Nun also doch. Mickey Maus, der stets freundlich dreinblickende, quirlig piepsende Superheld jeder Kindheit, hat sich dem Bösen verschrieben. Er ist nun auf Linie, ein regimetreuer Ja-Sager, und dient größeren, nun ja, beleibteren Herren. Der einst reine Charakter dieser Maus ist verkommen, geblieben ist allein das Falsett. In was für eine Welt sind wir da nur hineingeschlafwandelt, in der Kermit die Faust gegen Miss Piggy erhebt. In der alles, was Rang und Namen hat – von Elvis bis Captain America – auf seinen ganz persönlichen Fender-Road-Moment wartet, um damit um die Gunst eines stets gelangweilten Despoten zu buhlen, nur um im anschließenden Aufmerksamkeitsschaulaufen durchzufallen.

Die USA, ein sinkender Stern
Eine Welt, in der das Cheerleader-Mädchen nicht einfach nur stereotype Karikatur angstvoller Naivität im Horrorfilm ist, sondern genau das, was es nun einmal ist: hinter Restathletizismus versteckte erbarmungslose Blödheit. Was ist das nur für eine von (Wahl-)Zombies bevölkerte Welt, in der Vampire plötzlich nicht mehr bloß blutsaugende Geschöpfe der Nacht sind, sondern Verteidiger von Kunst, Klima und Moral? Eine Welt, in der Godzilla, jener zart verstrahlte japanische Reaktorunfall, unvermittelt zum Akteur eines fatalistischen Endzeitkampfs wird und der russische Bär im Tutu den Bückling macht. Gott ist zwar weiterhin eine Stimme aus dem Off – aber warum ist sie weiblich? Und warum spricht Gott Englisch und nicht etwa Aramäisch, Griechisch oder wenigstens Latein?
In einer solchen Welt möchte wahrlich niemand leben. Und doch, so scheint Olga Neuwirths Oper „Monster’s Paradise“ zu behaupten, leben wir bereits in ihr. Das Werk nach einem dicht gearbeiteten Libretto von Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, das am Sonntagabend an der Staatsoper Hamburg uraufgeführt wurde, zerrt an mancher gern geglaubten Gewissheit und zieht dabei eine ausladende dadaistische Blutspur hinter sich her.

Antworten zu Fragen, die niemand gestellt hat
Zwei inhaltliche Motive sind für „Monster’s Paradise“ prägend: die Zerstörung der Demokratie durch Despotismus – hier steht kein Geringerer als Donald Trump Pate – und der Hitzetod des Planeten durch was auch immer. Das Publikum begleitet die Vampiretten Vampi und Bampi (jeweils singend und schauspielernd: Sarah Derise und Sylvie Rohrer, beziehungsweise Kristina Stanek und Ruth Rosenfeld), die in einer zugleich zynischen wie moralisch überreizten Spieloper zunächst an der fehlenden Kunstsinnigkeit der Gegenwart verzweifeln und schließlich zu dem Schluss kommen, zum Wohl der Welt müsse man den König-Präsidenten töten. Natürlich scheitert dieses Unterfangen an der Übermacht des unersättlichen Despoten, der obendrein auf Überlebensgröße anwächst (– im aufblasbaren wie aufgeblasenen Fettanzug: Georg Nigl). Gestoppt wird er erst von Gorgonzilla, jener für das Gute kämpfenden Riesenechse, die den König-Präsidenten nach epischem Kampf schlichtweg frisst.
Doch die Welt in ihrer apokalyptischen Tendenz – Feuersbrunst hier, Überschwemmung da, Armut und Gier andernorts – kann selbst Gorgonzilla nicht retten. Am Ende treiben Vampi und Bampi auf einem Stück Floß verloren umher: Die Kunst, das Klavier, auf dem sie im Duett Schubert spielen, ist nur noch reine Makulatur.

Kurzweilig und kurzlebig?
Um stringentes Erzählen geht es in „Monster’s Paradise“ selbstverständlich nicht. Doch auch nennenswerte inspirative Unterhaltung finden Neuwirth, Jelinek und der hier Regie führende Intendant Tobias Kratzer nur bedingt. Der grotesk-infantile Allmachtsanspruch des König-Präsidenten ist deutlich dem Nekrotzar aus Ligetis „Le Grand Macabre“ nachempfunden; vieles erinnert an den Klassiker, nur das Tröten und Hupen bleibt aus. Neuwirth etikettiert um: aus Grand Macabre wird Grand Guignol, also nur eine andere Form der überdrehten theatralen Inszenierung. In seiner Hermeneutik des politischen Jetzt bleibt das Werk nicht minder naiv, wirkt märchenhaft – und nur dank der Trump-Persiflage, die im barock überladenen, gülden gefärbten Oval Office unappetitlich vor sich hinvegetiert, beinahe schauerlich vertraut.
Das Anhäufen von Figuren aus der US-amerikanischen Popkultur und trashigen Impressionen ist ästhetisches Prinzip und gerät als Kritik an einem Amerika im Glanzverlust durchaus unterhaltsam, wenngleich sich das Szenario zunehmend in Redundanzen verfängt. Schwer verdaulich wird es, wenn Neuwirth und Jelinek daraus einen Cocktail aus Kapitalismuskritik, Feminismus und Klimaaktivismus anrühren. Gerade Letzteren hat das Hamburger Thalia Theater auf der anderen Seite der Binnenalster mit T. C. Boyles „Blue Skies“ deutlich komischer – und vor allem kürzer – verhandelt.

Biedere Bildsprache, Ideenreichtum im Orchester
Die Bilder von brennenden Waldlandschaften, stickigem Rauch und steigenden Pegeln, die Kratzer wählt, sind allzu vertraut und erinnern an Philip Glass’ „Koyaanisqatsi“. Mit Umweltzerstörung als Zivilisationsbruch lockt man selbst ironisch niemanden mehr aus der Deckung; und Godzilla/Gorgonzilla, dieser Che Guevara im Echsenkostüm, wirkt als linker Vorkämpfer gegen Armut wie kulturelle Aneignung.
Musikalisch jedoch blitzen immer wieder überzeugende Ansätze auf, etwa in den kunstvoll verwobenen, mitunter aus der Popkultur entlehnten Melodien, die man häufig eher erahnt als wirklich hört. So taucht „House of the Rising Sun“ auf, Fragmente der Nationalhymne „The Star-Spangled Banner“, dazu Zitate aus der „Fledermaus“ sowie eine gekonnt verfremdete, elegische Schubert-Fantasie. Neuwirth liegt das maschinelle Zerren ihrer eklektischen Partitur, mit gedämpften Bläsern, glitzerndem Glockenläuten, elektronischen Verzerrungen und Bandelementen, spürbar leicht in der Hand.

High Performer Nigl und Engel
Die überspitzt unterwürfigen Rollen treffen auf moralische Einwürfe des Jugendchors; gegen Ende tendiert vieles ins Oratorienhafte. Das Orchester bleibt der zentrale Illustrator des Geschehens, während sich der Gesang erst allmählich ausbildet und letztlich etwas auf der Strecke bleibt. Darstellerische Größe entfalten vor allem Georg Nigl, seit jeher Sachverständiger für despotische Exzentriker, sowie Andrey Watts als Handlanger Mickey.
Am Pult zeigt Titus Engel, ausgewiesener Spezialist für Neue Musik, wie man mit gestalterischer Lust und Tiefe nahezu alles aus einer Partitur herausholt, was nicht bereits elektronisch vorgezeichnet ist. Seine ergebenen Fans dürfte Kratzer mit dieser inhaltlich überfrachteten, dabei jedoch etwas an Pfiff vermissenden Uraufführung zufriedengestellt haben. Der verheißene große Wurf aber bleibt „Monster’s Paradise“ wohl schuldig.
Staatsoper Hamburg
Neuwirth: Monster’s Paradise (UA)
Titus Engel (Leitung), Tobias Kratzer (Regie), Matthias Piro (Co-Regie), Rainer Sellmaier (Bühne & Kostüme), Jonas Dahl & Janic Bebi (Video), Markus Noistering (Live-Elektronik), Oliver Brunbauer & Olga Neuwirth (Sound-Design & Samples), Julien Aléonard (Klangregie), Michael Bauer (Licht), Christian Günther (Chor), Priscilla Prueter (Kinder- und Jugendchor), Georg Nigl, Sarah Derise, Sylvie Rohrer, Kristina Stanek, Ruth Rosenfeld, Anna Clementi, Vanessa Konzok, Andrew Watts, Eric Jurenas, Ruben Drole, Charlotte Rampling, Lucas Niggli (drums), Seth Josel (guitar), Alsterspatzen, Chor der Hamburgischen Staatsoper, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
Termintipp
Mi., 04. Februar 2026 19:00 Uhr
Musiktheater
Neuwirth: Monster’s Paradise
Scott Hendricks (König/Präsident), Sarah Defrise (Vampi), Ruth Rosenfeld (Bampi), Anna Clementi (Gorgonzilla), Andrew Watts (Mickey), Eric Jurenas (Tuckey), Ruben Brole (Ein Bär), Titus Engel (Leitung), Tobias Kratzer (Regie)
Termintipp
So., 08. Februar 2026 19:00 Uhr
Musiktheater
Neuwirth: Monster’s Paradise
Georg Nigl (König/Präsident), Sarah Defrise (Vampi), Ruth Rosenfeld (Bampi), Anna Clementi (Gorgonzilla), Andrew Watts (Mickey), Eric Jurenas (Tuckey), Ruben Brole (Ein Bär), Titus Engel (Leitung), Tobias Kratzer (Regie)
Termintipp
Mi., 11. Februar 2026 19:00 Uhr
Musiktheater
Neuwirth: Monster’s Paradise
Georg Nigl (König/Präsident), Sarah Defrise (Vampi), Ruth Rosenfeld (Bampi), Anna Clementi (Gorgonzilla), Andrew Watts (Mickey), Eric Jurenas (Tuckey), Ruben Brole (Ein Bär), Titus Engel (Leitung), Tobias Kratzer (Regie)
Termintipp
Fr., 13. Februar 2026 19:00 Uhr
Musiktheater
Neuwirth: Monster’s Paradise
Georg Nigl (König/Präsident), Sarah Defrise (Vampi), Ruth Rosenfeld (Bampi), Anna Clementi (Gorgonzilla), Andrew Watts (Mickey), Eric Jurenas (Tuckey), Ruben Brole (Ein Bär), Titus Engel (Leitung), Tobias Kratzer (Regie)
Termintipp
Do., 19. Februar 2026 19:00 Uhr
Musiktheater
Neuwirth: Monster’s Paradise
Georg Nigl (König/Präsident), Sarah Defrise (Vampi), Ruth Rosenfeld (Bampi), Anna Clementi (Gorgonzilla), Andrew Watts (Mickey), Eric Jurenas (Tuckey), Ruben Brole (Ein Bär), Titus Engel (Leitung), Tobias Kratzer (Regie)




