Opern-Tipps im März 2022

Frauen erobern das Regiepult

Obwohl das Regiefach vielerorts noch immer als Männerdomäne gilt, sorgen im März vor allem die Regisseurinnen für spannende Operninszenierungen.

© Andreas Etter

Einen Monat nach ihrer Inszenierung von Luigi Nonos Revolutionsoper feiert Elisabeth Stöppler mit Haukur Tómassons „Gudruns Lied“ ihre nächste Mainzer Premiere

Einen Monat nach ihrer Inszenierung von Luigi Nonos Revolutionsoper feiert Elisabeth Stöppler mit Haukur Tómassons „Gudruns Lied“ ihre nächste Mainzer Premiere

Regieaufträge werden nach Eignung vergeben, nicht nach Geschlecht, Herkunft oder sexueller Orientierung. Intendanten müssen also entscheiden, wer denn für die nächste Neuinszenierung der „Carmen“ die besten Ideen mitbringt und dazu das Handwerkszeug, das eigene Konzept gemeinsam mit dem Ensemble in die theatersinnliche Tat umzusetzen. So jedenfalls lautet die Theorie. Denn erstaunlich bei diesen Entscheidungen ist, dass die (meist männlichen) Intendanten und Operndirektoren mit Vorliebe Vertreter des eigenen Geschlechts engagieren. Im Karussell der wirklich angesagten Opernregisseure fahren fast ausschließlich die Herren der Schöpfung mit. An den Ausbildungsstätten der Musiktheaterregie allerdings machen mehr Frauen als Männer ihren Abschluss. Nur: Was wird aus all den Damen nach erfolgreich absolviertem Studium? Sie ergattern Assistenzpositionen, werden Spielleiterinnen, dürfen im zweiten Jahr ihres Engagements dann vielleicht mal auf der Studiobühne eine Kammeroper oder ein Jugendprojekt in Szene setzen oder landen in der zweiten Reihe – als Dramaturgin oder Pressesprecherin. Aber die Regieaufträge fürs Große Haus ergattern dann doch die männlichen Kommilitonen.

Zu lange galten an den Stadt- und Staatstheatern derart ungeschriebene Besetzungsgesetze, die eigentlich unanständig sind. Doch die Sensibilisierung für das Missverhältnis nimmt zu. Und die Karrieren von weiblichen Talenten im Regiefach starten schneller und entwickeln sich nachhaltiger. Fünf von ihnen feiern nun im März wichtige Premieren. Zu den erfolgreichen Vorreiterinnen zählt Karen Stone. Die scheidende Intendantin des Theater Magdeburg, die als Krönung ihrer Intendanz nun MozartsDon Giovanni“ inszeniert, musste sich als älteste des Regie-Quintetts freilich noch über die klassische Ochsentour nach oben arbeiten: Sie fing als Regieassistentin in Freiburg an, wechselte in gleicher Funktion nach London, später nach München, bis sie den Sprung zur Operndirektorin in Köln und Intendantin in Graz schaffte. Yona Kim half für den nun schon schnelleren Durchmarsch an die mittleren und großen Opernhäuser, dass sie als Doppelbegabung gilt. Die Koreanerin, die umfassende geisteswissenschaftliche Studien betrieb und mit dem Dr. phil. abschloss, ist Librettistin und Regisseurin, profilierte sich zunächst als Mitschöpferin von Uraufführungen, etwa für die Münchener Biennale für Neues Musiktheater. Nun interpretiert sie an der Hamburgischen Staatsoper das Schicksal der männermordenden Puccini-Prinzessin Turandot. Ob hier eine genuin feministische Perspektive zu neuen Erkenntnissen führen wird?

Revolutionen und Liebeshymnen

Die drei jüngeren Regie führenden Kolleginnen verbindet das fundierte Studium ihrer Materie, das sie alle in Hamburg absolvierten. Elisabeth Stöppler inszenierte schon kurz nach ihrem Abschluss an der Semperoper Dresden und der Oper Frankfurt, dem Staatstheater Mainz ist sie als Hausregisseurin verbunden. Hier erarbeitet sie nun Luigi Nonos „Al gran sole carico d’amore“, jene Szenen gescheiterter Revolutionen und Aufstände des 19. und 20. Jahrhunderts, denen sich der italienische Komponist als bekennender Linker zeitlebens verbunden fühlte. Rahel Thiel brauchte nur vier Jahre als Regie-assistentin am Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen, um sich als Regisseurin einen Namen zu machen. Hier stellt sie nun ihre Sicht auf die vom männlichen Klischee der Femme fatale eingeengten großen Freiheitsliebenden Carmen vor. Luise Kautz, mit Mitte zwanzig die jüngste im Bunde, deutete bereits Wagners Hymne an die ewige „Liebe Tristan und Isolde“ am Nationaltheater Mannheim und kehrt nun – nach ihrer enorm präzisen Sicht auf KorngoldsDie tote Stadt“ – an das Theater Kiel zurück, wo sie die Grand opéra „Die Jüdin“ von Fromental Halévy inszeniert. Es gibt berechtigte Hoffnung, dass sich (weibliche) Qualität am Regiepult endlich durchsetzt.

Opern-Tipps im März:

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