Wenn du nicht weißt, wie du es sagen sollst, dann sing! So ließe sich das Prinzip des Musiktheaters beschreiben – eine der erstaunlichsten Abstraktionsleistungen der europäischen Kulturgeschichte. Um 1600 beginnen Jacopo Peri mit „La Dafne“ sowie Monteverdi mit „L’Orfeo“ jene Entwicklung, die sich über Jahrhunderte technisch und thematisch entfaltet: von Händel und Mozart über Verdi und Wagner bis zu Alban Berg. War die Oper zunächst eng an die italienische Sprache gebunden, entstanden bald nationale Schulen mit eigenen Vorlieben. In Frankreich integrierte man etwa im Genre der Grand opéra auch das Ballett in das Geschehen. Wagner wiederum wurde – wenn schon nicht ihr Erfinder – zum wichtigsten Influencer der durchkomponierten Oper, die Arie und Rezitativ zunehmend verschmelzen lässt.
Leipzig ehrt Albert Lortzings Spielopern mit einem Festival
Noch bevor der Bayreuther Meister jedoch die Trennung vollends aufhob, erfreute sich eine scheinbar paradoxe Entwicklung großer Beliebtheit, die den Anspruch des Abstrakten zugunsten volkstümlicher Nahbarkeit abräumte: die Spieloper – eine heitere Opernform mit gesprochenen Dialogen, verwandt mit Singspiel, Melodram und später der Operette. Kennzeichnend sind einfache Stoffe und eine vergleichsweise leicht zugängliche Musik. Ihr wohl prominentester Vertreter ist Albert Lortzing. Als Komponist, Librettist, Schauspieler, Sänger und Dirigent in Personalunion, beherrschte er das Unterhaltungsspektrum seiner Zeit und goss es in pointierte Bühnenwerke. Leipzig, wo viele seiner Opern uraufgeführt wurden, ehrt den heute selten gespielten Künstler mit einem Festival.
Auf dem Programm steht unter anderem „Der Waffenschmied“, dessen kleinbürgerliche Verkleidungsposse als besonders volkstümlich und komisch gilt: Graf Konrad und sein Knappe Georg arbeiten inkognito in der Werkstatt des Waffenschmieds Stadinger, wo der Graf – ein Dorn im Auge Stadingers – dessen Tochter Marie für sich gewinnen will. Immer mehr verstricken sich die Beteiligten in reichlich Verwirrung, Eifersucht und Tumult bis die Maskerade sich entwirrt und Konrad zu seinem Glück kommt.
Revolutionsgeist
Weit weniger heiter ist Lortzings Freiheitsoper „Regina“, ebenfalls beim Festival zu erleben. Unter dem Eindruck der Revolution von 1848 siedelt der Komponist das Geschehen in einer Fabrik an, wo Arbeiteraufstand und private Gefühle ineinander geraten. Während der besonnene Vorarbeiter Richard die Streikenden zu maßvollen Forderungen bewegen will, radikalisiert sich sein Rivale Stefan und entfacht einen gewaltsamen Aufstand. Fabrikbrand, Entführung und Geiseldrama folgen, bis Regina den fanatisierten Stefan selbst erschießt. Am Ende feiern die Arbeiter ihre errungene Freiheit im Taumel revolutionärer Hoffnung. Der politisch unerwünschte Sprengstoff des Werkes brachte Lortzing damals allerdings an den Rand des Ruins.
Wolfsschlucht und Ekstase
Die Idee gesprochener Dialoge im Musiktheater ist freilich älter. Ihre Wurzeln liegen im Singspiel, dessen berühmtester Vertreter Mozart ist. In der „Zauberflöte“ sorgt das gesprochene Wort zwischen Koloraturfeuerwerk, pastoraler Harmonik und aufklärerischer Philosophie vor allem für Komik. Papageno wird zum wortgewandten Entertainer – weshalb das ihm auferlegte „heilsame Stillschweigen“ eine besonders harte Prüfung darstellt. Kein Wunder, dass dieser Klassiker mit beträchtlichem Redeanteil bis heute weltweit gespielt wird, etwa an der Wiener Staatsoper, woher auch das eindrückliche Beitragsbild dieser Kolumne stammt.
Auch Webers „Freischütz“ bewegt sich zwischen Oper und Singspiel. Die vielen Dialoge und Witzeleien, vor allem aber die berühmte Wolfsschlucht-Szene als packendes Melodram, verleihen dem Werk seine besondere Mischung aus Theater und Klang. Dort gießen Kaspar und Max unter Sturm und dämonischem Geheul die verfluchten Freikugeln – während der Teufel Samiel als reine Sprechrolle erscheint. Wie lebendig diese deutsche Nationaloper geblieben ist, zeigen aktuelle Produktionen etwa in Bonn.
Eine Tradition bis ins 20. Jahrhundert hinein
Als Verbindung von Sprache und Musik entdeckte schließlich auch Arnold Schönberg das Melodram für sich. Sein „Pierrot lunaire“, nun szenisch in Magdeburg zu erleben, verbindet Sprechstimme und atonale Klangsprache zu einem expressionistischen Klangtheater. Bei der Uraufführung sorgte das Werk für Begeisterung, Empörung und Verwunderung gleichermaßen. Vielleicht liegt genau darin der Reiz: Im besten Sinne besitzen solche Werke die Fähigkeit, nicht nur mit Musik, sondern auch mit Sprache sprachlos zu machen.
Fr., 10. April 2026 19:30 Uhr
Premiere
Musiktheater
Schönberg: Pierrot lunaire
Undine Dreißig (Gesang), Atsuko Koga (Flöte), Götz Baerthold (Klarinette), Barbara Hentschel (Violine), Georgiy Lomakov (Violoncello), Karine Gilanyan (Klavier), Jovan Mitic-Varutti (Leitung), Christian Poewe (Regie)
Sa., 11. April 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Schönberg: Pierrot lunaire
Undine Dreißig (Gesang), Atsuko Koga (Flöte), Götz Baerthold (Klarinette), Barbara Hentschel (Violine), Georgiy Lomakov (Violoncello), Karine Gilanyan (Klavier), Jovan Mitic-Varutti (Leitung), Christian Poewe (Regie)
So., 19. April 2026 18:00 Uhr
Musiktheater
Schönberg: Pierrot lunaire
Undine Dreißig (Gesang), Atsuko Koga (Flöte), Götz Baerthold (Klarinette), Barbara Hentschel (Violine), Georgiy Lomakov (Violoncello), Karine Gilanyan (Klavier), Jovan Mitic-Varutti (Leitung), Christian Poewe (Regie)
Termintipp
Fr., 24. April 2026 19:00 Uhr
Premiere
Musiktheater
Lortzing: Regina
Lortzing Festtage
Fr., 24. April 2026 19:30 Uhr
Premiere
Musiktheater
Lortzing: Der Waffenschmied
Lortzing Festtage




