Wie in der Literatur stellt sich auch bei Festivals die Frage nach dem angemessenen Abschluss. Wie entlässt man das Publikum in die festivalfreie Zeit, welche Künstler gestalten das Finale, welche Musik erklingt – kurz: Wie endet man richtig? Der Heidelberger Frühling beantwortet diese Frage mit subtiler Souveränität. Keine effektvolle Gala, keine ausgedehnte Sinfonik, kein weiterer programmatischer Höhepunkt zum Schwerpunkt des „250. Jahrestags der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung“, den etwa Igor Levit mit seinem Solorezital und den Rzewski-Variationen „The People United Will Never Be Defeated“ ohnehin übererfüllt hatte. Stattdessen richtet sich die Aufmerksamkeit auf Paavo Järvi und die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen – und auf ein Programm, das Musik in ihrer reinsten Form verspricht: keine Musik des Anlasses, sondern solche, die aus sich selbst heraus spricht.
Dass die Kammerphilharmonie wie geschaffen ist für die frisch sanierte Heidelberger Stadthalle, erweist sich rasch als Glücksfall. Mit ihren 991 Plätzen und der kompakten Saalgröße eignet sie sich ideal für alles zwischen Kammermusik und klein besetzter Sinfonik. Vor Konzertbeginn dankte Intendant Thorsten Schmidt dem Unternehmer Wolfgang Marguerre, der die Sanierung mit 57 Millionen Euro vollständig finanzierte. Es sei ein klares Bekenntnis zum Standort Heidelberg und ein Signal für die Zukunft des Festivals, so Schmidt. Optisch allerdings wirkt die Modernisierung nicht durchweg geglückt: Die neuen, deutlich helleren Holzlamellen stechen neben dem dunkelroten Altholz etwas des Orgelprospekts hervor, die seitlichen Gewölbe erscheinen gedrungen, die eleganten Marmorsäulen werden von den Einbauten zu sehr verdeckt. Akustisch jedoch erfüllt der Saal die Erwartungen nicht nur, er übertrifft sie. Das ist keine lokalpatriotische Selbstvergewisserung, sondern hörbare Realität.
Ein Architekt des Wohlklangs
Järvi eröffnet das Konzert mit der dritten Sinfonie von Franz Schubert. Nach der langsamen Einleitung beginnt der flammende Kopfsatz zu zischen, doch der Este verfällt nie der Effekthascherei. Er bleibt Architekt des Wohlklangs, fügt Klangschicht um Klangschicht präzise zusammen, bis ein handwerklich makelloses Ganzes entsteht. Ob er im finalen Presto jene schlichte italienische Villa jenseits des Neckars vor seinem geistigen Auge hatte, die jenseits des Konzertsaals in seiner Blickrichtung liegt? Sein Schubert klingt jedenfalls danach: leicht, klar konturiert, vorwärtsdrängend. Da das Werk – abgesehen von der Introduktion – kaum Ruhepunkte kennt, lässt Järvi seinen auf Präzision und Tempo getrimmten Streichern freien Lauf. Das Feuer brennt heiß.

Trickreicher Mao Fujita
Im Zentrum des Abends steht Mao Fujita mit dem Klavierkonzert Nr. 19 F-Dur KV 459 von Wolfgang Amadeus Mozart. Auf der engen Bühne müssen Dirigent und Solist einander vertrauen, denn Järvi verschwindet beinahe hinter dem Flügel, und Fujita wirft ihm nur wenige rückversichernde Blicke zu. Für den 27-Jährigen ist das aber kein Problem. Er hört in das Orchester hinein und zugleich in sich selbst. Sein Mozart wirkt bisweilen sehr weich und verspielt, auch dynamisch nicht immer ausgereift, doch der Pianist weiß sich mit überraschenden Improvisationen zu befreien. Seine kraftvolle, fast brachiale Kadenz im Kopfsatz, die über Mollsequenzen zum Thema zurückführt, zeigt das ebenso wie die Zugabe: eine reife, frühlingshafte Improvisation über Motive aus „Die Meistersinger von Nürnberg“. Großer, verdienter Applaus für eine kurzweilige, eigenwillige Darbietung.
Blick in die Zukunft
Nach der Pause beschließt Järvi den Abend mit Mendelssohns Dritter. Wieder erweist er sich als Dirigent mit klarem Gestaltungswillen. Der erste Satz gerät zur Episode aus der Schauerromantik, der zweite zur freundlichen Willkommensbotschaft. Jede Orchestergruppe erhält ihr Profil – von der dudelsackartig gefärbten Klarinette über die prägnanten Pauken bis zu den warmen Hörnern und dem präzise rhythmisierenden Streicherklang.
Die Feuertaufe hat die alte neue Spielstätte damit vor allem akustisch bestanden. Bleibt abzuwarten, wie sich der Heidelberger Frühling im Jahr 2027, zu seinem dreißigsten Jubiläum, jetzt noch künstlerisch überbieten will.





