OPERN-KRITIK: MAHLER FESTIVAL IN LEIPZIG 2023 – DIE DREI PINTOS

Fleißarbeit für Filetstück

(Leipzig,11.5.2023) Weberscher Erfindungsreichtum trifft Mahlersche Instrumentationspikanterie: „Die drei Pintos“ sind ein Filetstück – gut abgehangen und trotzdem knackfrisch. Ein wichtiger Beitrag zur Mahler-Enzyklopädie.

© Gert Mothes

Krešimir Stražanac, Matthew Swensen, Viktorija Kaminskaite und Annelie Sophie Müller in „Die drei Pintos“

Krešimir Stražanac, Matthew Swensen, Viktorija Kaminskaite und Annelie Sophie Müller in „Die drei Pintos“

Beim wegen der Pandemie auf 2023 gesetzten Mahler Festival Nr. 2 der Musikstadt Leipzig gastieren vom 11. bis 29. Mai hochkarätige Orchester. Der in Leipzig sehr geliebte Thomas Hampson gibt eine Meisterklasse in der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ und einen Liederabend im Gewandhaus. Zusätzliche Attraktivität verspricht nach den großen Konzerten das Wunderhorn-Festival von Klassik Underground in der Moritzbastei. Ein Orgelschwerpunkt präsentiert auch Arrangements von Mahler-Sinfonien. Das Gewandhausorchester finalisiert mit Mahlers Auferstehungssinfonie Nr. 8 und eröffnete das Mahler Festival mit dessen Bearbeitung von Carl Maria von Webers selten live zu hörenden Opern-Fragment „Die drei Pintos“.

Eher ungeliebt als unbekannt

Auf die ursprünglich geplante Inszenierung von Johannes Erath verzichtete man im Gewandhaus für Mahlers „einzige Oper“, in der alles irgendwie aus dem Fragment und anderen Werksplittern Carl Maria von Webers stammt. Weber hatte nach Beendung des „Freischütz“ 1820 für das Folgeprojekt „Die drei Pintos“ zwar einen genauen Werkplan, führte aber nicht einmal die Hälfte der Vertonung von Theodor Hells Textbuch nach der Novelle „Der Brautkampf“ von Carl Seidel aus. Nach seinem Tod bat Webers Witwe Caroline dessen zur Opern-Weltkarriere ansetzenden Freund Giacomo Meyerbeer um Vollendung des kreativen Konvoluts, wobei zu einem Akt keine einzige Note aus der Feder Webers existierte. Meyerbeer blieb in Sachen „Die drei Pintos“ zwanzig Jahre rat- und tatenlos. Auch Louis Spohr und Johannes Brahms kniffen.

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Matthew Swensen und Viktorija Kaminskaite in „Die drei Pintos“

Matthew Swensen und Viktorija Kaminskaite in „Die drei Pintos“

Eine nicht unwesentliche Rolle bei der Beschäftigung Gustav Mahlers für „Die drei Pintos“, deren Vollendung in Leipzig 1888 mindestens ebenso dringlich erwartet wurde wie 90 Jahre später die Cerha-Fassung von Alban Bergs „Lulu“-Torso in Paris, spielte Marion, die Ehefrau von Webers Enkel Karl und Mahlers bedeutendste Geliebte vor der Komponistin Alma Schindler. Auf alle Fälle gelang dem jungen Leipziger Kapellmeister eine glänzende Arbeit. Die Uraufführung am 20. Januar 1888 fand im Neuen Theater vor viel Prominenz und neugierigen Theaterschaffenden statt. Zwanzig Bühnen spielten das Werk nach, welches erst 1976 durch die Gesamtaufnahme der Münchner Philharmoniker unter Gary Bertini wieder größere Beachtung fand.

Dramaturgische Nachlässigkeiten

Vor allem der Regionalbezug und die Vollständigkeit der festlichen Mahler-Enzyklopädie waren für die Leipziger Präsentation maßgeblich. Auf Dialoge und verbindende Zwischentexte wurde verzichtet, ebenso auf die eine Überprüfung der Stichhaltigkeit des die „Pintos“-Wirkungsgeschichte begleitenden Textbuch- Bashings. Von der Handlung um die vorsätzliche Verwechslung des geliebten Mannes, des vom Vater inthronisierten Bräutigams und eines sich einmischenden Heiratskandidaten für die hübsche Clarissa aus Madrid war demzufolge nur wenig zu verstehen. Aber man hörte deutlich, wie ernst und lustvoll Mahler seinen Job nahm. Am ersten Konzertabend war das Gewandhausorchester in ähnlicher Glanzlaune wie 1888, als es Mahler enthusiastische Jubelhymnen über seine Qualität entlockt hatte. Betreffend Gesangspartien, Weberschem Erfindungsreichtum und Mahlerscher Instrumentationspikanterie sind „Die drei Pintos“ ein Filetstück – gut abgehangen und trotzdem knackfrisch.

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Benjamun Bruns und Krešimir Stražanac in „Die drei Pintos“

Benjamun Bruns und Krešimir Stražanac in „Die drei Pintos“

Beide künstlerische Strategien waren ähnlich. Ganz bewusst hatte Weber im „Freischütz“ alle Musiktheater-Formmuster vom Gebet bis zum Trinklied eingesetzt und mit diesem musicalartigen Verfahren die deutschen Nationaloper erfunden. Gleiches machte Mahler hier in der Orchestration. Im Vergleich zu Mahlers äußerst konzentrierter Wahl seiner deshalb eindeutig erkennbaren Mittel in den Sinfonien zeigte dieser in „Die drei Pintos“ wie nur noch in der sinfonischen Kantate „Das klagende Lied“ eine schon kokette Experimentierlust. Da kommen für den Opernkenner Mahler, der in Leipzig seinen Wissensspeicher für spätere Aufgaben in Hamburg und Wien ausbaute, zwei essenzielle Aspekte zum Tragen. Bestens hörbar bringt Mahler in „Die drei Pintos“ Kenntnisse der späten französischen Opern Meyerbeers, Rossinis und Berlioz‘ Instrumentationslehre zum Anschlag, die Weber zum Zeitpunkt der „Pintos“-Komposition noch nicht haben konnte, weil sich diese Innovationen erst nach seinem Tod verbreiteten.

Zwischen Nostalgie und Zukunftskomödie

Zum anderen betrachtete Mahler dieses Projekt mit hoher Wahrscheinlich auch als nostalgisches Unterfangen. Verwechslungs- und Verheiratungskomödien waren in dieser dramatischen Form nach 1880 längst überlebt, kamen allenfalls noch in operettig karikierender Überzeichnung und als hinterlistig filigrane „Komödie für Musik“ auf die Bühne. Oder sie landeten in der Schublade wie beispielsweise Joachim Raffs „Dame Kobold“. Mahler wusste, dass seit Hermann Goetz‘ „Der Widerspenstigen Zähmung“ ein frischerer Komödien-Wind durch den deutschsprachigen Musikraum wehte, und hatte das in seiner „Pintos“-Adaption beherzigt.

Ein offen duftiges Stück wie die von Katja Stuber nicht durchgängig mit erforderlicher Lupenreinheit gesungene Romanze von dem verliebten Kater Mansor war zu Webers Zeiten, der dafür seinem Ännchen die Ballade vom Kettenhund Nero zuschlug, noch nicht möglich. Ästhetische Welten liegen auch zwischen Mahler und Lortzings eine Generation früher entstandenen Leipziger Opern. Wie stilsicher sich Mahler in die Bravourarien-Seligkeit von vor fünfzig Jahren einfühlte, beweist das große Solo der hier mit Viktorija Kaminskaite sehr lyrisch besetzten Haupt- und Heiratspartie Clarissa.

© Gert Mothes

Dmitri Jurowski dirigiert das Gewandhausorchester

Dmitri Jurowski dirigiert das Gewandhausorchester

Mahler, der Stimmenversteher

Mahler mutet – die Koloraturzeiten für Tenöre sind 1888 längst vorbei – den hohen Männerstimmen weitaus weniger Schwierigkeiten zu als Weber. Benjamin Bruns als Gaston (für den erkrankten Martin Mitterrutzner) hat gleich beim ouvertürelosen Beginn ein federleicht beflügeltes Trinklied, Matthew Swensen gibt das Bestmögliche für den Allerweltspart des Don Gomes. Man muss zugeben: Für die Bässe und Bassbaritone wusste Weber Schärferes und Dunkleres zu schreiben als Mahler. Oder lag es an Franz Hawlata (Don Pinto de Fanseca) und Wilhelm Schwinghammer als Brautvater (Don Pantaleone heißt er erwartungsgemäß)? Annelie Sophie Müller lieferte eine bemerkenswert dunkle Farbe für die zwischen Mezzosopran und Soubrette schwebende Partie der Laura.

An unerwarteter Stelle erste Wahl war der Bariton Krešimir Stražanac als Ambrosio – samtweich in der Kernlage und rekordverdächtig wohlklingend im oft geforderten Falsett. Bemerkenswert gut, kultiviert und schön präsentierte sich der immer wieder anders auf der Orgelempore und dem Hauptpodium positionierte Gewandhaus Chor in der Einstudierung von Georg Meyer. Dmitri Jurowski, am Pult eingesprungen für Petr Popelka, nahm das Orchester als Hauptsache. Dabei gleißte und brillierte dieses Opern-Entrée zum Mahler Festival vor allem für die angereisten Gäste. Aus dem bei weitem nicht vollen Gewandhaus drängten unverhältnismäßig viele zum vorzeitigen Aufbruch. Weder Weber noch Mahler haben das verdient. Denn beide waren in der Wahl ihrer kompositorischen Mittel weitaus anspruchsvoller als der Leipziger Richard Wagner in seiner einzigen Brachialkomödien-Experience „Das Liebesverbot“.

Mahler-Festival in Leipzig 2023
Carl Maria von Weber/Gustav Mahler: Die drei Pintos

Dmitri Jurowski (Leitung), Gregor Meyer (Chor), Wilhelm Schwinghammer, Viktorija Kaminskaite, Matthew Swensen, Annelie Sophie Müller, Benjamin Bruns, Franz Hawlata, Katja Stuber, Krešimir Stražanac, Gewandhausorchester, Gewandhaus Chor

Weitere Vorstellungen: 12. & 14.5.2023

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