Vor zwei Jahren feierte Maxim Vengerov sein 40-jähriges Bühnenjubiläum. Diesen August wird er 52 Jahre alt, als Violinist gewann er schon mit zehn Jahren den Wettbewerb „Junior Wieniawski Competition in Poland“. So ein Geiger werde nur einmal in hundert Jahren geboren, soll seine einstige Geigenlehrerin Galina Turtschaninowa in Vengerovs Geburtsstadt Nowosibirsk gesagt haben. Der Rest ist Erfolgsgeschichte. Im Rahmen seines Deutschlandgastspiels beehrte das Ausnahmetalent am Mittwoch die Berliner Philharmonie. Maxim Vengerov trat mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin (DSO) und Christoph Koncz am Pult auf. Dieser, aktuell Directeur Musical beim Orchestre Symphonique de Mulhouse und Chefdirigent der Deutschen Kammerakademie Neuss am Rhein, war lange Jahre selbst Geiger bei den Wiener Philharmonikern. Ein Konzertprogramm mit gleich zwei Violinkonzerten war damit also in guten Händen.
Maxim Vengerov beweist enorme Klangfantasie
Zum Auftakt gab es das Violinkonzert Nr. 6 „Carpe Diem“ des Zeitgenossen Alexey Shor. Shor, 1970 in Kiew geboren, lebt seit 1991 in den USA. Nach einer Karriere als Mathematiker konzentriert er sich seit 2016 ausschließlich auf sein zweites Talent, die Komposition. Seine Werke, die Tonalität, lukullische Melodik und geballte Emotion nicht verleugnen, werden weltweit aufgeführt. Der Eingangssatz von „Carpe Diem“ beschert zunächst pulsierende Walzeranklänge und orchestrales Schwelgen. Dies wird reizvoll aufgebrochen, dezent verfremdet und neu beleuchtet durch den Einsatz von vier Schlagzeugern, darunter zwei an den Marimbafonen. Maxim Vengerov demonstriert im Solopart sogleich, weshalb er als Ausnahmetalent seit Jahrzehnten gefeiert wird: Er zeigt eine enorme Klangfantasie sowohl in Tongebung als auch in Färbung und eine große Palette an Ausdrucksnuancen von zartem Schmelz bis zu ruppigen Klangwerten. Sein Dynamikspektrum ist beeindruckend. Und er hat ein dramaturgisch untrügliches Gespür für Rhythmus und Phrasierung, zudem enorme Spannkraft in der Melodik.
Der langsame Mittelsatz von Shors Violinkonzert gibt sich melancholisch und sehnsuchtsvoll. Maxim Vengerov realisiert dies mit einem innigen Violingesang in schlanker Linienführung und fließenden Übergängen zwischen den emotionalen Differenzierungen. Der Finalsatz entfacht im Kontrast dazu tänzerisches Temperament und zwischendurch auch spanisches Feuer mit beschleunigten Seguidilla-Rhythmen und dem Einsatz von Kastagnetten. Für den Solopart der Violine wird dieses Finale zur Tour de Force mit rasanten Läufen und zackigem Figurenwerk. Dirigent Christoph Koncz und das DSO bringen die Bravour dieser Musik im inspirierten Dialog mit Vengerov wunderbar zum Glänzen. Alexey Shors Violinkonzert „Carpe Diem“, betitelt nach der geläufigen Sentenz des römischen Dichters Horaz, beschert tatsächlich gut genutzte Zeit.
Bekanntes Werk vielfach ausgeleuchtet
Als zweites Violinkonzert des Abends folgte das berühmte Repertoirewerk von Peter Tschaikowsky, ein zentrales Werk des Klassikkanons: Maxim Vengerov, Christoph Koncz und das DSO gelingt es hier, die Besonderheiten dieses Werks in spannender Klanginszenierung herauszuarbeiten. Zu Beginn tasten sich die Orchesterstimmen behutsam vor, um die folgende Steigerung umso eindrucksvoller zu gestalten. Der Einsatz des Violinsolos ist dementsprechend eindrücklich vorbereitet. Maxim Vengerov erweist sich mit enormer Gestaltungskraft als Maler auf der Geige, mit minimalen Verzögerungen in den Akzenten, dezenten Tonschleifern und vielfältigen Färbungen. Sein Spiel hat auch bei den hochvirtuosen Herausforderungen stets ein Fließen und eine gewisse Leichtigkeit, sei es bei schnellen Tonkaskaden, Doppelgriffen oder ätherischen Flageoletttönen. Von spieltechnischer Hochleistung kann er flexibel in melodischen Wohlklang wechseln. Was für eine fulminante Beherrschung der Mittel!
Das DSO bringt in Entsprechung dazu ein vielfach abgestuftes Orchesterbild. Den berückenden Mittelteil „Canzonetta. Andante“ nimmt Maxim Vengerov nicht bloß zärtlich, sondern zuweilen fast schon fragil. Das DSO folgt ihm in dieser Sensibilität. Umso frappierender geraten dann die robusten, erdverbundenen Trioteile. Das mitreißende Finale mit seinen Folkloreeinflüssen gestaltet Vengerov vielschichtig. Die rustikalen Passagen werden in seiner Interpretation in der Artikulation besonders markiert, als Stilzitate in einem Werk des urban-kosmoplitisch geprägten Tschaikowsky. Dieses bekannte Werk erscheint somit bei Vengerov, Koncz und dem DSO in vielerlei, gut disponierten Beleuchtungen. Kein Wunder, dass das Publikum der gut gefüllten Berliner Philharmonie, darunter auch etliche junge Leute, schon vor der Konzertpause begeistert applaudierte und stehende Ovationen gab. Als Zugabe spielte Maxim Vengerov ein Kontrastprogramm: den „Adagio“-Kopfsatz aus der Sonate Nr. 1 g-Moll von Johann Sebastian Bach und entfaltete die gesamte Magie dieser Musik.
Sprichwörtliche Feier des Tanzes
Nach der Pause ging es weiter – passend zu den schwungvollen Passagen der beiden Violinkonzerte – mit der Siebten von Beethoven. Legendär ist die Bezeichnung „Orgie des Rhythmus“, die der französische Schriftsteller und Musikkritiker Romain Rolland für diese Sinfonie einst prägte. Richard Wagner nannte sie eine „Apotheose des Tanzes selbst.“ Christoph Koncz und das DSO bringen dieses beliebte Werk von Anfang an in vielen Abstufungen, Kontrasten, Auf- und Abblendungen transparent und gleichzeitig mit kräftigem Schwung. Die von Beethoven einkomponierten Überraschungsmomente und Finten, er war seinerzeit genervt von der Bräsigkeit seines Publikums, werden deutlich herausgearbeitet. Die Bläser setzen knackig ein, die Bässe rumoren, die Streicher fächern sich wundervoll auf. Der zweite Satz, der Trauermarsch, zeichnet sich wirkungsvoll aus klanglichen Nebeln allmählich ab und wächst zum grandiosen schicksalshaften Hymnus heran. Italienische Tarantella-Sonne durchflutet das Scherzo, und das ausgelassene Finale macht die sprichwörtliche Feier des Tanzes in dieser Sinfonie sinnlich prall erlebbar. Der Schlussapplaus dieses Konzerts in der Wochenmitte des Berliner Veranstaltungsreigens geriet erneut zum Riesenjubel. Glückliche Gesichter allenthalben.




