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Opern-Kritik: Bayerische Staatsoper München – Die Nacht vor Weihnachten

Russisch-ukrainischer Mittwinternachtstraum

(München, 29.11.2025) Die Welttheater-Fiktion vom Manege-Dorf geht in Nikolai Rimski-Korsakows Weihnachtsmärchen-Alternative „Die Nacht vor Weihnachten“ an der Bayerischen Staatsoper voll auf.

vonRoland H. Dippel,

Es gibt keine Probleme mit Aufführungsmaterial, und die Werkgeschichte ist bestens dokumentiert. Trotzdem klagt das Kreativteam der ersten vollständigen szenischen Aufführung einer Oper von Nikolai Rimski-Korsakow an der Bayerischen Staatsoper München zu Recht über die mangelhafte Präsenz von dessen 15 Bühnenwerken in Deutschland (und Europa). Was ist dran? Die 1895 im Sankt Petersburger Mariinski-Theater uraufgeführte „Nacht vor Weihnachten“ machte im Nationaltheater als Weihnachtsmärchen-Alternative zu „Hänsel und Gretel“ am ersten Advent-Wochenende fulminanten Effekt.

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Große Namen wie Violeta Urmana, Laura Aikin und Sergei Leiferkus erschienen in kleinen Partien. Die Partitur ist eine hellstrahlende Leuchtrakete für das Bayerische Staatsorchester. So wie Tansel Akzeybeks attraktiver Teufel im Frack mit roten Hörnerspitzen und roten Handschuhen in Klaus Grünbergs ukrainischer Dorfmanege Number One war, stand Münchens russischer GMD Vladimir Jurowski mit Virtuosen-Posen in hellem Licht vor dem panslawischen und panreligiösen Wunderwerk. Barrie Kosky und er arbeiteten in bester russisch-romantischer Tradition ukrainophil für Nikolai Gogols Dorfgeschichten von 1832 und Rimski-Korsakows Vertonung. Für die russischen Metropolen des 19. Jahrhunderts war das ukrainische Kleinrussland so etwas wie Oberbayern für Preußen: Russland, das Land der Härte, schwärmte für die als autonomes Gebiet nicht ernst genommene Ukraine und domestizierte dieses zum Folklore-Paradies.

Szenenbild aus „Die Nacht vor Weihnachten“ an der Bayerischen Staatsoper München
Szenenbild aus „Die Nacht vor Weihnachten“ an der Bayerischen Staatsoper München

Friedensappell der Hochkultur

Klaus Grünbergs Bühne ist schon vor Beginn voller Dorfmenschen wie du und ich. Das Ende mit der Hymne auf den Autor Gogol mündet also zurück zum Anfang mit Rimskis Orchesterzauber für die heidnische Sonnengöttin Koljada. Wenn Jurowski, Kosky und Staatsintendant Serge Dorny diesen Wintersonnenwendenachtstraum im Kriegsjahr 2025 und – bei Planung unvorhersehbar – während der Friedensanbahnungen herausbringen, hat das durch höhere Fügung eine brisantere Tragweite als Christof Loys Inszenierung an der Oper Frankfurt 2021 kurz vor dem Angriff auf die Ukraine.

Kosky und sein kecker Choreograf Otto Pichler ironisieren. Die zwölf burlesken Teufel sind eine brillante Alternative zu den vierzehn Schutzenglein in Humperdincks viel harmloserem Märchenspiel „Hänsel und Gretel“. Am Hof der Zarin krachen Klaus Bruns‘ Kostüme nicht spätbarock, sondern mittelasiatisch-orientalisch. Kosky denkt bei der ukrainischen Dorfgemeinschaft das Biotop des jüdischen „Schtetl“ mit. Die bei der „Hexe“ Solocha Schlange stehenden Dorfgrößen sind aufgeblasene Mannsbilder genau da, wo Rimski-Korsakows Musik im zweiten Akt etwas dünnblütig fließt. Violeta Urmana hätte neben der Zarin auch für die von Ekaterina Semenchuk mit sinnlicher Verdi-Power aufgeladene Superhexe Solocha gute Figur gemacht.

Szenenbild aus „Die Nacht vor Weihnachten“ an der Bayerischen Staatsoper München
Szenenbild aus „Die Nacht vor Weihnachten“ an der Bayerischen Staatsoper München

Realistische Fantastik

Die Welttheater-Fiktion vom Manege-Dorf geht auf. Zum Meisterstreich Koskys und der überragenden Elena Tsallagova wird die Bewältigung der Hauptfigur Oksana: Beide machen aus der kalt-spröd-egozentrischen Dorfschönen einen goldenen Paradiesvogel im grauen Käfig. Tsallagova gibt die ukrainische Eisprinzessin mit vokaler Intensivwärme. Bei ihren Arien kokettierte Rimski-Korsakow spürbar mit seiner Kenntnis der französischen Flatterhaften à la Philine in „Mignon“ und hob Oksana dann doch in Nähe seiner packenden „Zarenbraut“. Die schönsten Melodien hat der Oksana liebende Schmied und Ikonenmaler Wakula. Sergey Skorokhodov findet ab dem zweiten großen Solo zum angemessenen Schmelz für den kräftig-zarten Kunsthandwerker, der den Vergleich von Rimskis Geschichte aus Dikanka mit Wagners Bilderbuch-Überhöhung in den „Meistersingern von Nürnberg“ nahelegt.

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Szenenbild aus „Die Nacht vor Weihnachten“ an der Bayerischen Staatsoper München
Szenenbild aus „Die Nacht vor Weihnachten“ an der Bayerischen Staatsoper München

Friede auf Erden: „Ein wahres Weihnachtslied“

Der Offizier Rimski-Korsakow war Kosmopolit. Anders als der Monarchist Tschaikowsky mit seinen Realismus-Ambitionen frei nach Bizet und Verdi kritisierte Rimski-Korsakow in „Schneeflöckchen“, „Die Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesch“ und eben „Die Nacht vor Weihnachten“ die verkrusteten Herrschaftsspitzen des zaristischen Russland. Rimskis finale Hymne an Gogol, die ukrainischen Volksgesänge aus der Sammlung von Alexander Rubez und die rauschhafte Instrumentation sind also eine ehrliche Friedensvision Made in Russia. Bis Glasnost hatten Rimskis Opern in der UdSSR eine überzuckerte, aber in der russischen Moderne wurzelnde Aufführungstradition. Den Kosmos Rimski-Korsakows zwischen Sage und Satire hatte Sigrid Neef noch zu DDR-Zeiten in ihrem „Handbuch der russischen und sowjetischen Oper“ mit dem Analyse-Spektrum des realistischen DDR-Musiktheaters durchfurcht.

Die „Schneeflöckchen“-Inszenierungen von Florentine Klepper in Erl und von Dmitri Tcherniakov in Paris verorteten das Sujet in einer geschärften Realität, zu der Rimskis innige Poesie nur in kalten Krisenmomenten aufblitzt. Etwas kälter als nötig ist zur „Nacht vor Weihnachten“ auch Jurowskis Staatsorchester-Glanz. Offenbar will der Russe nicht zu viel Seelen- und Herzenswärme seines Landsmanns zeigen, um bipolare Vorwurfsfallen zu vermeiden.

Szenenbild aus „Die Nacht vor Weihnachten“ an der Bayerischen Staatsoper München
Szenenbild aus „Die Nacht vor Weihnachten“ an der Bayerischen Staatsoper München

Theatrale Vitalität

Wie ernst es diese Münchner Erstproduktion 130 Jahre nach der Uraufführung mit der Genauigkeit für die Ukraine-Approximative Rimski-Korsakows meint, zeigt die akkurat erarbeitete Diktion in den Übergängen der „russisch-ukrainischen“ Originalsprache(n). Koskys theatrale Vitalität springt wie immer bis in die letzte Reihe des fantastisch artikulierenden Chores. Hier zählen Groteske, Schwank und Drastik mehr als Emotionen. Auch für Kosky ist die Liebesgeschichte von Wakula und Oksana schwieriger als der Pomp am Moskauer Hof. Sogar dieser glitzert in München weniger als die Pantöffelchen der Zarin, welche zu Beginn in der grauen Volksgruppe von Hand zu Hand wandern und die alle haben wollen – wie den „Ring“ bei Wagner. Es bleibt dabei: Die bayerischen Rimski-Goldmedaillen gehen an Tansel Akzeybek und Elena Tsallagova.

Bayerische Staatsoper München
Rimski-Korsakow: Die Nacht vor Weihnachten

Vladimir Jurowski (Leitung), Barrie Kosky (Regie), Klaus Grünberg (Bühne & Licht), Klaus Bruns (Kostüme), Otto Pichler (Choreografie), Christoph Heil (Chor), Saskia Kruse (Dramaturgie), Elena Tsallagova (Oksana), Ekaterina Semenchuk (Solocha), Sergey Skorokhodov (Wakula), Tansel Akzeybek (Der Teufel), Dmitry Ulyanov (Tschub), Sergei Leiferkus (Der Dorfvorsteher), Violeta Urmana (Die Zarin), Milan Siljanov (Panas), Vsevolod Grivnov (Diakon Ossip Nikiforowitsch), Matti Turunen (Pazjuk), Alexandra Durseneva (Eine Frau mit veilchenblauer Nase), Laura Aikin (Eine Frau mit gewöhnlicher Nase), Bayerischer Staatsopernchor, Bayerisches Staatsorchester






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