Werk der Woche – Bartók: Konzert für Orchester

Ein Klassiker der Moderne

Mit einer Mischung aus westlicher Musik und ungarischer Volksmusik setzte Bartóks Konzert für Orchester neue Maßstäbe

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Béla Bartók

Béla Bartók

Eigentlich ist der Begriff ein Widerspruch in sich: Konzert für Orchester. Das Wort „concertare“ kann das Wetteifern sowohl mit- als auch gegeneinander bedeuten. Unter einem „Konzert“ wird in der Orchestermusik aber vor allem die Gegenüberstellung von einem (manchmal auch mehrerer) Solisten und einem begleitenden Orchester verstanden. Reine Orchesterwerke zeichnen sich dagegen durch das Miteinander aus: Zwar werden auch hier immer wieder einzelne Instrumente oder Instrumentengruppen mit der wichtigsten Stimme betraut, doch wird diese Aufgabe ständig weitergereicht.

Hinzu kommt, dass die in „Konzerten“ mit Abstand am häufigsten eingesetzten Soloinstrumente im Orchester nur als Gruppe auftreten, wie die Geige, oder im Falle des Klaviers gar nicht. Als eine Art „Vorläufer“ des Orchesterkonzerts können zwar die Gruppenkonzerte des Barock und die Sinfonia concertante der Wiener Klassik betrachtet werden. Doch beide – das Gruppenkonzert, in dem nicht Solisten, sondern Orchestergruppen miteinander „streiten“, sowie die Sinfonie concertante, bei der mehrere Solisten mitwirken, aber nicht so deutlich aus dem Orchester herausstechen wie beim Konzert – blieben in der Musikgeschichte eine Randerscheinung.

Im Auftrag eines Dirigenten

Die Sinfonia concertante erlebte immerhin eine Art „Fortsetzung“ in den (seltenen) Doppel- und Tripelkonzerten der Romantik. So entstand das Konzert für Orchester zwar nicht aus dem Nichts, war aber insgesamt doch eine neue und musikgeschichtlich gesehen junge Gattung. Béla Bartók konnte 1943 auf nur wenige Vorbilder zurückblicken, darunter das Orchesterkonzert Paul Hindemiths (1925) und das seines Landsmanns Zoltán Kodály (1939/40). Bartók wählte den Begriff bewusst, weil er immer wieder einzelne Gruppen des Orchesters solistisch hervortreten lässt.

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Serge Koussevitzky

Serge Koussevitzky

Der Auftrag für das Werk stammte von der Stiftung des Dirigenten Sergej Kussewitzki und stellte einen wahren Lichtblick in Bartóks ansonsten eher tristem Dasein in den USA dar. In seiner Heimat Ungarn avancierte er nach dem Ersten Weltkrieg nicht nur zu einer tragenden Säule des dortigen Musiklebens, sondern erarbeitete sich wie Kodály den Ruf als einer der bedeutendsten Volksmusikforscher.

Bartóks Forscherdrang

Seine Veröffentlichungen ungarischer, später auch slowakischer, rumänischer und arabischer Volkslieder gelten nicht nur als bemerkenswert umfangreich, sondern auch als besonders authentisch, wanderte er doch durch abgeschiedene Bergdörfer, um sich von den Bewohnern ihre Lieder vorsingen zu lassen. Als Gedächtnisstütze verwendete Bartók dabei den damals noch recht neuen Phonographen von Edison, mit dem er den Originalgesang konservierte. Schwierige Kriegs- und Nachkriegszeiten konnten seinen Forscherdrang nicht bremsen: Rund 7000 Melodien sammelte er bis zu seinem Lebensende.

Hauptberuflich wurde er 1907 als Professor für Klavierspiel an die Budapester Akademie berufen, einen Posten, den er 1934 aufgab, um sich verstärkt der Forschung und dem Komponieren widmen zu können. 1940 schließlich floh er vor der politischen Bedrohung durch Nazideutschland in die USA, wo er als Wissenschaftler und Konzertpianist tätig war, jedoch erfolglos bleibt. Sicher auch aufgrund dieser enttäuschenden Erfahrung schwand seine Schöpferkraft als Komponist, und sie wäre vielleicht ganz versiegt, hätte es nicht jenen Kompositionsauftrag der Kussewitzki-Stiftung gegeben.

Das Konzert für Orchester im Detail

In den fünf Sätzen verwendet Bartók, ebenso wie in vielen anderen Werken, sowohl traditionelle Formmodelle der westlichen Musik als auch ungarische Volksmusik. Der erste Satz trägt den Titel „Introduzione“ („Einleitung“), besteht in sich aber selbst aus einer langsamen Einleitung und einem schnellen Teil. Die Einleitung ist ein typisches Beispiel für die von Béla Bartók häufig komponierten „Nachtstücke“: Dissonanzen, Naturlaute und für sich stehende Melodien erzeugen eine unheimliche Atmosphäre. Erst als die Geigen grell dazwischen gehen, steigert sich der Ausdruck, um direkt ins Allegro zu münden. Dieses steht im Sonatensatz mit klar kontrastierenden Themen, erinnert mit vielen fugierten Teilen aber auch an die barocke Ouvertüre.

Der zweite Satz ist als Scherzo in fünf Teilen angelegt. In der Partitur als „Giuoco delle coppie“ („Spiel der Paare“) bezeichnet, lautet Bartóks eigene, erst später hinzugefügte Überschrift „Presentando le coppie“ („Vorstellung der Paare“). Je zwei Holzblasinstrumente desselben Typs spielen – musikalisch voneinander abgeleitet – ihre Melodie in strenger Intervallparallele: die Fagotte im Abstand einer kleinen Sext, die Oboen mit kleiner Terz, die Klarinetten mit kleiner Septim, die Flöten mit Quinte und die Trompeten mit großer Sekunde. Den kurzen Mittelteil bildet ein Choral in den Bläsern. Druckfehler betreffen auch das Tempo des Satzes. Aus Bartóks „Allegro scherzando“ wird im Druck das langsamere „Allegretto scherzando“, aus der Metronomangabe von 94 Schlägen pro Minute analog die langsameren 74, wie der ungarische Dirigent Georg Solti erst 1980 anhand des Manuskripts herausfindet.

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Béla Bartók: Konzet für Orchester, Beginn des 2. Satzes mit der überholten Tempoangabe

Béla Bartók: Konzet für Orchester, Beginn des 2. Satzes mit der überholten Tempoangabe

Die „Elegia“ ist wie die Einleitung des Kopfsatzes ein „Nachtstück“, wobei Themen aus jener Einleitung wieder aufgegriffen werden. Insgesamt ist der Verlauf der Elegia allerdings deutlich dramatischer.

Wird Lehár zitiert?

Vergleicht man den Aufbau der fünf Sätze von Bartóks Konzert für Orchester mit den üblichen vier einer Sinfonie, ist es der vierte, den man im Konzert am ehesten als „eingeschoben“ bezeichnen könnte. Entsprechend nennt er sich auch „Intermezzo“, genauer „Intermezzo interrotto“ („unterbrochenes Zwischenspiel“). Mit vielen Taktwechseln versehen, wechseln volksliedartige Bläsersoli mit einem für Bartóks Verhältnisse geradezu heimeligen Thema in den Streichern. Die symmetrische Form ABABA wird dabei vor der Wiederkehr des B-Teils unerwartet unterbrochen. Eine tänzerische Melodie wird angestimmt, um von frechen Glissandi beantwortet zu werden.

Manche sehen hierin ein Zitat aus Franz Lehárs Operette „Die lustige Witwe“ und somit eine indirekte politische Abrechnung Bartóks mit Hitler, denn die „Lustige Witwe“ galt als eines von dessen Lieblingswerken. Andere behaupten, Bartók habe Lehárs Melodie gar nicht bekannt. Stattdessen karikiere Bartók – wie Mathias Husmann in seinen „Präludien fürs Publikum“ schreibt – Dmitri Schostakowitsch, der ein Jahr zuvor in seiner „Leningrader“ Sinfonie jene Melodie Lehárs als Zitat in einer langen Passage immer weiter anschwellen lässt. Bartók soll diese Sinfonie nicht besonders gemocht haben. Wer auch immer gemeint war: Die Posaunen freuen sich über ihr kurzes, aber lautes Solo.

Konzert für Orchester: Uraufführung in Boston

Das rasante Finale als fünfter Satz schließlich vermischt virtuoses Orchesterfeuerwerk und fugierte Teile mit Volksliedern.

1943 komponiert und ein Jahr später Kussewitzki in Boston uraufgeführt, wurde das Konzert für Orchester in kurzer Zeit zu einem Klassiker der Moderne. Ein später, wohltuender Erfolg für einen Komponisten, der, gesundheitlich häufig angeschlagen, nur zwei Jahre später an Leukämie starb.

Die wichtigsten Fakten zu Bartóks Konzert für Orchester:

Satzbezeichnungen:

  1. Introduzione
  2. Giuoco delle coppie („Spiel der Paare“), eigentlich Presentando le coppie („Vorstellung der Paare)
  3. Elegia
  4. Intermezzo interrotto
  5. Final

Orchesterbesetzung:

3 Flöten (auch Piccolo), 3 Oboen (auch Englischhorn), 3 Klarinetten (auch Bassklarinette), 3 Fagotte (auch Kontrafagott), 4 Trompeten, 4 Hörner, 3 Posaunen, Tuba, Pauken, Schlagzeug, 2 Harfen, Streicher

Spieldauer:

ca. 37 Minuten

Uraufführung:

1. Dezember 1944 mit dem Boston Symphony Orchestra unter Leitung von Sergej Kussewitzki

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Referenzeinspielung

Bartók: Konzert für Orchester
Chicago Symphony Orchestra
Pierre Boulez (Leitung)
Deutsche Grammophon

Als Dirigenten schien Pierre Boulez stets die Ruhe selbst. Nie ging er aus sich hinaus, nie wirkte er angestrengt oder gar geschwitzt, stand stattdessen ähnlich wie Richard Strauss in stoischer Ruhe am Pult und zeigte den Takt an. Doch was rein optisch nach einer Einladung zum einfachen Runterspielen des Notentextes aussah, führte klanglich zu erstaunlichen Ergebnissen. Mit scharfem Verstand bis ins Detail analysiert, animierte Boulez seine Orchester zu einem höchst kultivierten, dabei stets transparenten und Zusammenhänge aufzeigenden Spiel. Dazu gehört auch die Einspielung von Bartóks Konzert für Orchester mit dem Chicago Symphony Orchestra aus dem Jahr 1992.

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