OPUS KLASSIK: Sergei Babayan & Martha Argerich

Wenn aus der Symbiose ein stahlsaitenbasiertes Orchester erwächst

Für das Album „Prokofjew for Two“ erhalten Sergei Babayan und Martha Argerich den OPUS KLASSIK in der Kategorie „Kammermusikeinspielung“.

© Marco Borggreve

Sergei Babayan und Martha Argerich

Sergei Babayan und Martha Argerich

Es ist eine der Biografien, die durch den Untergang der UdSSR in zwei Hälften geteilt wird. Sergei Babayan gelang direkt nach dem Fall des Eisernen Vorhangs auch im Westen der Durchbruch, weil er in den Folgejahren einen großen Wettbewerb nach dem anderen gewann. Etwa 1989 die Cleveland International Piano Competition, 1990 den Internationalen Hamamatsu-Klavierwettbewerb und 1992 den Internationalen Schottischen Klavierwettbewerb.

Im Alter von sechs Jahren hatte er das Klavier für sich entdeckt, später am Moskauer Konservatorium studiert. Seine Wahlheimat aber wurde Amerika. Und weil Babayan in den folgenden Jahrzehnten kaum je in Europa gastierte, ist sein Name hierzulande nicht so groß, wie sein außerordentliches Talent es verdient hätte.

Sanft perlend, aber nicht bruchlos

Den größten Unterschied zum Spiel anderer Virtuosen macht sein vergleichsweise sanfter Anschlag, dank dem sich seine Kunst wie ein Glas sanft perlenden Sekts genießen lässt. Darüber verblasst indessen keineswegs die Farbigkeit der Musik, weil er zugleich den Ausdruck durch großgespannte, emotionale Bögen steigert. Die Intensität, mit der ihm dies gelingt, muss keine Vergleiche scheuen und hat das Potenzial zu einem pianistischen Markenzeichen.

Völlig bruchlos trägt er seine Zuhörer aber nicht über die oft glatt und glänzend wirkende Oberfläche eines Klavierkonzertes von Mozart hinweg. Denn den Agitationsmodus wechselt er so schnell und fließend, dass man oft zwei bis drei Anschläge braucht, um zu realisieren, dass er schon wieder völlig anders spielt.

Die musikalische Freundschaft zu Argerich

Dabei verfügt er über ein breites Repertoire, ist besonders für seine Bach-Interpretationen bekannt. Mit Werken von Mozart, Beethoven, Schumann und Brahms führt sein Können aber weit ins 19. Jahrhundert hinein und bei den BBC Proms 2015 war er zudem unter der Leitung von Valery Gergiev mit dem dritten Klavierkonzert von Prokofjew zu hören. An diesem besonderen Abend wurden alle fünf Klavierkonzerte des russischen Komponisten gegeben. Die ersten beiden spielte Daniil Trifonov, Babayans bekanntester Schüler.

Martha Argerich ist schon lange eine Spielpartnerin von Babayan. Entsprechend war es keine große Überraschung, dass sie jüngst zu gemeinsamen Aufnahmen ins Studio gingen. Das Repertoire war alles andere als konventionell und setzte sich aus Werken Prokofjews zusammen, die – ursprünglich nicht für zwei Klaviere konzipiert – von Babayan eigens neu arrangiert wurden.

Ist Sergej Babayan bald präsenter in Europa?

Besonders in den das Album eröffnenden zwölf Stücken aus Prokofjews „Romeo und Julia“ spielen die beiden so symbiotisch, dass es klingt, als würden sie via Tastendirigat gemeinsam ein großes, stahlsaitenbasiertes Orchester leiten. Das Einzelstück „Der Geist von Hamlets Vater“ klingt dann schon mehr nach zwei Klavieren, ist atmosphärisch aber ebenfalls sehr stark.

Babayan hat seine insgesamt 19 Bearbeitungen Martha Argerich gewidmet, Natashas und Andreis Walzer aus „Krieg und Frieden“ ist in einer doppelten Geste der Würdigung auch Daniil Trifonov zugeeignet. Die Stücke wurden erstmals im schweizerischen Lugano vor Publikum gespielt – und weil Babayan 2017 auch beim Verbier-Festival konzertierte, können wir Europäer wohl darauf hoffen, dass er hier künftig präsenter sein wird.

Hören Sie hier Sergei Babayan mit dem Klavierkonzert Nr. 25 von Mozart:

Preisträger-Album

Prokoviev for Two
Sergej Babayan & Martha Argerich (Klavier)
Deutsche Grammophon

Termine

Montag, 16.09.2019 20:00 Uhr Rosengarten Mannheim

Martha Argerich, Orchestra della Svizzera Italiana, Charles Dutoit

Ravel: Le Tombeau de Couperin, Beethoven: Klavierkonzert Nr. 1 C-Dur op. 15, Haydn: Sinfonie Nr. 104 D-Dur

Dienstag, 17.09.2019 20:00 Uhr Konzerthaus Freiburg

Martha Argerich, Orchestra della Svizzera Italiana, Charles Dutoit

Ravel: Ma mère l’oye, Beethoven: Klavierkonzert Nr. 1 C-Dur op. 15, Haydn: Sinfonie Nr. 104 D-Dur „Londoner“

Mittwoch, 16.10.2019 20:00  Uhr Gewandhaus Leipzig

Gidon Kremer, Martha Argerich

Mieczysław Weinberg zum 100. Geburtstag
Sonntag, 20.10.2019 20:00 Uhr Konzerthaus Berlin

Gidon Kremer

Rezital
Sonntag, 27.10.2019 19:00 Uhr Laeiszhalle Hamburg

Martha Argerich, Symphoniker Hamburg, Jacek Kaspszyk

Chopin: Klavierkonzert Nr. 1 e-Moll op. 11, Brahms/Schönberg: Klavierquartett Nr. 1 g-Moll op. 25

Dienstag, 12.11.2019 20:00 Uhr Konzerthaus Dortmund

Martha Argerich & Sergei Babayan

Prokofjew/Babayan: Zwölf Klavierstücke aus Romeo und Julia op. 64 & Sieben Klavierstücke aus Hamlet op. 77, Eugen Onegin op. 71, Pique Dame op. 70 & Krieg und Frieden op. 91, Mozart: Sonate für zwei Klaviere D-Dur KV 448

Freitag, 10.01.2020 20:00 Uhr NDR Landesfunkhaus Hannover
Sonntag, 23.02.2020 20:00 Uhr Philharmonie Berlin

Martha Argerich, Staatskapelle Berlin, Zubin Mehta

Ravel: La Valse & Klavierkonzert G-Dur, Strawinsky: Le Sacre du printemps

Samstag, 04.04.2020 20:00 Uhr Residenz München

In Between

Martha Argerich & Sophie Pacini (Klavier)

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