Brahms: Sinfonie Nr. 1 c-Moll op. 68

(Entstehungszeit 1861-1876, Uraufführung Karlsruhe 1876)

Gleich zu Beginn werden wir Zeuge einer Zerreißprobe: über einem heftig pulsierendem tiefen C (Herzklopfen? Schicksalsschläge? Schuldgefühle?) zieht eine gleichmäßige, schwere Terzenkette nach unten, während eine synkopisch zuckende Linie nach oben drängt – alles in schmerzhafter Langsamkeit. Nach einem sich dehnendem achten Takt löst sich die Spannung, die Einleitung hat die Dominante erreicht (wo sie im Wesentlichen wie auf einem Orgelpunkt verweilt), und nun zeigt uns Brahms - gewissermaßen aus der Rückschau, denn diese Einleitung wurde nachträglich komponiert -, mit welchem musikalischen Material und mit welch ungeheuren Skrupeln er sich fünfzehn Jahre herumschlug: der Schatten Beethovens, den Brahms wie einen Riesen hinter sich hertraben fühlte (der pulsierende Baß), sein Verhältnis zu Clara Schumann, deren Schicksal ihm naheging (die schwere Terzenkette), der Kampf um die Meisterschaft, was Bewältigung der sinfonischen Form und Beherrschung des Orchesterapparates anbetraf (die nach oben strebende Linie).

Wen wundert es, daß die Einleitung resigniert abbricht – der unvermittelte Einsatz des lebhaften Hauptteils bedeutet den trotzigen Entschluß, es sich (und allen) zu beweisen.

Die Energien des ersten Satzes wirken im zweiten, lyrischen Satz nach, und verursachen dort erhebliche Unruhe. Erst mit Einsatz des Violinsolos - Symbol für Freundschaft und Vertrauen - kehrt Frieden ein.

Aus dem aufrührerischen Scherzo bei Beethoven wird im dritten Satz ein behagliches Intermezzo, das aber für Momente auch Züge eines temperamentvollen ungarischen Tanzes annimmt.

Wie der erste Satz hat auch das Finale eine große, langsame Einleitung. Sie beginnt verhangen – wer es weiß, daß die gedehnte Phrase der Violinen später zum Hymnus wird, kann es erkennen und wird es nicht wieder vergessen. Diese - zweite - Einleitung resigniert nicht, sondern führt in gewitterartiger Dramatik zu einem atmosphärischen Befreiungsschlag (Sternstunde des Paukisten!): mit einem überwältigend schönen Hornsolo bricht die Sonne durch die Wolken, ein Posaunenchoral ertönt, und ein der Beethovenschen Freudenmelodie nahestehender Hymnus eröffnet den lebhaften Hauptteil.

Die Natur lieben zu dürfen, an irgend etwas glauben zu können, Mensch unter Menschen sein zu mögen – das ist die einsam errungene Erfahrung der Ersten Symphonie.

(Mathias Husmann)

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