Startseite » Oper » Opern-Kritiken » Eine Puppenstube wird zum Horrorhaus

Opern-Kritik: Oper Frankfurt – Written on Skin

Eine Puppenstube wird zum Horrorhaus

(Frankfurt am Main, 1.3.2026) Regisseurin Tatjana Gürbaca setzt in ihrer Neuinszenierung einer der stärksten Opern des 21. Jahrhunderts auf subtil ausgelotete Momente einer surreal angehauchten Poesie des Abgründigen. Auch musikalisch entlockt Erik Nielsen der Partitur neue Facetten.

vonPeter Krause,

Die Latte lag sehr hoch: Denn die Uraufführung von „Written on Skin“ im Sommer 2012 beim Festival d’Aix en Provènce war nicht nur deshalb ein ganz großer Wurf, weil George Benjamin und Martin Crimp eine – in jeder feinen Verzweigung und konzisen Verdichtung von Musik und Text – schlichtweg großartige Oper schufen. Es gelang damals eben auch eine kongeniale Umsetzung in der Inszenierung von Katie Mitchell und durch die kaum zu übertreffende Sängerdarstellerin Barbara Hannigan in der Partie der Agnès, der wichtigsten der drei Hauptfiguren. Durch die vielen Koproduktionspartner erlangte das Werk – laut der Zeitung „Le Monde“ nicht weniger als die beste Oper seit Alban Bergs „Wozzeck“ – sogleich breite internationale Bekanntheit. In seiner nur selten veränderten Besetzung und der packenden Inszenierung wurde die Produktion der Uraufführung sogleich zur Referenz, an der sich jede neue Sicht auf das Werk messen lassen muss – so nun auch die Premiere an der Oper Frankfurt, wo sich Tatjana Gürbaca diesem Meisterwerk des 21. Jahrhunderts annahm.

Szenenbild aus „Written on Skin“ an der Oper Frankfurt
Szenenbild aus „Written on Skin“ an der Oper Frankfurt

Eine Hügellandschaft – wüst und leer

Die Regisseurin, die bei Wagner, bei Verdi, Puccini und Janáček mit ausgeprägtem psychologischem Feinsinn in besondere Tiefen der Werke vorstieß und so immer wieder bislang verborgene Schichten freilegte, steigt in „Written on Skin“ nun nachgerade demütig ein. Die Hügellandschaft, die ihr Klaus Grünberg auf die Bühne gestellt hat, ist nahezu wüst und leer, nur am hinteren linken Rand steht eine Miniaturversion der Wolkenkratzer von Frankfurt am Main, was uns wohl sagen will: Wir befinden uns in der Gegenwart. Die fünf Sängerdarsteller, die von Anfang an gemeinsam dieses Ambiente bevölkern, wirken darin wie Riesen in einer Puppenstube. Die räumlichen Relationen und Dimensionen sind surreal verschoben. Die Perspektiven stimmen nicht. Eine naturalistische Geschichte dürfte uns darin also kaum erzählt werden. Wohl eher ein Märchen, das sich Kinder erträumen, die in der kleinen heilen Welt eines Puppenhäuschens die Versuchsanordnung von der richtigen Welt da draußen erproben. Herrlich harmlos sieht das alles aus.

Szenenbild aus „Written on Skin“ an der Oper Frankfurt
Szenenbild aus „Written on Skin“ an der Oper Frankfurt

Märchen-Thriller für Erwachsene

Aber genau das ist es natürlich nicht, denn wenn hier auch ein Märchen erzählt wird, dann ist es eines für Erwachsene, ja, eines für Fortgeschrittene, die gewillt sind, sich auf einen Thriller einzulassen, der ja eben – wie im Genre des Films üblich – auch nicht gleich mit der Tür des Terrors und Horrors ins Haus fällt, sondern zunächst eine fast beiläufige Normalität vorgaukelt. Die Dreiecksgeschichte, die Martin Crimp auf Basis des mittelalterlichen Epos vom „verspeisten Herzen“ ersonnen hat, ist ja durchaus harter Tobak: Ein reicher Mann will sich und seine guten Taten von einem jungen Künstler in Worten und Bildern eines üppigen Buches idealisiert verewigen lassen. Zwischen dem Künstler und der Ehefrau des Großgrundbesitzers entsteht eine Affäre. Als der mächtige Protector davon erfährt, tötet er den Nebenbuhler („The Boy“) und nötigt seine Gattin Agnès, unwissend dessen Herz zu verspeisen.

Szenenbild aus „Written on Skin“ an der Oper Frankfurt
Szenenbild aus „Written on Skin“ an der Oper Frankfurt

Ein allmählicher Emanzipationsprozess einer Frau zwischen den Zeiten

Wie in einem guten Krimi – das Werk dauert dicht gedrängte 90 Minuten – lässt sich Tatjana Gürbaca nun einige Zeit, bis sie die Spannungskurve bis nah ans Unerträgliche steigert. Die Puppenstube – ein Ort, so unschuldig wie vor dem Sündenfall – mit diesen großen Menschen und ihren kleinen Sehnsüchten ist dafür das perfekte Setting. Darin kommt uns im besonderen das Schicksal der Agnès immer näher, die in der Lesart der Regisseurin einen allmählichen Emanzipationsprozess durchläuft. Die Kostüme von Silke Willrett helfen dabei, von einer Frau zu erfahren, die von der bedingungslosen Hörigkeit ihrem Mann gegenüber zu einer mutig Aufbegehrenden mutiert. Zunächst dominieren historisierende, hochgeschlossen strenge Kleider (die Legende spielt schließlich im Mittelalter) einer Frau, die als Besitzt ihres Gatten weder lesen noch schreiben lernen durfte, am Ende darf Elizabeth Reiter als Agnès auch mal ihre Beine zeigen. Die Demütigung der Blindverkostung des Herzens ihres Geliebten wendet sie in den Triumph der Selbstbestimmung.

Jenseits klassischer Gut-Böse-Schemata

Das allmähliche Anziehen der Thriller-Schraube läuft bei Gürbaca über subtil ausgelotete Momente einer surreal angehauchten Poesie des Abgründigen. Es braucht gar keine naturalistischen Schockeffekte, um das Dreieck von Begehren, Eifersucht und Identitätsfindung vielgestaltig auszuloten. Und es braucht keine klassischen Gut-Böse-Schemata. Denn der Protector, dem Bo Skovhus seinen deklamationsstarken Bariton leiht, ist keineswegs nur das patriarchalische Monster, er sucht und findet wie seine Frau in The Boy eine Projektionsfläche. Die Annäherung zwischen Gutsbesitzer und Künstler hat eine sanfte, nie vordergründige homoerotische Note, nicht zuletzt weil Iurii Iushkevich mit seinem androgynen Countertenor keinerlei vordergründige Männlichkeit ausstrahlt, sondern ein fast geschlechtsloses Wesen der Kreativität ist, das seiner Umwelt den Spiegel vorhält, um aus dem Ergebnis Kunst zu generieren.

Szenenbild aus „Written on Skin“ an der Oper Frankfurt
Szenenbild aus „Written on Skin“ an der Oper Frankfurt

Stimmliche Wandlung einer großen Frauenfigur

Wie Elizabeth Reiter die Wandlung der Agnès nicht nur darstellerisch, sondern auch stimmlich nachvollzieht, geht wahrlich unter die Haut: Nachgerade zerbrechlich, ja gläsern wirkt ihr Sopran zu Beginn, mit der Entwicklung eigener weiblicher Identität  bricht sie aus diesem Vokalkorsett aus und zeigt sich aufbäumende, intensiv strahlende, auch scharfe Töne. Sie muss dazu Barbara Hannigan nicht kopieren, findet ihren ganz eigenen Zugang zu dieser hoch spannenden Frauenfigur zwischen den Epochen. Auch Erik Nielsen findet mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester einen ganz eigenen Zugriff auf die exzeptionelle Partitur. Während sich der zur Uraufführung selbst dirigierende Komponist wie später auch Kent Nagano mehr dem filigranen Andeuten verschrieben (Debussy schien da immer wieder auf), gerät Nielsens Lesart gestisch zugespitzter, eine Spur expressionistischer benennend als nur mehr impressionistisch versponnen die Innenwelten aushörend. Da scheinen die Holzbläser zu uns sprechen und nachgerade krasse Thriller-Qualitäten zu entwickeln. Die Musik weiß hier im Sinne eines wissenden Orchesters mitunter mehr, als die Figuren selbst im selben Augenblick wissen können. Die (scheinbare) Zurückhaltung der Szene hebt diese Qualitäten noch hervor: Es entsteht ein intensives, subkutanes Hörtheater, dem man sich kaum entziehen kann, so gar kein bluttriefender Krimi-Schocker, wie die Inhaltsangabe nahelegen mag. So bietet diese Neuinszenierung einigen Mehrwert, sie ergänzt die legendäre Uraufführungsproduktion um ein wichtiges Kapitel der Interpretationsgeschichte dieses enormen Werks.  

Oper Frankfurt
Benjamin: Written on Skin

Erik Nielsen (Leitung), Tatjana Gürbaca (Regie), Klaus Grünberg (Bühne & Licht), Silke Willrett (Kostüme), Maximilian Enderle (Dramaturgie), Bo Skovhus (The Protector), Elizabeth Reiter (Agnès), Iurii Iushkevich (First Angel / Boy), Cecelia Hall (Second Angel / Marie), Michael McCown (Third Angel / John), Frankfurter Opern- und Museumsorchester






Auch interessant

Rezensionen

Newsletter

Jeden Donnerstag in Ihrem Postfach: frische Klassik!