Bruckner: Sinfonie Nr. 8 c-Moll WAB 108

(UA Wien 1892)

Beschwingt vom Erfolg seiner sonnendurchfluteten Siebte ging Bruckner an die Komposition der abgründigen, nächtlichen Achten. Als diese bei seinen Mitstreitern auf Unverständnis stieß, stürzte er seelisch ab. Aber seine unermüdliche Fantasie und mancher sinnvolle Ratschlag (wie der, bei acht Hörnern auch die Holzbläser aufzustocken) führten zu einer idealen Neugestaltung. Die Uraufführung des abendfüllenden Werkes (80 Minuten) wurde sein letzter Triumph: „Erst in tausend Jahren wird man dies herrliche Werk verstehen!“, rief Hugo Wolf aus.

Auch dieses herrliche Werk wurde zunächst entstellt gedruckt, aber dank sorgfältiger musikwissenschaftlicher Recherche konnte die Originalfassung 1939 vorgelegt werden – die ihren Frieden suchende Achte erschien kurz vor Kriegsbeginn.

Alle Bruckner’schen Werkbaustellen sind hier vollendet ausgeführt:

Das am Boden zuckende, seine Tonart suchende Hauptthema verläuft in zwei Phasen wie Frage und Antwort, aber jede Antwort führt zur nächsten Frage. Dieses Prinzip ständiger Steigerung gilt auch für das im „Bruckner-Rhythmus“ (Duole/Triole) schwingende Seitenthema und die dramatische Schlussgruppe. Die Exposition verklingt mit einem Hornsolo wie eine Frage ins Dunkel, und aus dem Dunkel der Durchführung antwortet ein Oboesolo – welch wunderbares Hinübergleiten! Der erste Satz endet in beklemmendem Pianissimo – „Totenuhr“ nannte Bruckner die auslaufenden Takte ...

In die Stille fallen die Höllengeister des Scherzos ein – wie bei der Versuchung des heiligen Antonius auf alten Bildern – und walken ihr Opfer durch. Das Trio – mit wie aufblickenden Harfengebärden – hält betend dagegen ...

Das Adagio ruht auf einem atmenden Rhythmus. Sein lang gezogenes Hauptthema gleicht der Geste einer Hand, die eine Aussage mit dem Handrücken unterstreicht und sie dann mit der Handfläche infrage stellt. Das ekstatische Seitenthema verzückt nicht nur die Cellisten, es weckt auch entzückende Nebenstimmen. Der lange Abgesang des Adagios – getragen von Hörnern und Tuben – ist wie ein glückliches Entschlummern, und darin das Gegenbild zum Schluss des ersten Satzes ...

Das Finale – Bruckners größtes und letztes (denn seine neunte Symphonie hat keines) – beginnt mit einem trappelnden Rhythmus wie ein apokalyptischer Reiterangriff. Das aufragende Hauptthema hat drei Stufen: Anfang-Entwicklung-Ziel, musikalisch gesprochen: Klang-Rhythmus-Kadenz, als Bild eines Baumes. Wurzel-Stamm-Krone, als religiöses Gleichnis: Reich-Kraft-Herrlichkeit. In diesem Satz ist das Altern Gegenstand der Komposition: Nach der höchsten Kraftentfaltung in der Mitte verlieren die Themen an Energie und Bewegung. Eine absinkende Dekonstruktionsphase – wie eine Grablegung – führt zur letzten Generalpause der Symphonie . Dann steigt das Hauptthema langsam empor zum endgültigen C-Dur, in dem sich die Themen aller Sätze vereinigt finden.

Die Achte steht nicht nur wegen ihrer Satzreihenfolge (Scherzo vor Adagio) neben Beethovens letzter Symphonie: In beiden Werken geht es um letzte Fragen und Antworten. Beethovens Musik sucht die menschliche Gesellschaft, Bruckners Achte aber darf man ruhig auf eine einsame Insel mitnehmen – auch sie sucht Einsamkeit.

(Mathias Husmann)

 

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