Mozart: Don Giovanni

KV 527 (UA Prag 1787)

Figaro hatte in Prag Furore gemacht, Don Giovanni sollte daran anknüpfen – stolz zitiert Mozart in der Festmusik sich selbst, und Leporello kommentiert kauend: „Die Musik kommt mir äußerst bekannt vor!“

Wer ist Don Giovanni? Für sein Selbstgefühl braucht er die Bestätigung, unwiderstehlich zu sein. Frauen interessieren ihn nicht wirklich - „Verflossene“ erkennt er nicht wieder. Seine Opfer aber klammern sich an das Erlebnis Don Giovanni, obwohl es (immer) negativ verlief. Eine „Ex“ versucht ihn zu bekehren, sein Biograf schreibt an einem Fortsetzungs-(schund-)roman, ein junges Bauernpaar kommt mit zerschlagenen Knochen und zerkratzter Beziehung davon. Der Mord an dem Komtur, welcher ihn bei der Vergewaltigung seiner Tochter Anna stellt, wird ihm zum Verhängnis.

Mit dem Bild des Komturs – dem steinernen Gast – beginnt die Ouvertüre: Kalt und unerbittlich greift dessen Hand nach dem Wüstling. Klingt der dreimalige d-Moll-Akkord hier wie eine Mahnung aus der Zukunft, so macht der flammende dreimalige verminderte Septakkord am Schluss, verstärkt durch die Gerichtsposaunen aus der Friedhofsszene, unmissverständlich klar, dass der Augenblick der Bestrafung gekommen ist.

Dieser Augenblick ist zugleich die Geburtsstunde der Romantik: von der Giovanni-Musik schossen Blitze in die Köpfe von E.T.A. Hoffmann, Carl Maria von Weber, Hector Berlioz und Richard Wagner. Der Einbruch des Übersinnlichen in die Normalität – das ist der „Prager“ Mozart. Goethe wünschte, dass Mozart „Faust“ komponieren möge – sicher dachte er an diese Musik.

Donna Anna ist eine traumatisierte Frau: das schmerzverzerrte Rezitativ ihrer ersten Arie und der zerstörte Ton ihrer zweiten eröffnen bisher unerhörte Ausdrucksdimensionen. Don Ottavio kann die Leiden seiner geschändeten Braut nur beklagen – da der Tenor der späteren Wiener Aufführung die ihm zugedachte Arie nicht singen wollte oder konnte, schrieb Mozart ihm eine neue – seitdem klagt Don Ottavio zweimal sehr einfühlsam (und etwas zu edel).

Zwischen drohendem Anfang und höllischem Schluss spielt sich ein (meist nächtliches) Dramma giocoso ab – mit Bauernhochzeit, Maskenfest, Serenade, Verkleidung, mit höhnischem Lachen und roher Gewalt. Die wilde Champagnerarie leitet eine musikalische Collage-Szene ein: zu einem graziösen Menuett werden gleichzeitig ein derber Contretanz und ein beschwingter „Deutscher“ gespielt und getanzt, bis aus dem Nebenraum Zerlina um Hilfe schreit. Der entlarvte Don Giovanni flieht auf einen Friedhof. Dort sieht er die Statue des ermordeten Komturs und zwingt seinen zitternden Diener Leporello, diesen zum Nachtmahl einzuladen – und der steinerne Gast klopft an ...

In der Wiener Aufführung ließ man die Oper mit Don Giovannis Höllenfahrt enden. Mein Vater Fritz Husmann – Theaterzeichner in Hamburg von 1928-58 – hatte 1942 in der Hamburger Staatsoper einen solchen Schluss erlebt. Dreißig Jahre später erinnerte er sich: „Vielleicht sollten die Besucher mit dem erlösenden Bild des bestraften Wüstlings nachhause geschickt werden, aber theatralisch ist es schlecht: Die anderen müssen noch einmal auftreten und nach ihm fragen. Man muß spüren: Er war ein Verbrecher, aber ohne ihn sind alle – nichts.“

(Mathias Husmann)

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