1700 Jahre jüdische Musik in Deutschland | Spurensuche: Jüdische Musikstätten in Deutschland

Durch Raum und Zeit

Viele Orte in Deutschland liefern besondere Einblicke in die jüdische Kultur- und Musikgeschichte. Eine Rundreise durch die Bundesrepublik.

© Katharina Dose

Stätten jüdischer Musik- und Kulturgeschichte in Deutschland

Stätten jüdischer Musik- und Kulturgeschichte in Deutschland

1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland – das hinterlässt Spuren in der kulturellen wie in der musikalischen Landschaft. Wer sich auf die Suche macht, kann überall in der Bundesrepublik Orte finden, die die jüdische Kultur und das jüdische Musikleben in Geschichte und Gegenwart direkt erlebbar machen.

© Marek Śliwecki

Weithin sichtbar: die Neue Synagoge an der Oranienburger Straße in Berlin

Weithin sichtbar: die Neue Synagoge an der Oranienburger Straße in Berlin

Eine besonders extensive Fülle bietet die Stadt Berlin, Heimat der größten jüdischen Gemeinde in Deutschland. Im Stadtbild spiegelt sich die Präsenz der jüdischen Kultur vor allem im guten Dutzend Synagogen wider, die über das gesamte Zentrum verteilt sind. Besonders hervorstechend: die Neue Synagoge an der Oranien­burger Straße, deren Vorderbau nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg vollständig rekonstruiert wurde. Mit ihrer fünfzig Meter hohen goldenen Kuppel und der maurischen, prachtvollen Bauweise stellt sie ein Symbol für die Bedeutung und das Selbstbewusstsein der jüdischen Gemeinschaft in Berlin dar. Komponist Louis Lewandowski, Namensgeber des sonst jährlich in Berlin stattfindenden Louis-­Lewandowski-Festivals, wirkte hier ab dem Einweihungsjahr 1866 als Dirigent und Chorleiter. Er gilt als Revolutionär der Synagogalmusik, gleichzeitig machte er die traditionellen jüdischen Themen auch für andere Gesellschaften populär. Sein Grab kann auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee besichtigt werden.

© Z thomas/Wikimedia Commons

Grabstätte von Louis Lewandowski auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee in Berlin

Grabstätte von Louis Lewandowski auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee in Berlin

Allerdings war Lewandowski bei Weitem nicht der einzige Komponist jüdischer Abstammung, der in Berlin gewirkt hat: Berlins Hochschule für Musik trägt den Namen von Hanns Eisler, dessen Grab sich ebenso wie das von Paul Dessau auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Mitte befindet. Der Waldfriedhof Dahlem ist die letzte Ruhestätte von Opernkomponist Franz Schreker. Giacomo Meyerbeer liegt neben seiner Mutter – der ihrerzeit berühmten Berliner Salonière Amalie Beer – auf dem Jüdischen Friedhof in der Schönhauser Allee begraben; an ihn erinnert zudem eine Gedenktafel an seiner letzten Berliner Wohnstätte (Pariser Platz 6a). Gedenktafeln sind auch vom zeitweise in Berlin ansässigen Kurt Weill (Altonaer Str. 22) und dem 1933 von den Nazis aus Berlin vertriebenen Friedrich Hollaender (Cicerostraße 14) zu finden, ebenso von Felix Mendelssohn und seiner Schwester Fanny Hensel (Leipziger Straße 3), die beide auf dem Dreifaltigkeits-Kirchhof I in Berlin-Kreuzberg begraben wurden.

Wandgemälde, Stolpersteine und Ruinen

© Ajepbah/Wiki Commons

Stolperstein für Viktor Ullmann vor der Hamburgischen Staatsoper

Stolperstein für Viktor Ullmann vor der Hamburgischen Staatsoper

Felix und Fanny kamen – wie auch Komponist Paul Dessau – in Hamburg zur Welt. Die Hansestadt an der Elbe ist zurzeit im Begriff, der jüdischen Kultur in der Stadt mehr und mehr Sichtbarkeit zu verleihen. Im Grindelviertel beispielsweise entwickelte sich schon Anfang des 20. Jahrhunderts ein Zentrum des jüdischen Lebens. An dessen Vielfalt und Blütezeit erinnert ein Wandgemälde am Gebäude des Fachbereichs Sozial­ökonomie der Universität Hamburg (Von-Melle-Park 9); gemalte Risse im Bild verweisen auf die Shoa durch die Nationalsozialisten.

Eine Gedenktafel in der Bundesstraße 10 im Grindel kennzeichnet den kurzzeitigen Wohnsitz von Gustav Mahler. Er hatte die Stelle des Chefdirigenten am Stadt-Theater (heute: Hamburgische Staatsoper) inne, was auch eine Tafel mit Relief an der Stirnseite des Operngebäudes bestätigt (Große Theaterstraße 25). Vor der Staatsoper findet sich außerdem ein Stolperstein für den 1942 deportieren und 1944 in Auschwitz ermordeten jüdischen Komponisten Viktor Ullmann. Der Stein wurde aus Anlass der Ausstellung „Verstummte Stimmen“ verlegt.

© Ninja Anderlohr-Hepp

Apsis des Israelitischen Tempels in der Hamburger Poolstraße

Apsis des Israelitischen Tempels in der Hamburger Poolstraße

In der Hamburger Neustadt, dem alten jüdischen Viertel, befindet sich in einem Hinterhof die Ruine des im Krieg von einer Bombe getroffenen Israelitischen Tempels (Poolstraße 12). Das Gotteshaus von 1844 war eine der ersten reformierten, modernen Synagogen der Welt. Vor allem die musikalische Gestaltung des Tempelgottesdienstes sorgte für Aufsehen, denn Orgelbegleitung und ein Chor auf der Empore waren in einer Synagoge zu jener Zeit etwas vollkommen Neues. In der Musikwissenschaft steht zur Debatte, ob Felix Mendelssohn für die Einweihung des Tempels in der Poolstraße das Chorstück „Der 100. Psalm“ komponiert habe. Die Stadt Hamburg hat die Überreste des Gebäudes gekauft, nun soll dort ein Erinnerungsort entstehen.

Zeitreisen bis ins Mittelalter

Just ein solcher Ort, der direkte Einblicke in die jüdische Kultur liefert, ist die Alte Sy­nagoge im Mecklenburgischen Hagenow. Das 1828 eingeweihte Gebäudeensemble mit Schul- und Gemeindehaus samt Mikwe (jüdisches Tauchbad), einer Wagenremise und der Synagoge ist heute Teil des ­Hagenower Heimatmuseums. Neben einer Dauer­ausstellung zum jüdischen Leben finden in der Alten Synagoge auch kulturelle Veranstaltungen statt.

Ähnlich verhält es sich mit der Alten Synagoge in Erfurt, die, im 11. Jahrhundert errichtet, als älteste erhaltene Synagoge Europas gilt. Sie beherbergt ebenfalls ein Museum und lädt regelmäßig zu den „Erfurter Synagogenabenden“ mit Vorträgen und Musik ein. Auch hier ist eine Mikwe Teil des Komplexes, ebenso wie der 1998 gefundene „Erfurter Schatz“, der im Keller der Synagoge ausgestellt wird. Für ihr jüdisches Erbe des Mittelalters strebt Erfurt die Aufnahme in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes an.

© Daniel Rohde-Kage

Gebetshaus der Alten Synagoge Hagenow. Dort werden auch Konzerte veranstaltet, etwa im Rahmen der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern.

Gebetshaus der Alten Synagoge Hagenow. Dort werden auch Konzerte veranstaltet, etwa im Rahmen der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern.

Auch das Land Rheinland-Pfalz, die Jüdische Gemeinde Mainz sowie die drei Städte Speyer, Worms und Mainz engagieren sich für die Aufnahme der sogenannten SchUM-Stätten in die Weltkulturerbe Liste. Als SchUM, ein Akronym der hebräischen Anfangsbuchstaben der drei Städte, wird der Verbund bezeichnet, den die dortigen jüdischen Gemeinden im Mittelalter bildeten. Der Verbund gilt als einer der wichtigsten Ausgangspunkte für die Lehren des Judentums in Deutschland und war geistiges wie architektonisches Vorbild für zahlreiche weitere Gemeinden. Viele der Kulturdenkmäler, eindrucksvollen Bauten, Monumente und Friedhöfe sind noch erhalten oder wurden restauriert. Sie gewähren imposante Einblicke in die jüdische Welt der Gelehrsamkeit sowie deren Geschichte und Tradierung bis in die Gegenwart. Im Umfeld dieser traditionsreichen jüdischen Gemeinden begann auch der Werdegang des 1893 in Worms geborenen Komponisten Friedrich Gernsheim, der sich in Werken wie „Elohenu“ oder der „Mirjam“-Sinfonie auch kompositorisch offen zum Judentum bekannte. Er war ein enger Vertrauter von Johannes Brahms und liegt – wie Louis Lewandowski – auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee in Berlin begraben.

Sicherung der jüdischen Traditionsmusik

© JMAS/Franz Kimmel

Herausragendes Beispiel des „neu-jüdischen“ Synagogentyps: Synagoge Augsburg

Herausragendes Beispiel des „neu-jüdischen“ Synagogentyps: Synagoge Augsburg

Überhaupt beeindrucken viele der jüdischen Gotteshäuser wie zum Beispiel die im neobyzantinischen und orientalisierenden Stil errichtete Augsburger Synagoge – die einzige historisch erhaltene Großstadtsynagoge Bayerns – oder die Synagoge Köln, die im Stil der Neoromantik gestaltet ist, auch durch ihre architektonische Einmaligkeit. Letztere ist das Zentrum der ältesten Gemeinde Deutschlands: Im Jahr 321 fand das deutsche jüdische Leben in Köln seinen offiziellen Ursprung. Kantor der dortigen Gemeinde war auch Isaac Offenbach, dessen Sohn Jacques einmal zum Begründer der modernen Operette werden sollte. Eine Gedenktafel markiert das Haus, in dem Jacques Offenbach 1819 geboren wurde (Großer Griechenmarkt 1).

© Manfred Zimmermann

Die „große Halle“ der Villa Seligmann in Hannover, Sitz des Europäischen Zentrums für Jüdische Musik

Die „große Halle“ der Villa Seligmann in Hannover, Sitz des Europäischen Zentrums für Jüdische Musik

Für die Sicherung, Dokumentation und Rekonstruktion der jüdisch-liturgischen Werke sorgt das Europäische Zentrum für Jüdische Musik in Hannover. Es hat seinen Sitz in dem ehemals bürgerlichen Wohnhaus „Villa Seligmann“ (Hohen­zollernstraße 39). Das Institut hat sich neben der Sammlung und Katalogisierung der jüdischen Musik vor allem die Verbreitung des religiös-kulturellen Erbes zur Aufgabe gemacht. Zu diesem Zweck finden in der Villa Seligmann regelmäßig Konzertveranstaltungen, Ausstellungen und Symposien statt.

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