Edvard Grieg zum 175. Geburtstag

Mehr als nur ein Nationalkomponist

Heute hätte der norwegische Komponist Edvard Grieg seinen 175. Geburtstag gefeiert – es gibt noch so viel mehr als „Peer Gynt“ und „Holbergs Zeit“ über ihn zu entdecken

© Nationalmuseum Stockholm/gemeinfrei

Edvard Grieg. Gemälde von Erik Werenskiold, 1892

Edvard Grieg. Gemälde von Erik Werenskiold, 1892

Besonders die grandiose Naturschönheit des Hardangerfjords zog ihn magisch an – Zeit seines Lebens blieb Bergen für Edvard Grieg (1843-1907) der biografische Bezugspunkt: Auf dem Landgut Lsandås wuchs er auf, in Troldhaugen, südlich der zweitgrößten Stadt Norwegens, liegt er begraben. Für sein Studium zog es ihn allerdings an das Leipziger Konservatorium, das seinerzeit in Norwegen einen hervorragenden Ruf genoss.

Dort studierte er dreieinhalb Jahre Klavier und Komposition unter anderem bei Carl Reinecke. Wegen einer Brustfellentzündung, deren Folgen ihn ein Leben lang plagen sollten, reiste er zurück in seine Heimat. In Norwegen wechselte er zwischen Bergen, Kopenhagen und Oslo und sorgte für eine Menge Wirbel: Er begründete die erste norwegische Musikakademie und reformierte als Dirigent der Philharmonischen Gesellschaft das Konzertleben der Stadt durch neuartige Programme vom Barock bis zur Gegenwart.

Norwegens Volksmusik lieferte Edvard Grieg einen schier unerschöpflichen Fundus an unverbrauchten Melodien

Doch die entscheidenden Impulse auf seinem Weg zum „Nationalkomponisten“ erhielt er von seinem Studienkollegen Richard Nordraak sowie dem Geiger Ole Bull, der zudem ein glühender Patriot war. Er war es, der Grieg mit der ländlichen Volksmusik Norwegens bekannt machte, die dem jungen Komponisten einen schier unerschöpflichen Fundus an unverbrauchten Melodien lieferte.

1866 zog er in das damalige Kristiania, das erst 1924 in Oslo umbenannt wurde, und heiratete im darauffolgenden Jahr seine Cousine Nina Hagerup. Edvard Hagerup Grieg, so sein vollständiger Name, wollte Musik komponieren, die den einfachen Menschen gefällt. Trotzdem hatte er große Ambitionen. Zusammen mit seiner Frau, die Sopranistin war, reiste er von Stadt zu Stadt, traf Tschaikowsky, Brahms, Liszt und Saint-Saëns. Sie führten ein interessantes, aber auch anstrengendes Leben, das auch an ihrer Ehe nicht spurlos vorbeiging. Zeitweilig plagten Grieg sogar depressive Stimmungen. Der Tod seiner erst zwei Jahre alten, einzigen Tochter Alexa belastete die Gemüter ihrer beiden Eltern sehr.

Griegs einziges Klavierkonzert wurde ein voller Erfolg

© gemeinfrei

Edvard Grieg

Edvard Grieg

Da ist es zumindest ein geringer Trost, dass der Pianist und Dirigent mit schottischen Wurzeln bereits zeitlebens große Anerkennung und Bekanntheit genoss. Schon seine Eltern waren angesehene Leute in ihrem Dorf: Der Vater betrieb eine Exportfirma für Hummer und Trockenfisch und hatte parallel das Amt des britischen Vizekonsuls inne. Seine Mutter sorge als ausgebildete Pianistin für Musik im Haus. Schon als Kind wusste Grieg, dass Musik sein Leben ist: Stundenlang saß er am Klavier und erforschte die Töne.

Von allen Romantikern hat er sich mit am meisten um Rhythmik bemüht, wie sein einziges Klavierkonzert a-Moll op. 16 zeigt. Erste Skizzen und Entwürfe zu dem Werk entstanden im Sommer 1868 in Søllerød, abgeschieden vom Trubel des nahegelegen Kopenhagen, in einem idyllischen Gartenhäuschen. Vollendet wurde das Instrumentalwerk aber erst ein Jahr später. Die Uraufführung erfolgte am 3. April 1869 in Kopenhagen – ein voller Erfolg und nicht zuletzt ein Meilenstein im Schaffensprozess Griegs. Im Publikum saßen neben zahlreichen Kollegen auch die musikbegeisterte Königin Louise und der Klaviervirtuose Anton Rubinstein, der nicht nur herzlich applaudierte, sondern auch gleich seinen Flügel zur Verfügung stellte.

Auch sein einziges vollendetes Streichquartett g-Moll zählt ohne Zweifel zu den bedeutendsten Werken der Gattung. In einem Brief äußerte Grieg, dass das Quartett nicht als Trivialität für schlichte Gemüter gedacht sei, sondern auf Weite setze, auf den Flug der Fantasie und dabei vor allem die Klangfarben der Instrumente zählten. Die Dramatik des Verlaufs und die Klanggestaltung standen für ihn im Vordergrund. Somit steht das Werk in einer Tradition des orchestralen, klangbezogenen Quartettkomponierens, die von Schuberts späten Quartetten über Debussy bis hin zu Bartók reicht. Das 1878 in Köln uraufgeführte Werk kann als fehlendes Bindeglied in dieser Entwicklung angesehen werden.

Meister der kleinen musikalischen Formen

Trotz allen Erfolgs lag Griegs kompositorisches Augenmerk vornehmlich auf den kleinen musikalischen Formen und weniger auf den großen, monumentalen Werken. Mit seinen „Lyrischen Stücken“ führte Edvard Grieg gar eine Art poetisches Klaviertagebuch. Dennoch schrieb er im Alter von 20 Jahren eine Sinfonie, die zugleich ein kurioses Schicksal ereilte: Er schrieb das Werk in einer für ihn wichtigen Zeit in Kopenhagen, wo er sich unter anderem erstmals intensiv mit norwegischer Volksmusik auseinandersetzte. Grieg vollendete den ersten Satz in zwei Wochen und ließ die übrigen drei Sätze bis zum Mai 1864 folgen.

Doch die c-Moll-Sinfonie, die durch Zurede seines dänischen Lehrers Niels Wilhelm Gade erste Formen annahm, verschwand für lange Zeit in den Archiven. Denn nach einigen Teil-Aufführungen in Bergen und Kopenhagen vermerkte Grieg „må aldrig opføres“ (darf niemals aufgeführt werden). Erst als der russische Dirigent Vitali Katajew eine Kopie der Partitur von der Stadtbibliothek Bergen zu „wissenschaftlichen Zwecken“ anforderte und das Werk schließlich Ende 1980 entgegen der Abmachung in der Sowjetunion aufführen ließ, sahen sich die Norweger gezwungen, das vergessene Werk ebenfalls durch eine Aufführung zu rehabilitieren.

Hören Sie Griegs Sinfonie c-Moll:

concerti-Tipp:

Festtage Grieg 175 der Grieg-Begegnungsstätte Leipzig e. V.
15.-24.6.2018
Grieg Quartett Leipzig, Leipziger Universitätsorchester, Leipziger Ballett u. a.
Leipzig

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