Porträt María Dueñas

Nicht zu stoppen

Mit sieben komponiert sie ein Klavierstück, im Lockdown dreht sie einen Kurzfilm, doch der Teenager María Dueñas ist vor allem eines: das neue Geigenwunder.

© Tam Lan Truong

María Dueñas

María Dueñas

Ihre Namensvetterin ist eine sehr populäre Schriftstellerin in Spanien, deren Bücher zu Fernsehserien verfilmt werden. Doch dies scheint die neunzehnjährige Geigerin María Dueñas nicht zu kümmern. Mehr noch: Sie freut sich, wie sie sagt, dass nun auch ihr Name assoziiert wird mit der Welt der Kunst, besonders seit ihrem Ersten Preis beim Wettbewerb Yehudi ­Menuhin in Richmond 2021, bei dem sie zusätzlich mit dem Publikums-Preis ausgezeichnet wurde. Ein „seemingly unstoppable Spanish-Austrian girl“ nannte das Fachmagazin The Strad sie, und in der Tat: Im Mai 2021 gewann María Dueñas einen weiteren Grand Prix beim Internationalen ­Violinwettbewerb Viktor Tretyakov im russischen Krasnoyarsk.

Kammermusik mit den kleinen Schwestern

2002 im andalusischen Granada geboren, wusste sie bereits sehr früh, was sie wollte. Kaum zwölf Jahre alt, überredete sie ihre Familie, nach Dresden zu ziehen, wo sie an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber ihre Ausbildung fortsetzte und in dieser Zeit auch im Philharmonischen Kinderchor sang. Heute sieht sie die Unterschiede zwischen der spanischen und deutschen Musikerziehung kritisch. Sie beklagt die zumindest damals fehlende Jugendförderung für Hochbegabte an den Musikhochschulen. „Kinder sollten ausschließlich aufgrund ihrer künstlerischen Fähigkeiten in die Klasse aufgenommen werden, nicht aber aufgrund ihres Geburtsdatums“, findet sie. Sie bedauert auch, dass Musik­theorie und Solfeggio, die „Gehörbildung durch Singen von Tönen“, kaum mehr eine Rolle spiele. „In meinem Fall habe ich als Kind in Spanien sehr davon profitiert. So lernte ich ein bisschen zu komponieren, habe Kadenzen für manches Violinkonzert von Mozart und das von Beethoven geschrieben und kammermusikalische Arrangements für mich und meine kleinen Schwestern angefertigt, die ebenfalls musizieren.“

Heute studiert Dueñas in der Klasse von Boris Kuschnir an der „Musik und Kunst Privat­universität der Stadt Wien“ sowie an der Kunstuniversität Graz. Als der Lockdown über Wien hereinbrach und die Straßen wie leergefegt waren, beschloss sie, einen Kurzfilm über diese Atmosphäre zu drehen und mit einem Klavierstück zu untermalen, das sie bereits mit sieben Jahren, damals noch in Granada, komponiert hatte. „Farewell“ nannte sie es. „In gewisser Hinsicht evoziert dieses Stück heute den Mythos vom Phönix aus der Asche.“ Gleichzeitig beteuert sie, trotz ihrer Werke noch keine „wirkliche“ Komponistin zu sein. Das sei „ein sehr großes Wort“. Allerdings sagt sie auch: „Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich gerne ein Violinkonzert schreiben.“

© Tam Lan Truong

María Dueñas

María Dueñas

„Eines der unbegreiflichsten Musikstücke“

In letzter Zeit beschäftigte sie sich viel mit der Chaconne, dem alten Tanz aus dem 16. Jahrhundert, dem Johann Sebastian Bach in seiner d-Moll-Partita für Solo-Violine BWV1004 ein Denkmal setzte. In ihrer „vorwissenschaftlichen Arbeit“, die sie zur Erlangung der Matura in Wien erstellen muss, beschloss sie, den Zahlen- und Symboltheorien, die sich um dieses geheimnisvolle Werk ranken, auf den Grund zu gehen. Ein Zitat von Johannes Brahms ist ihr besonders wichtig, der über Bachs Chaconne d-Moll schrieb: „Die Chaconne ist mir eines der wunderbarsten, unbegreiflichsten Musikstücke. Auf ein System für ein kleines Instrument schreibt der Mann eine ganze Welt von tiefsten Gedanken und gewaltigsten Empfindungen. Hätte ich das Stück machen, empfangen können, ich weiß sicher, die übergroße Aufregung und Erschütterung hätten mich verrückt gemacht.“

Nicht Brahms oder Bach stehen auf ihrem Programm, wenn sie demnächst mit den Stuttgarter Philharmonikern auftritt, sondern die „Symphonie ­espagnole“ von Édouard Lalo. Neben diversen Debüts mit unterschiedlichen international bekannten Orchestern wird sie ein neues Violinkonzert von Gabriela Ortiz mit dem Los Angeles Philharmonic unter Gustavo Dudamel zur Uraufführung bringen. Und im ZDF-Weihnachtskonzert wird man sie an der Seite von Matthias Goerne erleben.

Termine

Freitag, 11.03.2022 20:00 Uhr Die Glocke Bremen

María Dueñas, Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, Alondra de la Parra

Prokofjew: Sinfonie Nr. 1 op. 25, Sibelius: Violinkonzert d-Moll op. 47, Dvořák: Sinfonie Nr. 7 d-Moll op. 70

Donnerstag, 07.07.2022 20:00 Uhr Staatsoper Unter den Linden Berlin

Kommentare sind geschlossen.