Interview Benedict Kloeckner

„Die Musik ist kein Museum und wir sind keine Museumsverwalter“

Trotz der Herausforderungen, die die Corona-Pandemie an alle Musiker stellt, war Benedict Kloeckner in den letzten zwölf Monaten äußerst produktiv: ein neues Album, sein eigenes Festival und diverse Streaming-Konzerte. Im Interview erzählt er, wie er das Beste aus der Situation gemacht hat, wie sein Bruder ihn zum Cellospielen gebracht hat und wie wichtig zeitgenössische Musik für Künstler und Publikum ist.

© Marco Borggreve

Benedict Kloeckner

Benedict Kloeckner

Wie sind Sie denn zum Cello gekommen? Stimmt es, dass Ihr Bruder dabei eine wichtige Rolle gespielt hat?

Benedict Kloeckner: Das stimmt. Ich habe einen acht Jahre älteren Bruder, und von meiner Geburt an habe ich mitbekommen, wie er Klavier oder Geige gespielt hat. Ich war also schon immer umgeben von Musik und liebte es, wenn er mir Chopin vorspielte (lacht). Mein Bruder hat sehr intensiv Klaviertrio mit Martin Stadtfeld und Gabriel Mesado gespielt. Ich habe bei allen Proben zugehört, bis Martin mich eines Tages aufforderte, für ihn die Seiten zu wenden; da war ich ungefähr sechs Jahre alt. Seitdem kenne ich das Mendelssohn-Trio in- und auswendig. Und das fängt natürlich mit diesem wunderschönen Cellosolo an. Diese warme, wunderbare Klangfarbe des Cellos hat mir so gut gefallen, dass ich meinen Eltern gesagt habe, dass ich unbedingt Cello spielen möchte. Die waren erst einmal skeptisch, und so habe ich zunächst Klavierunterricht bei Martin Stadtfeld bekommen, bis mir meine Eltern zu meinem neunten Geburtstag ein Cello geschenkt haben. Das war Liebe auf den ersten Ton.

Schon in jungen Jahren haben Sie an vielen Wettbewerben teilgenommen – und gewonnen. Wie wichtig sind Wettbewerbe für junge Künstler oder Musiker im Allgemeinen?

Kloeckner: Wettbewerbe sind immer Zielpunkte, gerade bei jungen Musikern. Es ist schon eine große Hilfe, einen Endtermin zu haben, wenn man ein Stück einstudiert. Ich finde es auch pädagogisch wichtig, mit seinem Professor darauf hinzuarbeiten und zu lernen, mit Lampenfieber umzugehen. Wettbewerbe öffnen natürlich auch Türen: Man bekommt Konzertmöglichkeiten und vielleicht ein tolles Instrument wie beim Musikinstrumenten-Wettbewerb der Deutschen Stiftung Musikleben. Aber sicherlich muss da jeder seinen eigenen Weg finden. Ich kenne ganz fantastische Musiker, die nie an Wettbewerben teilgenommen haben, weil sie das Gefühl nicht mochten, bewertet zu werden – und das ist völlig legitim. Es gibt diesen berühmten Ausspruch von Bartók, dass Wettbewerbe für Pferde, aber nicht für Musiker seien.

Sie haben unter anderem an der Kronberg Academy studiert und dort Ihren Master gemacht. Warum kein klassisches Studium an einer Hochschule?

Kloeckner: Kronberg bietet einfach eine ganz persönliche Betreuung und individuelle Förderung. Natürlich leisten die Hochschulen in Deutschland fantastische Arbeit und haben unglaubliche Professoren. Sie sind aber auch in das Bachelor-/Master-System mit den Creditpoints eingebunden und müssen bestimmte Regularien befolgen. Gerade wenn man als Student schon viele Konzerte spielt und oft unterwegs ist, kann man manche Kurse nicht wahrnehmen. Allerdings bekommt man nach zweimal Abwesenheit schon keine Credits mehr für einen Kurs. In Kronberg war es sehr individuell, da wurden Kurse nachgeholt oder es gab andere Möglichkeiten, sein Studium trotz intensiver Konzerttätigkeit fortzusetzen. 

Was haben Sie von dort mitgenommen? Wie hat Sie die Zeit geprägt?

Kloeckner: Die Vielfalt in Kronberg war großartig: Einerseits hat man eine klassische Hochschulausbildung bekommen, andererseits konnten wir aber auch mit unglaublichen Künstlern arbeiten und spielen. Teilweise waren das Musiklegenden, die ich seit meiner Kindheit bewundert habe: Gidon Kremer, Daniel Barenboim oder András Schiff. Mit denen Kammermusik zu machen, sind einzigartige Stunden, die man nicht vergisst. Für mich war aber auch die Kombination aus meinem Studium an der Musikhochschule Karlsruhe bei Martin Ostertag und dem Studium an der Kronberg Academy sehr spannend.

Sie stehen viel mit jungen Musikern, aber auch mit alteingesessenen Künstlern wie Gidon Kremer, Anne-Sophie Mutter oder András Schiff auf der Bühne. Wie unterscheidet sich die Zusammenarbeit?

Kloeckner: In jedem Fall ist es so, dass man Ohren und Augen offen behält, weil man dadurch sehr viel lernen kann. Ich finde generell, dass man selbst besser spielt, wenn man mit herausragenden Musikern musiziert, weil man sich mitreißen lässt. Gleiches gilt für Gleichaltrige: Jeder hat eine Besonderheit als Künstler und etwas, das man von ihm mitnehmen kann. Das formt natürlich auch die eigene künstlerische Identität.

Sie spielen viele Werke von Wolfgang Rihm oder Howard Blake. Wie wichtig ist Ihnen zeitgenössische Musik?

Kloeckner: Sehr wichtig. Die Musik ist ja kein Museum und wir sind keine Museumsverwalter. Sie ist eine lebendige Kultur. Ich glaube, das müssen wir auch ganz klar dem Publikum kommunizieren. Es gibt so viel spannende Musik, die zurzeit geschrieben wird und unglaublich viel Spaß macht. Natürlich gibt es manchmal Vorbehalte. Das Schönste ist aber, wenn man diese auflösen und zeigen kann, dass zeitgenössische Werke genauso emotional, schön und tief sind wie das, was wir aus dem gängigen Künstlerkatalog kennen. Für mich persönlich als Künstler ist es außerdem sehrspannend, mit einem lebenden Komponisten zu arbeiten. Man kann direkt in den Kopf eines Erschaffers von Musik blicken und mitverfolgen, wie ein Werk entsteht. Das lässt ebenso Rückschlüsse auf die Musik von Komponisten zu, die bereits tot sind.

© Ervis Zika

Benedict Kloeckner

Benedict Kloeckner

Sie selbst haben ganz aktuell mit zeitgenössischen Komponisten zusammengearbeitet. Erzählen Sie uns etwas zu dem Projekt „Klänge des Lichts“, das Sie während der Corona-Krise ins Leben gerufen haben!

Kloeckner: Das entstand im ersten Lockdown. Ich wollte Komponisten aus den unterschiedlichsten Zusammenhängen darum bitten, ein musikalisches Werk in dieser besonderen Situation zu komponieren. Denn wie man weiß, haben eigentlich alle großen Krisen unglaubliche Kunst hervorgebracht. Ich habe also sechs verschiedene Komponisten aus sechs verschiedenen Kontinenten beauftragt, ein Werk für Solo-Cello zu schreiben. Dann entstand die Idee, diese mit den sechs Suiten von Johann Sebastian Bach zu kombinieren. Letzten Sommer hatte ich die Gelegenheit, einige Werke auf meinem Festival zu spielen. Dieses Spannungsfeld zwischen Bach und diesem zeitgenössischen Echo ist sehr interessant. Das fügt beidem etwas hinzu. Deswegen habe ich mich dazu entschlossen, das Projekt auf einem Album festzuhalten. Schon die sechs Bach-Suiten sind für jeden Cellisten das Herzstück des Repertoires, und dazu mit diesen tollen Komponisten zu arbeiten, hat dieses schwierige letzte Jahr zumindest von meiner Laune her etwas gerettet.

Wie sind Sie denn auf die Komponisten gekommen?

Kloeckner: Mit manchen arbeite ich schon sehr lange zusammen, etwa mit Éric Tanguy. Ein großartiger Komponist. Einige andere habe ich vor noch nicht allzu langer Zeit kennen- und lieben gelernt. Dai Fujikura habe ich getroffen, als ich in Salzburg die österreichische Erstaufführung seines Cellokonzerts gespielt habe. Er ist ein unglaublich kreativer, witziger, aber auch tiefgründiger Mensch und Künstler. Elena Kats Chernin habe ich hingegen auf einem Roadtrip durch Polen kennengelernt. Wir haben im Auto ihre CD aufgelegt und waren alle total fasziniert von ihrer Musik. Seitdem bin ich mit ihr in Kontakt. Auf José Elizondo bin ich gestoßen, als ich auf Facebook ein Video von Yo-Yo Ma gesehen habe, der seine Stücke gespielt hat.

2014 gründeten Sie das Internationale Musikfestival Koblenz. Wie ist es für einen so jungen Künstler, ein eigenes Festival auf die Beine zu stellen?

Kloeckner: Das hat sich langsam angebahnt. Ich war damals selbst auf allen möglichen Festivals unterwegs und total beeindruckt vom Verbier-Festival. Dann war ich auf dem Festival Podium Esslingen, das ein Freund von mir, Steven Walter, zum ersten Mal gestemmt hatte, und dort herrschte eine packende Atmosphäre. Das hat mich dann auch dazu bewogen, darüber nachzudenken, ob ich nicht etwas Ähnliches in meiner Heimat machen könnte – es ist ja eine wunderschöne Region am Mittelrhein. Der Grundgedanke war, diese herrliche Umgebung mit tollen Künstlern und schöner Musik zu verbinden. Ich konnte zunächst ein paar Unterstützer vor Ort gewinnen, die unermüdlich an der Realisierung mitgearbeitet haben. Dann kam später das Land Rheinland-Pfalz dazu, und so konnte das Festival langsam, aber stetig wachsen.

Jetzt gibt es da ja schon einen Riesen in Sachen Festivals in der Region: das Rheingau Musik Festival. Wie etabliert man sich denn daneben?

Kloeckner: Ich denke, es kann gar nicht zu viele Festivals geben (lacht). Insofern ist ein Festival, das eine solche Tradition hat, eine Inspiration für uns. Wir haben auch diese traumhaften Spielorte, an denen wir mit qualitativ hochwertigen Konzerten Kulturerlebnisse ermöglichen, so dass sowohl das Publikum als auch die Künstler wiederkommen möchten. Im letzten Jahr haben wir unsere Zuschauerzahl fast verdoppelt! Das lag zwar auch daran, dass wenig anderes stattfand, aber wir werten es trotzdem als ermutigendes Zeichen.

Sie sind nicht nur Gründer des Festivals, Sie treten dort auch auf und sind künstlerischer Leiter. Welche Aufgaben liegen da auf Ihrem Tisch?

Kloeckner: Eigentlich sind meine Aufgaben recht vielfältig. Ich finde diesen Perspektivwechsel sehr spannend. Man bekommt ganz neue Einsichten in den Konzertbetrieb. Im Grunde muss ich schauen, welche Orte in Frage kommen, welche Künstler ich gewinnen kann und welche Programme passen. Im zweiten Schritt baue ich den Kontakt zu Sponsoren und Presse auf. Insofern bin ich ein wenig „Mädchen für alles“. Ich habe aber viele Helfer, die mich dabei höchst engagiert unterstützen.

Machen Sie manchmal noch Musik mit Ihrem Bruder?

Kloeckner: Ja! Er hat zwar am Ende etwas ganz anderes gemacht und ist jetzt Partner in einer großen englischen Anwaltskanzlei, aber wir haben noch ein Repertoire, das wir manchmal auf Familien-Geburtstagen spielen.

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