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Interview Joshua Bell

„Ohne Geige würde mir die Seele fehlen“

Seit 2011 leitet Joshua Bell die Academy of St Martin in the Fields. Sein Violinspiel liegt in zahlreichen Aufnahmen vor – und in 20 000 digitalen Samples.

vonTeresa Pieschacón Raphael,

Einen atemberaubend singenden Geigenton und eine makellose Technik bescheinigt man der lebenden Violinlegende Joshua Bell. Seit 40 Jahren tourt der US-Amerikaner als Solist um die Welt. Doch damit nicht genug: Neuerdings tritt er auch als Dirigent in Erscheinung.

Dirigieren und gleichzeitig als Solist auf der Bühne stehen … Wie geht das?

Joshua Bell: Ich habe bereits die Violinkonzerte von Mendelssohn, Saint-Saëns und sogar das Doppelkonzert von Brahms in dieser Doppelfunktion gespielt. Es wirkte alles sehr organisch, besonders mit den Musikern der Academy of St Martin in the Fields, die sehr gut zuhören können. Ich genieße es sehr, mich nicht mehr nach der Meinung anderer Dirigenten richten zu müssen oder nach deren limitiertem Zeitbudget. Ich wähle sozusagen meine eigenen Schlachten, wie man so schön sagt. Aber es bedeutet mehr Arbeit, weil ich mich nicht nur mit meinem Geigenpart auseinandersetzen muss, sondern mit dem eines ganzen Orchesters. Mit der ASMF bin ich ein besserer Musiker geworden!

Wie das?

Bell: Wenn man ein Orchester leitet, muss man noch viel klarer darüber nachdenken, wie die Musik fließen soll, wie sie architektonisch aufgebaut ist. Erst dann kann man es erklären. Als junger Solist reagierte ich oft instinktiv. Mit zunehmendem Alter denke ich logischer darüber nach, wie ich phrasiere, und betrachte das Stück als Ganzes. Rhythmische Energie ist sehr wichtig. Und die kommt von der Artikulation, vom Geigenbogenstrich …

Genau der aber irritierte bei Ihrem Amtsantritt bei der ASMF 2011 viele Geigerinnen und Geiger der Academy …

Bell: Oh ja! Als Solist brachte ich ganz eigene Phrasierungsansätze mit ins Orchester. Jahrzehnte hatten die Musiker anders phrasiert. Mittlerweile haben wir uns aneinander gewöhnt und angepasst …

Mozart dirigierte von der Seite aus, wo das Cembalo stand. Bei einem Tasteninstrument hat man ja immer mal eine Hand frei zum Dirigieren. Wie machen Sie das als Geiger?

Bell: Ich benutze meinen Geigenbogen als Taktstock und behalte die Geige in der Hand.

Bell spielt auf der Stradivari „Gibson ex Huberman“ aus dem Jahr 1713
Bell spielt auf der Stradivari „Gibson ex Huberman“ aus dem Jahr 1713

So wie einst Johann Strauß?

Bell: Sie könnten auch André Rieu nennen (lacht). Im Ernst: Man kann dem Orchester auch andere Zeichen geben, um sich verständlich zu machen, etwa durch Gesten oder indem ich meine Augenbrauen hebe oder in die Knie gehe. Robert Schumanns „Frühlingssinfonie“ werde ich ganz normal vom Pult aus dirigieren. Für Brahms’ Violinkonzert braucht es tatsächlich mehr Energie. Oft drehe ich mich während eines Tutti um, um das Orchester zu leiten, damit es keine Unterbrechungen gibt. Das heißt auch, dass es keine Pausen für mich gibt.

Die Musiker scheinen zufrieden, denn Sie haben Ihren Vertrag als Musikdirektor bis 2028 verlängert. Wie werden Sie Schumanns „Frühlingssinfonie“ angehen?

Bell: Noch kenne ich das Werk nicht gut genug. Ich habe bisher nur seine zweite Sinfonie aufgeführt. Schumanns Musik liegt mir sehr am Herzen. Ich liebe seine Sinfonien und stimme nicht mit denen überein, die behaupten, er könne nicht gut orchestrieren.

Sie selbst komponieren Kadenzen und bringen für Brahms’ Violinkonzert eine eigene mit.

Bell: Es ist, glaube ich, das Schönste und Kreativste, was ich je gemacht habe: mich hinzusetzen und eine neue Kadenz zu schreiben. Angefangen hat alles mit diesem Brahms-Konzert, als ich 20 Jahre alt war. Ich habe sie damals mit der Violine komponiert, zunächst nur so zum Spaß, und war tatsächlich etwas in Sorge, wie sie überhaupt angenommen wird. Doch irgendwann sagte ich mir: „Ich habe das gerade notiert. Warum sollte ich es nicht spielen?“

Sie geben aber auch gerne Werke in Auftrag. Was ist Ihnen dabei wichtig?

Bell: Ich bin da sehr altmodisch (lacht). Ich will etwas Schönes. „Provokativ“ oder „interessant“ reicht einfach nicht.

Wie kam es zu dem Auftrag der fünfteiligen Suite „Elements“?

Bell: Während der Pandemie dachte ich über die Elemente Erde, Luft, Feuer und Wasser nach und wie man sie in Musik setzen könnte. Als fünftes Element kam der Äther hinzu, der ja eigentlich nichts und alles zugleich ist. Dazu beauftragte ich fünf stilistisch sehr unterschiedliche Komponisten, die aber auch einige meiner musikalischen Ideale teilen, nämlich Melodie und Tonalität.

Die Suite wurde im August 2023 uraufgeführt. Kevin Puts schrieb den meditativen Satz „Earth“.

Bell: Das Stück beginnt mit einer ruhigen, fast hypnotisch wirkenden Ostinato-Figur. Dieser Anfang hat etwas ganz Besonderes, beschreibt die Schönheit unseres Planeten. Die Musik ist recht zugänglich, trotz einiger schwieriger Stellen. Alle Komponisten haben viel Herzblut in das Werk gesteckt. Ich habe größten Respekt davor, wenn Menschen etwas aus dem Nichts erschaffen können und es auf Papier bringen! Ein Komponist muss sich heute nicht mehr die akustische Wirkung seiner Komposition im Kopf vorstellen wie einst ein Beethoven, sondern kann verschiedenste Instrumente und komplexeste Melodieverläufe und Harmonien mithilfe eines Computers steuern und jederzeit ändern.

Bekanntheit über die Klassikszene hinaus erlangte Bell durch die Einspielung der Originalmusik von John Coriglianos Soundtrack zum Film „Die rote Violine“
Bekanntheit über die Klassikszene hinaus erlangte Bell durch die Einspielung der Originalmusik von John Coriglianos Soundtrack zum Film „Die rote Violine“

Sie sind ein Fan neuer Technologien. Wird KI eines Tages den Komponisten, den Dirigenten ersetzen?

Bell: Ich liebe KI, bin fasziniert davon, aber auch besorgt, dass unser Alltag immer mehr beherrscht wird von Smartphones und Algorithmen. Es beruhigt mich, dass wir noch in Sinfoniekonzerte gehen, weil da bis zu 100 echte Menschen auf der Bühne Musik von echten Menschen auf Instrumenten spielen, die teilweise vor 300 Jahren von Menschenhand gefertigt wurden. Wenn uns gesagt würde, die Sinfonie sei von KI komponiert, die Musiker seien Roboter und der Dirigent ein Algorithmus, dann glaube ich nicht, dass dies beim Zuhörer eine emotionale Reaktion hervorrufen würde.

Mit der Firma Embertone haben Sie eine virtuelle „Joshua Bell Violine“ entwickelt. Machen Sie sich damit als Künstler überflüssig?

Bell: Aber nein! Diese „Violine“ ist lediglich als ein Werkzeug gedacht für Komponisten, die noch keine Interpreten haben und ihre Musik nur aus Synthesizern kennen. Meist ist der Sound der Streicher dort nur roboterhaft und elektronisch. Meine „Violine“ erzeugt viel realistischere Klänge.

Fast 20.000 Klangbeispiele haben Sie mit Ihrer Stradivari eingespielt. Standard-Artikulationen sind darunter wie Sustain, Pizzicato, Staccato, Spiccato. Dazu zwölf verschiedene Legato-Techniken mit Bogenwechsel, Bindebögen, Portamento …

Bell: Ich bin bis zum Äußersten gegangen, habe alle möglichen Klänge, die man mit dem Bogen auf der Violine erzeugen kann, eingespielt.

„Benutzerfreundlich“ soll diese Software sein. Man muss also nicht mehr üben?

Bell: So einfach geht es leider nicht (lacht)!

Allerdings: Ohne Ihre Kunst und Ihre 300 Jahre alte Gibson-ex-Huberman-Stradivari-Geige wäre dieses virtuelle Instrument niemals entwickelt worden. Können Sie sich ein Leben ohne Ihre Geige vorstellen?

Bell: Eigentlich nicht. Ich spiele sie seit meinem vierten Lebensjahr, kurz nachdem ich sprechen gelernt habe. Ich interessiere mich allerdings auch für Naturwissenschaften, ich liebe Sport, aber ohne Geige wäre es, als würde mir die Seele fehlen.

Mendelssohn: Klaviertrios

Klaviertrios Nr. 1 d-Moll op. 49 & Nr. 2 c-Moll op. 66

Joshua Bell (Violine), Steven Isserlis (Violoncello), Jeremy Denk (Klavier). Sony

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