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Opern-Kritik: Staatstheater am Gärtnerplatz – Fürst Igor

Die pazifistische Kriegsoper

(München, 14.2.2026) Der grandiose Torso von Alexander Borodins „Fürst Igor“ scheint heute fast uninszenierbar: Regisseur Roland Schwab und Chefdirigent Rubén Dubrovsky finden dennoch einen Weg, aus dem Fragment und seiner Diversität berührendes Musiktheater mit einer starken Botschaft zu destillieren.

vonPeter Krause,

Ein russischer Fürst des Mittelalters führt seine Truppen in den verlustreich blutigen Eroberungsfeldzug gegen das benachbarte Steppenvolk der Polowetzer. Ist „Fürst Igor“ daher das Stück der Stunde? Mitnichten! Plumpe Parallelen als aktualisierende Analogien zum Grauen des Völkermords an der Ostgrenze Europas verbieten sich nicht nur, weil das alltägliche gewordene, uns medial vermittelte Morden die ästhetisierte Darstellung des Krieges auf der Bühne in den dunkelsten Schatten stellen würde. Der gravierendere Grund aber liegt in Alexander Borodins Oper selbst, die jetzt am Staatstheater am Gärtnerplatz Premiere feierte. Denn der russische Komponist bediente eigentlich nur im patriotisch pflichtschuldigen Eingangschor die Erwartungen, eine Nationaloper zu schreiben, die der imperialistischen Überheblichkeit eines sich ausdehnenden Riesenreichs höhere künstlerische Weihen verleihen sollte. Ansonsten schien der hauptamtliche Chemieprofessor und Sonntagskomponist damit zu hadern, eine hochgestimmte Huldigungsoper zu verfassen.

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Szenenbild aus „Fürst Igor“ am Staatstheater am Gärtnerplatz
Szenenbild aus „Fürst Igor“ am Staatstheater am Gärtnerplatz

Daheim im großbürgerlichen Petersburger Palais des Alexander Borodin

Just darauf hebt Regisseur Roland Schwab mit einem klugen Kniff seiner Inszenierung ab: Er lässt den mal an seiner Aufgabe zweifelnden, dann wieder mit enthusiastischer Emphase an ihrer Umsetzung bastelnden Hobbykomponisten auf der Bühne von Piero Vinciguerra auftreten: Die zeigt dessen düsteren großbürgerlichen Petersburger Palais des 19. Jahrhunderts, in dem zur Ouvertüre gleich drei Herren im Gehrock ihrer Zeit wie in einer Stummfilmszene auftauchen: Es sind die drei Schauspieler Dieter Fernengel (Alexander Borodin), Vladimir Pavic (Nikolai Rimski-Korsakow) und Tobias Kartmann (Alexander Glasunow), die sich in diesem edlen Ambiente um den Flügel herum versammeln und gemeinsam an der Partitur des „Fürst Igor“ werkeln: Borodin haut seine Ideen in die Tasten, der junge Glasunow notiert die Noten, Rimski-Korsakow animiert den geschätzten Kollegen voller Bewunderung zu neuen Taten.

Die vier helfenden Hände hatte Borodin – gesegnet mit überschäumender melodischer Einfallsgabe, aber weniger mit der Disziplin und handwerklichen Orchestrierungskunst im eigentlichen Sinne professioneller Tonsetzer – in der Tat nötig. Die mit seinem frühen Tod unvollendet gebliebene Oper erhielt nur durch die beiden Mitstreiter eine spielbare, wenngleich nie finale Gestalt, die ein Produktionsteam jeweils für sich finden muss. Die Musikwissenschaftlerin Sigrid Neef fand für „Fürst Igor“ die treffende Bezeichnung der „unvollendbaren Oper“: Statt einer finalen Fassung steht ein Fragment im Raum, dessen grandiose Kraft eines Torsos seine Interpreten immer wieder entdecken müssen. In München bekennen sie sich eben zu dieser Unabgeschlossenheit, dieser Offenheit des „Fürst Igor“.

Szenenbild aus „Fürst Igor“ am Staatstheater am Gärtnerplatz
Szenenbild aus „Fürst Igor“ am Staatstheater am Gärtnerplatz

Ein komponierender Utopist

Den hierzu nötigen Mut (Kürzungen und Umstellungen von Szenen einbegriffen) besitzen nun Roland Schwab und sein Team im genau richtigen Maß, wenn sie über den ganzen Abend stets zwei Geschichten erzählen: jene der Werkentstehung und jene des kriegerischen Geschehens, das im Sinne eines unkommentierten Naturalismus heute kaum vermittelbar wäre. Und so mischen sich denn alsbald die Ebenen: Die drei komponierenden Herren interagieren immer wieder mit der offiziellen Opernhandlung, mal träumt Borodin, den Kopf auf die schwarz-weißen Tasten seines Flügels gelegt, deren Fortgang, mal will er eingreifen und Schlimmeres verhindern. Denn Roland Schwab entdeckt in Borodin den frühen Pazifisten, der an die Verständigung zwischen Völkern und Kulturen glaubte, den Utopisten, der einer allgegenwärtigen Obsession für den Krieg seine Vision des Friedens entgegensetzte. Das Epos des russischen Heldentums, das „Fürst Igor“ eben nur im Sinne der bis heute andauernden Ideologisierung des Werks ist, wird ersetzt durch die Erzählung von einer anderen Welt, in der Harmonie möglich scheint: Pazifismus statt Patriotismus.

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Szenenbild aus „Fürst Igor“ am Staatstheater am Gärtnerplatz
Szenenbild aus „Fürst Igor“ am Staatstheater am Gärtnerplatz

Die unmögliche Liebe zwischen feindlichen Fronten

Diese Haltung ist indes keinerlei gutmenschelnd friedliebende Projektion: Sie ist vielmehr aus Borodins persönlichen Überzeugungen und seiner individuellen Umschreibung der Geschichte abgeleitet. So erhält zumal die unmögliche Liebe zwischen feindlichen Fronten, die Igors Sohn Wladimir (Arthur Espiritu mit am Belcanto geschultem, lyrisch überfließendem Traumtenor) mit der Tochter des Khan Kontschak (Monika Jägerová mit betörender, berührender, satter Altstimme) verbindet, ihre ganz besondere Bedeutung. Und die ganz auf Angriff statt auf Versöhnung gepolte Titelfigur (Matija Meić mit an Verdis Vaterfiguren erinnernder Baritonbombenhöhe und dramatischer Durchschlagskraft) ist eben keineswegs nur die Inkarnation des primitiven Bösen, was ihn deutlich von den Machthabern der Gegenwart unterscheidet. Der alsbald in Gefangenschaft geratene, sein Volk in den Untergang führende Fürst wird in seiner großen Arie, in der er auf seinen Schöpfer Borodin trifft, geradewegs vom Mächtigen zum Ohnmächtigen, der seinen Taten und sein Schicksal reflektiert. Roland Schwab wird hier zum einfühlsamen Psychologen, der die Figuren in der Differenziertheit zeigt, die deren Komponist sich vorgestellt haben mag.

Szenenbild aus „Fürst Igor“ am Staatstheater am Gärtnerplatz
Szenenbild aus „Fürst Igor“ am Staatstheater am Gärtnerplatz

Wenn der schlimmste Feind im Inneren sitzt

Auch die andere Seite des eigentlich friedenstiftenden Gegenspielers Igors zeigt der Regisseur deutlich: Khan Kontschak (Bariton Levente Páll) portraitiert er als gönnerhaft herrischen Friedenfürsten in Unschuldsweiß (Kostüme: Renée Listerdal), dessen Großzügigkeit, seinen Gefangenen als Gast zu behandeln, der Taktik eines Allianzen schmiedenden Dealmakers entspringt. Die (Schützen-)Gräben zwischen Freunden und Feinden verlaufen eben nie eindeutig gerade: Manchmal sitzt der schlimmste Feind auch im Inneren, was wir durch die hemmungslosen Orgien des Fürsten Galitzky (Bassbariton Timos Sirlantzis) kapieren, der sich als schamloser Intrigant während dessen Abwesenheit in die Position Igors putschen will. Mit den nie billigen, sondern bestürzenden Bildern der Inszenierung, einem feinen Humor in der Verschaltung der beiden Erzählebenen, dem Ausloten von szenischen Zwischentönen und den wenigen dezenten Hinweisen auf das Grauen der Gegenwart, einem prägnanten sängerischen (und schauspielerischen!) Ensemble wird der packende Torso des „Fürst Igor“ am Gärtnerplatztheater in München als solcher erfahrbar.

Szenenbild aus „Fürst Igor“ am Staatstheater am Gärtnerplatz
Szenenbild aus „Fürst Igor“ am Staatstheater am Gärtnerplatz

Das Ringen um die Fassung

Chefdirigent Rubén Dubrovsky hat an diesem Erfolg natürlich entscheidenden Anteil: durch das Ringen um eine spielbare, dramaturgisch zwingende Fassung wie die Einstudierung des bestens disponierten Orchesters des Staatstheaters am Gärtnerplatz, das sowohl mit praller Kraft als auch mit zarten solistischen Momenten der Holzbläser die Farbigkeit einer im besten diversen Partitur interpretiert. So denn das Unmögliche einer „unvollendbaren Oper“ möglich ist: Der wundersame Torso des „Fürst Igor“ wird an diesem starken Premierenabend gleichsam vollendet. Das liedhaft innige, gänzlich unheroische neue Finale hat daran einen nicht zu unterschätzenden Anteil.

Staatstheater am Gärtnerplatz München
Borodin: Fürst Igor

Rubén Dubrovsky (Leitung), Roland Schwab (RegieI, Piero Vinciguerra (Bühne), Renée Listerdal (Kostüme), Peter Hörtner (Licht), Karl Alfred Schreiner (Choreografie), Pietro Numico (Chor), Michael Alexander Rinz (Dramaturgie), Matija Meić (Fürst Igor), Oksana Sekerina (Jaroslawna), Arthur Espiritu (Wladimir), Timos Sirlantzis (Fürst Galitzky), Levente Páll (Khan Kontschak), Monika Jägerová (Kontschakowna), Juan Carlos Falcón (Owlur), Juho Stén (Skula), Gyula Rab (Eroschka), Tamara Obermayr (Ein polowetzer Mädchen), Dieter Fernengel (Alexander Borodin), Vladimir Pavic (Nikolai Rimski-Korsakow), Tobias Kartmann (Alexander Glasunow), Ballett, Chor, Statisterie und Kinderstatisterie des Staatstheaters am Gärtnerplatz, Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz

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