Porträt Christian-Pierre La Marca und Lise de la Salle

Alte Achse neu belebt

Christian-Pierre La Marca und Lise de la Salle lassen jene Ära aufleben, in der Künstler aus Russland und Frankreich sich gegenseitig inspirierten

© Julien Mignot

Lise de la Salle & Christian-Pierre La Marca

Lise de la Salle & Christian-Pierre La Marca

Paris und Moskau, zwei scheinbar ferne Welten. So suggeriert es uns oft die Politik. Doch im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert herrschte ein reger Austausch auf der Achse Paris-Moskau, vor allem künstlerisch. Tschaikowsky ließ seine vierte Sinfonie in Paris aufführen, knapp zwei Jahrzehnte später kreierte ein Mann namens Émile Cornillot die Süßspeisen-Marke „Franco-russe“, und als die „Balletts russes“ Paris eroberten, begann eine neue Zeitrechnung in der Musikgeschichte. An diese bilaterale Internationalisierung erinnert nun die neue Aufnahme mit Pianistin Lise de la Salle und dem Cellisten Christian-Pierre La Marca. Sie setzen Gabriel Fauré neben Sergej Rachmaninow und Jules Massenet neben Igor Strawinsky. Hinzu treten Saint-Saëns, Prokofjew und Rimski-Korsakow.

Das Cello als menschliche Stimme

Christian-Pierre La Marca begann mit dem Cellospiel in Aix-en-Provence, studierte in Paris und ging während seiner Wanderjahre nach Köln und zu Steven Isserlis nach London. Als Mitglied im Trio Dali und als Solist hat er bereits ein knappes Dutzend CDs bespielt, und mit seinem Bruder Adrian leitet er das Festival Les Musicales de Pommiers – ein musikalischer Allrounder also, der sein Hauptziel als Instrumentalist klar definiert: „Das Cello behandeln wie die menschliche Stimme und es zum Singen bringen.“ Gerade seine Erfahrungen als Kammermusiker haben dazu beigetragen, dass La Marca einen Ton entwickelt hat, der Eleganz und Esprit paart, der flexibel ist und sich doch nie effekthungrig nach vorne drängt. „Wir möchten mit unserer Aufnahme natürlich den ‚grand romantisme‘ der damaligen Zeit abbilden, aber zugleich auch zeigen, wie sich so unterschiedliche Stil-Richtungen aufeinander zubewegt haben“, erklärte Christian-Pierre La Marca im französischen Fernsehen. „Gerade diese Musik ist dazu angetan, sich nicht im Elfenbeinturm der Klassik einzukapseln, sondern Neugierde auf zwei unterschiedliche Kulturräume zu entwickeln, die ihre eigenen Charaktere bewahrt und zugleich Neues geschaffen haben.“

© Julien Mignot

Lise de la Salle & Christian-Pierre La Marca

Lise de la Salle & Christian-Pierre La Marca

An seiner Seite spielt Lise de la Salle am Flügel. Ihre Karriere verlief steil: erste Live-Übertragung eines Konzertes mit neun, zwei Jahre später Beginn des Studiums am Pariser Conservatoire, kurz vor ihren Abiturprüfungen Aufnahmen für ihre erste CD. Musik ist ihr Leben, ob unmittelbar an den Tasten oder unterwegs. Das Nachdenken über Musik ist ihr ständiger Begleiter – „ob im Flugzeug, im Zug, im Hotelzimmer, oder auch in den Ferien, am Meer und in den Bergen.“ Wichtig für de la Salle, die aus einem kleinen Städtchen in der Normandie stammt, sich als Käseliebhaberin bekennt und Yoga praktiziert, ist der natürliche Reifeprozess im Umgang mit Stücken, die sie neu ins Repertoire nimmt: „Es ist wie in der Küche oder im Weinkeller. Manchmal sind es ein oder zwei Monate, in denen ich bestimmte Werke überhaupt nicht anrühre. Dennoch arbeiten sie dann in mir wie von selbst.“ Der Wechsel von gezielter Arbeit und Liegenlassen ist ihr sehr wichtig, denn: „Mit vielen Werken wird man ohnehin nie fertig.“

Die Geige ist für Lise de la Salle ein „privater Garten“

Selbst wenn sie, wie schon oft in der Vergangenheit, sich der Musik der Romantik widmet, verzichtet Lisette, wie ihre Freunde sie nennen, innerlich auf konkrete Bilder, denn sie möchte vor allem die jeweiligen Empfindungen durchleben und nacherleben, „Gefühle von Freude, Enttäuschung, Hoffnung, Leiden.“ Ihre eigene Technik sieht sie dabei lediglich als Mittel zum Zweck, „sie ist Handwerk und Rüstzeug. Ich möchte sie beherrschen, um sie dann wieder vergessen zu können. Viel wichtiger ist eben, ein Stück mit Herz und Seele zu füllen.“
 Neben dem Klavier spielt Lise de la Salle auch Geige. Doch das behält sie lieber für sich, „das ist mein privater Garten“, sagt sie. Dass sie zu ihren pianistischen Vorbildern Swjatoslaw Richter und Emil Gilels zählt und sich liebend gern für Rachmaninows erste Klavierkonzert einsetzt – das zeigt, dass ihre Affinität zu russischer Musik keine Eintagsfliege ist.

concerti-Tipp:

20.6., 20:00 Uhr
Institut français Berlin
Christian-Pierre La Marca (Violoncello)
Lise de la Salle (Klavier)
Werke von Debussy, Fauré, Saint-Saëns, Prokofjew, Strawinsky & Rachmaninow

Aktuelles Album

Paris-Moscou
Werke von Fauré u. a.

Christian-Pierre La Marca (Violoncello)
Lise de la Salle (Klavier)
Sony Classical

Termine

Donnerstag, 19.12.2019 20:00 Uhr Volkshaus Jena

Lise de la Salle, Jenaer Philharmonie, Rosa Donata Sailer

J. S. Bach: Brandenburgisches Konzert Nr. 3 G-Dur BWV 1048, Mozart: Klavierkonzerte Nr. 19 F-Dur KV 459 & Nr. 20 d-Moll KV 466, Barber: Adagio für Streicher

Mittwoch, 01.01.2020 16:00 Uhr Konzerthaus Dortmund
Mittwoch, 01.01.2020 19:00 Uhr Konzerthaus Dortmund
Samstag, 08.02.2020 20:00 Uhr Volkshaus Jena

Dances

Lise de la Salle (Klavier)

Samstag, 15.02.2020 20:00 Uhr Schloss Neubeuern

Dances

Lise de la Salle (Klavier)

Sonntag, 08.03.2020 17:00 Uhr Volkshaus Jena

Beethoven Pastoral Project

Lise de la Salle (Klavier), Jenaer Philharmonie, Simon Gaudenz (Leitung)

Montag, 01.06.2020 19:30 Uhr Elbphilharmonie Hamburg

Lise de la Salle

Ravel: Valses nobles et sentimentales, Debussy: Mazurka, Saint-Saëns: Étude en forme de valse op. 52/6, Bartók: Rumänische Volkstänze, Strawinsky: Tango, Rachmaninow: Polka Italienne, Chatschaturjan: Säbeltanz, Ginastera: Danzas Argentinas op. 2, Falla: Danza ritual del fuego, Piazzolla: Libertango, Gershwin: When do we dance?, Bolcom: Graceful Ghost Rag

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