Der älteste aktive Komponist von Weltrang feiert in Budapest seinen 100. Geburtstag: György Kurtág. Geboren wurde er am 19. Februar 1926 in der multikulturellen Region Banat, die seinerzeit zum Königreich Rumänien gehörte. Dort wuchs er dreisprachig auf – mit Ungarisch, Rumänisch und Deutsch. Früh bekannte er freilich: „Meine Muttersprache ist Bartók, und Bartóks Muttersprache ist Beethoven“. Will sagen: Er saugte das mitteleuropäische Erbe auf – das traditionelle von Beethoven, Schumann und Mahler, jenes der Avantgarde von Schönberg, Nono und Stockhausen. Freundschaftlich eng verbunden war er bis zu dessen Tod mit seinem Landsmann, dem anderen György, den es alsbald emigrierend in die Ferne zog: Ligeti. Das Frankophile verbindet die beiden Großmeister der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die beide an der Franz-Liszt-Musikakademie in Budapest studierten und beide ungarisch-jüdischen Intellektuellen-Familien entstammten. Kurtág vervollkommnete sein Wissen bei Messiaen und Milhaud in Paris, lebte über 15 Jahre bei Bordeaux, bevor er in sein Heimatland zurückkehrte.
Größe liegt selbst in der kleinsten Form
Trotz seines biblischen Alters war und ist György Kurtág kein Vielschreiber. Sein Werk eines Tüftlers, eines Fragenden, eines Suchenden bleibt schmal, konzis und aphoristisch – in dieser Hinsicht wohl im besonderen Anton Webern verwandt: Er ist ein Experte der maximal verdichteten Moments musicaux. Die Reife für die ganz große Form empfand er selbst erst mit über 90 Jahren, als er in seiner späten ersten Oper, die anno 2018 an der Mailänder Scala ihre Uraufführung erlebte, einen erstaunlichen Widerspruch zu kitten wusste. Er schreibt in Anlehnung an Samuel Beckets gleichnamiges Drama „Fin de partie“ ein musiktheatralisches Kammerspiel für gerade mal vier Sänger und setzt dieser Intimität ein Riesenorchester von Richard Strauss’schen Ausmaßen entgegen. Kurtág löst die Dialektik zwischen großem Apparat und ausgeprägter Innerlichkeit in einer Oper auf, die ausdrücklich kein großes Drama sein will und gerade in dieser Zurücknahme so sehr unter die Haut geht.
Betonter Nihilismus
Seine multiplen Orchesterfarben und die Vokalstimmen verbinden sich zu einer subtilen Klangrede von wunderbarer Authentizität. Da wird das Orchester zum Protagonisten eines Tongedichts, in dem selbst noch ein ganz filigranes Detail mit Bedeutungsfetzen aufgeladen ist. Es entstehen erfindungsreiche Pointilismen einzelner Töne, ein fein gesponnenes Netz von Tongespinsten, ein Ausloten von Zwischentönen und unendlichen farblichen Valeurs. Seine Oper, die alles andere als eine Oper im klassischen Sinne ist und dies auch nicht sein will, sie kreiert – wie eigentlich sein gesamtes Oeuvre – die Hochspannung der tosenden Stille, die das scheinbar unendliche Wiedererzählen vom Ende niemals langweilig, sondern geradezu existenziell werden lässt.
Wenn es denn eine heimliche Fortsetzung von Wagners „Götterdämmerung“ geben könnte, die mit einem tiefen humanistischen Pessimismus vom Ende der Welt singen lässt, dann könnte dies György Kurtágs „Fin de partie“ sein, die zu einer berührenden „Tragedia dell’ascolto“ (so bezeichnete Luigi Nono einst seinen „Prometeo“) mutiert. Gestisch beredt und dennoch in der Botschaft eines Ausdrucks unbestimmt öffnet dieser Komponist fantastische Zwischenräume der musikalischen Magie. Er ist und bleibt ein großer Zögernder, der seine Kunst reduziert, bis sie das Wesentliche offenbart.






