg gespielten Konzerts, bezauberte im Kopfsatz mit klangschwelgerischer Nostalgie. Während das Orchester vornehmlich für den Puls sorgte, führte Vengerov mit lang gespannten Melodiebögen das Stück an, wobei sich die Intensität und Ausdrucksstärke seines Spiels auf konstant hohem Niveau bewegte. Deutlich lyrischer geriet das anschließende Moderato, dessen romantisches Thema Streicher und Hörner äußerst breit vorstellten, bevor es von der Solovioline aufgegriffen, variiert und immer wieder zum Orchester zurückgespielt wurde. Nachdrücklich bediente sich Vengerov hier seines ansonsten relativ sparsam eingesetzten Vibratos. Extrovertiert, fulminant und energetisch wiederum das Finale, in dem der Solist am deutlichsten zu vernehmen war. Zeitgenössische Musik in romantischer Anmutung, die niemanden wehtut, sondern ganz im Gegenteil zum bewussten Genießen einlädt – auch so lässt sich Horaz’ antiker Sinnspruch deuten.
Rundes und von Vertrauen geprägtes Dirigat
Nachhaltigen Einfluss auf das Entstehen eines russischen Nationalstils übte hingegen Glinka mit seiner Oper „Ruslan und Ljudmila“ 1842 aus. Den Symphonikern Hamburg gelang am Sonntagmorgen das Kunststück, mit der daraus stammenden Ouvertüre die fantastische Märchenwelt und den ihr inhärenten Dualismus zwischen guten Helden und bösen Zauberern in den Konzertsaal zu projizieren. Die Streicher rissen mit ihren wirbelnden Läufen den Zuhörer förmlich mit, während Bläser und Pauken donnernde Akzente setzten. Einmal mehr vertraute Villaume in den ruhigeren Abschnitten der Einleitung dem Orchester und reduzierte, wo immer möglich, sein von runden Gesten geprägtes Dirigat auf ein Minimum.
Maxim Vengerov – bravourös, souverän, mustergültig
Als Höhepunkt der Matinee kündigte sich Tschaikowskys Violinkonzert an. Geiger Vengerov ließ hier vom ersten Ton an keinen Zweifel, dass das Werk zu seinen Paradestücken zählt. Durchweg expressiv und gesanglich, mit einem warmen, ja fast schon das Publikum umschließenden Ton sowie über jeden Anflug von Kitsch und künstlicher Süße erhaben, gestalte der 51-Jährige souverän das Konzert. Selten hört man die Solokadenz im ersten Satz, die mit zahlreichen Doppelgriffen, rasanten Läufen, extrem weiten Sprüngen und Flageoletts zu den anspruchsvollsten Kadenzen überhaupt zählt, so klar und auf natürliche Art bravourös wie an diesem Morgen. Die Symphoniker Hamburg erwiesen sich als gleichberechtigter, wo nötig aber auch wohltuend zurückhaltender Partner. Vollkommen zurecht bedankte sich das Publikum in der gut besuchten Laeiszhalle mit stehenden Ovationen bei den Künstlern, allen voran bei Maxim Vengerov, der mit dem Adagio aus Johann Sebastian Bachs g-Moll-Violinsonate einen ruhigen Schlusspunkt setzte.




