Zwei zentrale Eigenschaften prägen die künstlerische Ausrichtung Marc-André Hamelins: Zum einen spielt der kanadische Pianist und Komponist nur selten Werke seiner lebenden Kollegen – aus der schlichten Sorge heraus, ihnen beinahe zu verfallen. Zum anderen meidet er das pianistische Standardrepertoire, was im Verlauf einer jahrzehntelangen Karriere einer gern angenommenen, selbstauferlegten Herausforderung gleicht. Sein Programm beim Berliner Klavierfestival unterstreicht das: Neben einer Haydn-Sonate erklingen Werke von Medtner und Rachmaninow sowie Raritäten der Moderne von Stefan Wolpe und Frank Zappa. Allein die Komposition „Tip“ seines Landsmanns John Oswald bildet eine Ausnahme.
Den Vergleich mit Hamelin muss Severin von Eckardstein indes nicht scheuen, der unter Kritikern mitunter als „größter deutscher Pianist seit Wilhelm Kempff“ gilt. Auch der gebürtige Düsseldorfer ist beim Berliner Klavierfestival zu Gast – allerdings mit einem traditionelleren Bouquet von Mozart über Schumann bis Brahms und Liszt. Gleichwohl liebt von Eckardstein die Improvisation und das Entdecken, etwa bei Satie, Webern oder Hartmann. Zu entdecken sind schließlich auch die Newcomer des Festivals, darunter die junge chinesisch-kanadische Pianistin Sophie Liu, die mit einem russisch-französischen Programm virtuoser Spezialitäten ihr Debüt gibt.




