Tschaikowsky: Sinfonie Nr. 6 h-Moll op. 74 „Pathétique“

(UA St. Petersburg 1893)

Die Sechste sollte „den Schlussstein meines ganzen Schaffens bilden“, sie sollte ein Programm enthalten „von der Art, dass es für alle ein Rätsel bleiben wird“ . Nach der Uraufführung fand Tschaikowskys Bruder Modest den Titel: Pathetique – die Leidenschaftliche. Zwar waren die beiden vorausgegangenen Sinfonien ebenfalls leidenschaftliche Seelendramen, aber in seiner letzten gelangte Tschaikowsky zu einer eigenen Form. Im Kopfsatz brach er das Sonatenschema auseinander, indem er die dramatischen von den lyrischen Episoden durch Fermaten trennte: Zwischen der „äußeren“ und der „inneren“ Welt gibt es keine Brücke. Außerdem stellte er die Reihenfolge der vier Sätze um: Zweiter und dritter Satz sind spielerisch – wie Intermezzo und Scherzo; Letzteres wird zum martialischen „äußeren“ Finale geweitet. Als Schlusssatz folgt ein klagendes Adagio lamentoso – das „innere“ Finale.

Die Einleitung beginnt als Vorwegnahme der Stimmung im vierten Satz: Auch dort prägt der „schwarze“ Klang vom tiefen Fagott das Bild. Im Allegro erleben wir sensible Kammermusik, gesellschaftliches Geschnatter, Wutausbrüche, Davonstürmen, Sehnsucht und Leidenschaft, Todesahnung und Todessehnsucht ...

Das elegant-graziöse Intermezzo bewegt sich im tänzerischen Fünfvierteltakt, das Trio – über einem pulsierenden Ostinato – hat schimmernde Augen ...

Der dritte Satz Scherzo beginnt ohne Thema – aufgeregte Vorbereitungen für ein großes Ereignis. Als dieses in Gestalt eines strahlend-fatalen Marsches eintritt, schlägt die Stunde des Schlagzeugs!

Oft klatscht das Publikum spontan nach diesem Satz – und das ist gut so, denn nach dem abschließenden Adagio lamentoso kann niemand eine Hand rühren ... das schmerzvolle Thema entsteht unter heftigen Verrenkungen der Streicher auf ihren Instrumenten, mehrfach bricht die Musik erschöpft ab. Ein lang gezogener, leiser Klang vom Tamtam unter Requiemklängen der Posaunen wirkt wie der Todeshauch – „nicht selten habe ich, wenn ich (an der Sinfonie) arbeitete, sehr geweint“.

Das Programm der Pathetique ist leicht zu enträtseln; rätselhaft bleibt, mit welcher Klarheit und Kraft, Härte und Zartheit Tschaikowsky sein eigenes Requiem gestaltete.

(Mathias Husmann)

Werk der Woche – Tschaikowsky: Sinfonie Nr. 6 h-Moll „Pathétique“

Ein Rätsel für alle

Tschaikowskys sechste Sinfonie, die auch unter dem Namen „Pathétique“ bekannt… weiter