Orchesterproben in Zeiten von Corona

„Der Spucknapf muss noch umziehen“

Was von der Proben- und Konzertsaison übrig ist, läuft zaghaft wieder an – allerdings gibt es erhebliche dramaturgische Einschränkungen.

© Markenfotografie

Marek Janowski dirigiert die Dresdner Philharmonie

Marek Janowski dirigiert die Dresdner Philharmonie

So viel Licht hat der Dresdner Kulturpalast zuletzt selten gesehen. Es ist wieder Probenzeit am Altmarkt: Die vorderen Publikumsreihen wurden entfernt, damit die ohnehin schon große Bühne erweitert werden konnte. Dafür werden nun schnelle Absprachen zu Strichen oder Artikulation wegen der großen Abstände über das halbe Podium gerufen, und „die Musiker müssen spüren, wo sie für sich ‚zu früh‘ spielen sollten, damit alles synchron ist, das kann man schlecht erklären“, sagt Chefdirigent Marek Janowski, der den Probenaufwand deswegen deutlich höher einschätzt als üblich. „Die ungewohnte Situation schärft die Reflexe und schadet ganz sicher nicht, aber sie ist alles andere als ideal.“

Dabei war klar: „Entweder wir akzeptieren die Bedingungen und können dadurch endlich weiterspielen, oder eben nicht“, sagt Konzertmeisterin Heike Jannicke. „Wir lernen wahnsinnig viel daran: eine ganz andere Art der Wahrnehmung, wir müssen vieles erahnen, andere Antennen ausfahren.“ Zumal nun jeder Dresdner Philharmoniker am eigenen Pult sitzt, auf denen Paul Hindemiths „Kammermusik Nr. 2“ liegt, ein herrlich freches Potpourri aus dem Jahre 1924. In insgesamt drei Konzerten, die Deutschlandfunk Kultur vom 11. bis 13. Juni live aus dem Kulturpalast sendete, kombinierte Janowski sämtliche Kammermusiken des Expressionisten mit den Pariser Sinfonien von Joseph Haydn.

Detaillierte Hygiene- und Abstandsregeln

„Der Spucknapf muss noch umziehen“, ruft der Maestro dem Orchesterwart hinterher. Gemeint ist der Trompeter, denn alle Bläser müssen ihr Kondenswasser wegen der Ansteckungsgefahr auffangen. Das ist Teil einer Expertise zur Zukunft des Konzertlebens, mit der die Berliner Charité Anfang Mai nach zwei Monaten kulturellen Stillstands überraschte: Stolze dreizehn Seiten umfasst die „Stellungnahme zum Spielbetrieb der Orchester während der COVID-19 Pandemie“, gemeinsam herausgegeben mit sieben großen Berliner Orchestern. Als „temporäre Maßnahmen in einer extremen Ausnahmesituation“ sprechen darin vier hochrangige Mediziner Empfehlungen mit detaillierten Hygiene- und Abstandsregeln für den Proben- und Spielbetrieb aus. Wer in Berlin hoffte, dass sich aus diesem konstruktiven Pamphlet neue Konzertperspektiven ergeben würden, wurde indes recht schnell enttäuscht.

Denn vergangen sind seitdem mehrere Wochen, und bis auf einige vereinzelte Kammerkonzerte, Radiokonzerte und die ebenso innovativen wie mit der Zeit durchaus ermüdenden virtuellen Events haben nur wenige Mitunterzeichner den Schritt nach vorn gewagt. Die Deutsche Oper führte auf ihrem Charlottenburger Parkdeck Jonathan Doves Kammerversion des „Rheingolds“ auf, das Konzerthausorchester spielte zwei Konzerte in Dortmund zur Wiedereröffnung des dortigen Konzerthauses.

© Bernd Uhlig

Jonathan Doves „Rheingold auf dem Parkdeck“ mit Derek Welton (Wotan), Annika Schlicht (Fricka), Flurina Stucki (Freia) und Padraic Rowan (Donner/Froh)

Jonathan Doves „Rheingold auf dem Parkdeck“ mit Derek Welton (Wotan), Annika Schlicht (Fricka), Flurina Stucki (Freia) und Padraic Rowan (Donner/Froh)

Nervosität vor den ersten Proben

Allein der Wiedereinstieg in die Proben löste bei den Musikern schon Glücksgefühle aus: „Nach all den vielen klein besetzten Konzerten, die wir in den vergangenen Monaten in Online-Streams, Kliniken, Altenheimen oder am Telefon gespielt haben, ist es für uns alle von enormer Wichtigkeit, eine Sinfonie in einem großen Saal erklingen zu lassen“, schrieb Geigerin Karoline Bestehorn, und Soloklarinettist Ralf Forster berichtete gar von „Nervosität, wie es sich wieder anfühlen wird.“ Weitere Möglichkeiten, das auszuprobieren, hat er indes nicht mehr: Zwar wurden nun kleine Konzerte auf Schulhöfen initiiert, aber das Programm bleibt ansonsten weiterhin aufs Web zurückgezogen.

Auch die Sächsische Staatskapelle Dresden hat als Orchester der Semperoper ihre Saison vorzeitig abgebrochen. Dennoch versucht man nun mit den Lockerungen wieder möglich zu machen, was eben geht. Wie die Philharmoniker beteiligten sich die Kapellmusiker an den in Stuttgart begründeten „1:1 Concerts“, bei denen jeweils ein Musiker einem Zuhörer gegenübersitzt. Arte und ZDF senden seit Ende Mai jeden Freitag ein Kammerkonzert vor leeren Sälen der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Deren Museen sind einschließlich des ausgeraubten Grünen Gewölbes zwar wieder geöffnet, können aber eben keine Konzertbesucher empfangen. „Uns fehlt der Orchesteralltag“, sagt Solobratscher Sebastian Herberg. „Einfach in die Oper gehen, ein dickes Buch aufschlagen, Oper spielen und die Kollegen hören.“

Dass es einen Entwöhnungseffekt während der Schließzeit geben könnte, befürchten durchaus viele Orchestermusiker deutschlandweit. Aber öffentlich zitieren lassen möchte sich damit niemand. Zu stark ist jetzt der Druck, Optimismus um jeden Preis zu verbreiten. Dabei war der Kulturhauptstadtbewerber Hildesheim als erster aus der Schockstarre erwacht. Schon vier Tage nach der medizinischen Stellungnahme der Charité trat die Philharmonie des Theaters für Niedersachsen (TfN) erstmalig wieder zusammen und spielte live für ihr Publikum. Aber natürlich war die Mitteilung von Generalmusikdirektor Florian Ziemen nur ein schwacher Trost, denn das Kurzkonzert mit einem Sinfoniesatz von Beethoven ging doch nur als Video über den digitalen Äther.

Was passiert an der Basis?

In anderen kleineren Städten wie Reutlingen versuchten die Intendanzen inzwischen, der schrittweisen Öffnung des Kulturbetriebs kleine Auftrittsformen abzuringen, etwa mit den so genannten Zaungast-Konzerten der Württembergischen Philharmonie in dreizehn Pflegeheimen der näheren Umgebung. In Heidelberg widmete Generalmusikdirektor Elias Grandy sein Beethovenjugendkonzert kurzerhand zu einem Podcast um und lud KiKa-Moderator Malte Arkona zu sieben Folgen Musikunterricht ein. In Bochum spielte Rudolf Buchbinder Anfang Juni beim Klavierfestival Ruhr den ersten Klavierabend nach dem Lockdown: vor 152 von 225 erlaubten Gästen. Die große Frage bleibt: Wer wird sich trauen zuzuhören, wenn es wieder erlaubt ist? Und was passiert an der Basis? „Der Kulturbetrieb baut ja aufeinander auf“, gibt Staatskapellen-Cellist Tom Höhnerbach zu bedenken. „Auch die großen Häuser können ohne die kleinen Häuser, die Musikschulen, die kulturelle Bildung nicht überleben.“

© Marco Borggreve

Rudolf Buchbinder

Rudolf Buchbinder

Gleichwohl ist demnächst – von Bundesland zu Bundesland verschieden – immer mehr möglich. So werden etwa in Bayern seit dem 15. Juni Kulturveranstaltungen mit höchstens fünfzig Besuchern in geschlossenen Räumen erlaubt sein, im Freien maximal hundert. Doch bei aller Experimentierfreude – wegen des Verbots von Großveranstaltungen bis 31. August zeichnet sich nirgendwo ein geregelter Spielbetrieb ab, auch nicht im gerade freigelassenen Thüringen. Und selbst wenn ein paar Besucher kommen: Orchesterkonzerte in großer Besetzung sind immer noch nicht umsetzbar, meint Reinhard Oechsler, Manager beim SWR-Symphonieorchester. Von Wirtschaftlichkeit mag bei den öffentlich bezuschussten Klangkörpern bei virtuellen oder ausgedünnt besetzten Konzerten kaum jemand sprechen – für private Veranstalter wie die Freiburger Albert-Konzerte sind sie nicht kostendeckend denkbar.

Seiner Zeit durchaus voraus erweist sich da wiederum Marek Janowski mit seiner Dresdner Philharmonie. Schon am 18. Juni kann der große Saal im Kulturpalast am Altmarkt fast 500 Besuchern Platz bieten. Haydns 99. Sinfonie stellt Janowski dabei Beethovens „Komplimentierquartett“ entgegen, das die Gäste vom Quatuor Ébène beisteuern, und fängt damit wieder dort an, wo er im Februar aufhören musste. „Planerisch fahren wir hier auf Sicht, damit werden wir noch einige Zeit zu tun haben“, ist der 81-jährige Orchestererzieher überzeugt, der Vorverkauf ist gestartet. Aber naiv ist Janowski natürlich nicht, auch wenn er für seine Philharmonie keine ernste Gefahr sieht: „Irgendwann werden Kämmerer und Finanzminister überall nach Einsparpotenzial suchen, und ich wünsche von ganzem Herzen, dass kein Orchester dadurch total beschädigt wird. Aber ich fürchte, das wird nicht der Fall sein.“

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