Porträt Mirga Gražinytė-Tyla

„Santa Klaus, so viel Güte!”

Für Mirga Gražinytė-Tyla war es schon immer selbstverständlich, als Frau zu dirigieren. Zum Glück sehen das Ihre Förderer ebenso

© Vern Evans/Los Angeles Philharmonic

Mirga Gražinytė-Tyla

Mirga Gražinytė-Tyla

Eine Frau am Pult ist immer noch eine Seltenheit. Zu intensiv hat sich im Bewusstsein der Helden-Mythos des Maestros, das heroische Bild des Zauberers und Gottes im Frack verankert, werden Führungswille, Autorität, Charisma immer noch mit Männlichkeit assoziiert. Besonders in Deutschland und Österreich, den Mutterländern des klassischen Repertoires. Eine der wenigen Frauen, die es neuerdings wieder geschafft haben, sich darüber hinwegzusetzen, ist Mirga Gražinytė-Tyla. Ihr Name, dessen letzten Teil sie sich selbst verliehen hat („Tyla“ heißt auf litauisch „Stille“), mag fast unaussprechlich sein. Und doch ist er nun in aller Munde. Denn seit 2016 ist die Litauerin die Chefin des City of Birmingham Symphony Orchestra (CBSO). Wer es hier schafft, dem stehen alle Türen offen, schließlich verhalf die Position nicht nur ihrem Vorgänger Andris Nelsons zur großen internationalen Karriere. Obendrein dürfte beim CBSO ein „frauenfreundliches“ Klima herrschen. Schließlich wurde das Orchester maßgeblich von Simon Rattle geprägt, der sich bereits Ende der 1980er Jahre für die Karriere der englischen Kollegin Sian Edwards einsetzte.

Mirga Gražinytė-Tyla: „Ich stand im Raum und war beflügelt“

Fragt man Mirga Gražinytė-Tyla danach, weshalb sie Dirigentin werden wollte, so wundert sie sich ein bisschen. Schließlich war es für die heute 31-Jährige bereits als Schülerin der Čiurlionis-Kunstschule in Vilnius eine Selbstverständlichkeit, vor einem Ensemble zu stehen. „In den baltischen und manchen slawischen Staaten“, erzählt sie, „bekommen bereits Kinder Dirigierunterricht.“ Sie selbst erinnert sich noch ganz genau an den Tag, als sie mit 13 Jahren „ein einfaches Volkslied“ dirigierte. „Ich stand im Raum und war beflügelt.“ Seitdem habe sie dieses Gefühl nicht mehr losgelassen.

Wegweisend für ihre Laufbahn wurde Kurt Masur, einer der wenigen „dirigentinnenfreundlichen“ Dirigenten seiner Generation. „Als ich ihn zum ersten Mal sah, in der Beethovenhalle 2009, war der erste Gedanke: ,Santa Klaus!‘ So viel Güte, Ruhe, Großzügigkeit, Weisheit strahlte er aus. All diese Eigenschaften hatte er immer.“ Intensive „Begegnungen mit dem Werk Beethovens“ verdankt sie ihm, wie auch mit anderen Komponisten, aber auch politisch-geschichtliche und philosophische Gespräche. Und die Assistentenstelle beim Orchestre National de France. 2010 gab sie ihr Operndebüt mit „La traviata” am Theater Osnabrück. 2011/12 arbeitete sie als Zweite Kapellmeisterin beim Theater und Orchester Heidelberg und wechselte 2013/14 als Erste Kapellmeisterin an das Konzert Theater Bern. Seit der Spielzeit 2015/16 ist Mirga Gražinytė-Tyla zudem Musikdirektorin des Salzburger Landestheaters, das sie bis zum Sommer 2017 führen wird.

© Frans Jansen

Mirga Gražinytė-Tyla

Mirga Gražinytė-Tyla

Die glückliche zweite Dirigentinnen-Generation

„Selbstkontrolle und Selbstvertrauen. Vertrauen insgesamt!“, bezeichnet sie als die wichtigsten Eigenschaften einer Dirigentin, zudem „Mut, Ausdauer, Geduld“, aber auch ein „poetisches Wesen“ und „die richtige Selbsteinschätzung und die Achtsamkeit für das Äußere“. Und natürlich die Liebe zur Musik. Manchmal bedauert sie die älteren Kolleginnen, die noch keine weiblichen Vorbilder hatten, die Beleidigungen ausgesetzt um ihre Position kämpfen mussten. „Mittlerweile haben wir tolle Vorbilder: Simone Young, Marion Alsop, Xian Chang, Susanna Mälkki, Anu Tali, Emmanuelle Haïm, Karen Kamensek, Catherine Rückwardt, Romely Pfundt – um nur einige zu nennen.“

Mirga Gražinytė-Tyla ist ehrgeizig. Ihre Fühler hat sie mittlerweile über Europa hinaus auch in die USA ausgestreckt, wo sie an der Seite von Gustavo Dudamel das Los Angeles Philharmonic dirigiert. Als sie im vorigen Jahr ein Kinderkonzert in der Walt Disney Concert Hall gab, seien danach mehrere lateinamerikanische Mütter auf sie zugekommen und hätten sich bedankt: „Es war so gut für unsere Töchter, Sie am Pult zu sehen!“ Dies habe sie sehr berührt. Seitdem sei sie nicht mehr irritiert, wenn man sie fragt, weshalb sie als Frau dirigiere. „Eine gute Freundin von mir, die estnische Dirigentin Kristiina Poska, sagte einmal: ‚Über dieses Thema fange ich gar nicht erst an nachzudenken! Wann soll ich dann noch Partituren lesen und meine tägliche Arbeit machen?!‘“

Termine

Samstag, 14.11.2020 20:00 Uhr Konzerthaus Dortmund

Sheku Kanneh-Mason, City of Birmingham Symphony Orchestra, Mirga Gražinytė-Tyla

Elgar: Cellokonzert e-Moll op. 85, Sibelius: Lemminkäinen-Suite op. 22

Sonntag, 15.11.2020 16:00 Uhr Konzerthaus Dortmund

Kirill Gerstein, City of Birmingham Symphony Orchestra, Mirga Gražinytė-Tyla

Strawinsky: Le Sacre du printemps, Adès: Angel Symphony & Klavierkonzert

Donnerstag, 19.11.2020 20:00 Uhr Elbphilharmonie Hamburg

City of Birmingham Symphony Orchestra, Mirga Gražinytė-Tyla

Strawinsky: Le Sacre du printemps, Sibelius: Lemminkäinen-Suite op. 22

Dienstag, 24.11.2020 20:00 Uhr Gasteig München

Sheku Kanneh-Mason, City of Birmingham Symphony Orchestra, Mirga Gražinytė-Tyla

Elgar: Cellokonzert e-Moll op. 85, Strawinsky: Le Sacre du printemps

Sonntag, 14.03.2021 18:00 Uhr Konzerthaus Dortmund

Verdi: Un ballo in maschera (konzertant)

Mary Elizabeth Williams (Amelia), Matteo Lippi (Riccardo), Simone Piazzola (Renato), Bongiwe Nakani (Ulrica), Harriet Eyley (Oscar), City of Birmingham Symphony Orchestra, Mirga Gražinytė-Tyla (Leitung)

Donnerstag, 25.03.2021 20:00 Uhr Residenz München

Francesco Piemontesi, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Mirga Gražinytė-Tyla

Šerkšnytė: De profundis, Mozart: Klavierkonzert Nr. 27 B-Dur KV 595, Sibelius: Lemminkäinen-Suite op. 22

Freitag, 26.03.2021 20:00 Uhr Residenz München

Francesco Piemontesi, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Mirga Gražinytė-Tyla

Šerkšnytė: De profundis, Mozart: Klavierkonzert Nr. 27 B-Dur KV 595, Sibelius: Lemminkäinen-Suite op. 22

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