Sir András Schiff zum 65. Geburtstag

Musikmeister mit Meinung

Der ungarische Pianist Sir András Schiff feiert heute seinen 65. Geburtstag. Er hat nicht nur vom Klavier aus die Menschen bewegt, sondern sich immer wieder auch (kultur-)politisch positioniert.

© Nicolas Brodard

Andras Schiff

Andras Schiff

Er ist der Mann mit den Zyklen. Von 1992 bis 1994 nahm Sir András Schiff sämtliche 21 Klaviersonaten von Franz Schubert auf, 1995 erschien seine Einspielung von Mozarts 18 Klaviersonaten und von 2004 bis 2007 spielte András Schiff die 32 Sonaten von Beethoven ein. Das könnte darüber hinwegtäuschen, dass sein Lieblingskomponist Johann Sebastian Bach ist, doch weite Teile von dessen Œuvre für Klavier solo hatte er bereits ab 1982 im Studio erarbeitet. Erstaunlicherweise kann der gebürtige Ungar mit der Musik seines Landsmanns Franz Liszt nicht viel anfangen. Das erklärt er mit Erfahrungen, die er während seines Studiums in Budapest gemacht hat: „An der Franz-Liszt-Musikhochschule tönte aus jedem Zimmer Liszt, meist sehr schlecht gespielt. Das ist nicht die Schuld von Liszt, ich sehe heute ein, was für wunderbare Werke er geschrieben hat. Aber eine tiefe Antipathie ist geblieben.“

© Nadia F. Romanini/ECM Records

Andras Schiff

András Schiff

Der Originaltext-Exeget

Seine Ausbildung bei György Kurtág liegt weit zurück, wie Monumente stehen seine Zyklen da, mit denen er auch weltweit auf Tournee gegangen ist. Als Analytiker hat er sich akribisch mit den Notentexten auseinandergesetzt, seine Interpretationen möglichst quellentreu gestaltet. Die Differenzen zu vertrauten Wiedergaben sind dabei frappant, beispielsweise wenn er streng nach Beethovens Angaben mit den Pedalen arbeitet. Indessen sind die so entstehenden Klangwelten keineswegs trocken und altbacken. Regelrechte Hörirritationen durchlebt man, wenn Passagen, die zunächst wie aus der Zeit gefallen wirken, plötzlich einen unverstellten Blick auf Kerngedanken eröffnen. Dann strahlt da unverhofft eine lebendige Frische auf, die einfach nur verblüfft.

Schiff ist sozusagen Originaltext-Exeget und außerdem stets auf der Suche nach dem richtigen Instrument. Die weltweite Steinway-Dominanz stört ihn. Ohnehin sind Technik und Tonfarbe moderner Konzertflügel weit entfernt von den Ausdrucksmöglichkeiten und Klangvorstellungen historischer Komponisten und Interpreten. Die heutige Konzertpraxis stellt er so nachdrücklich in Frage, dass er Beethovens „Diabelli-Variationen“ für ein Doppelalbum gleich zwei Mal aufgenommen hat, an einem Bechstein von 1921 und an einem Brodmann aus den 1820er Jahren. Dieses unmittelbare Nebeneinander ist sehr aufschlussreich.

© Nadia F. Romanini/ECM Records

Andras Schiff

András Schiff

Konfrontation mit der Heimat

Mit diesen Ansprüchen an sich selbst und andere geht Schiff ziemlich offen um. Immer wieder wurde seine liebenswürdig-fordernde Art beschrieben, mit der er auch seinen Kammermusikpartnern begegnet, beispielsweise seiner Frau, der Geigerin Yuuko Shiokawa, oder dem Cellisten Miklós Perényi. Klavierkonzerte dirigiert er gelegentlich auch vom Instrument aus wie die Bamberger Symphoniker im Mai 2017. Als Schiff 1999 in Salzburg die 27 Klavierkonzerte Mozarts aufführen wollte, gründete er kurzerhand ein eigenes Orchester. Mit der Cappella Andrea Barca ist er bis heute regelmäßig unterwegs. Auch die Arbeit mit Nachwuchstalenten ist ihm ein Anliegen, weshalb er an der bei Frankfurt gelegenen Kronberg Academy unterrichtet.

Abseits seiner künstlerischen Betätigung hat sich Schiff gelegentlich mit starken Meinungen hervorgetan. Beispielsweise schrieb er im Dezember 2014 in der Neuen Zürcher Zeitung, die Protagonisten des Regietheaters nähmen sich zu wichtig, entfernten sich zu weit von den Vorlagen. Eine vielbeachtete Stellungnahme, doch nicht so folgenreich wie seine Positionierung zu den Entwicklungen in seinem Heimatland. Den wachsenden Nationalismus und Antisemitismus in der ungarischen Bevölkerung beobachtet er schon lange mit Sorge. In einem gemeinsam mit Ádám Fischer verfassten, öffentlichen Brief rief er dazu auf, Europas moralische Grundwerte zu verteidigen. Die Rückmeldungen aus Ungarn fielen so heftig aus, dass er in der Folge bekanntgab, nicht mehr dort aufzutreten. Dabei ist es bis heute geblieben.

Die Schubertiade ohne András Schiff

Schon im Jahr 2000 hatte er seine Teilnahme an der Feldkircher Schubertiade abgesagt, um gegen die Beteiligung der rechten FPÖ an der Bundesregierung Österreichs zu protestieren. Es bleibt festzuhalten: Die Begegnung mit András Schiff ist nicht immer konfrontationsfrei. Aber gerade das macht diesen Künstler und Menschen so spannend.

Sehen Sie hier András Schiff mit Johann Sebastian Bachs „Das Wohltemperierte Klavier, Band 2“:

Termine

Freitag, 11.12.2020 20:00 Uhr Konzerthalle Bamberg

András Schiff, Bamberger Symphoniker (abgesagt)

Haydn: Sinfonie Nr. 99 Es-Dur, Bartók: Tanz-Suite, Beethoven: Klavierkonzert Nr. 5 Es-Dur op. 73

Samstag, 12.12.2020 20:00 Uhr Konzerthalle Bamberg

András Schiff, Bamberger Symphoniker (abgesagt)

Haydn: Sinfonie Nr. 99 Es-Dur, Bartók: Tanz-Suite, Beethoven: Klavierkonzert Nr. 5 Es-Dur op. 73

Sonntag, 24.01.2021 15:00 Uhr Großes Festspielhaus Salzburg
Sonntag, 24.01.2021 20:30 Uhr Großes Festspielhaus Salzburg
Dienstag, 26.01.2021 19:30 Uhr Mozarteum Salzburg
Samstag, 06.02.2021 19:00 Uhr Semperoper Dresden

András Schiff, Sächsische Staatskapelle Dresden

Haydn: Klavierkonzert Nr. 11 D-Dur, Mozart: Klavierkonzert d-Moll KV 466, Mendelssohn: Sinfonie Nr. 3 a-Moll op. 56 „Schottische“

Samstag, 20.02.2021 20:00 Uhr Philharmonie Essen

András Schiff, Staatskapelle Dresden

Haydn: Klavierkonzert Nr. 11 D-Dur, Mozart: Klavierkonzert Nr. 20 d-Moll KV 466, Mendelssohn: Sinfonie Nr. 3 a-Moll op. 56 „Schottische“

Sonntag, 21.02.2021 20:00 Uhr Gasteig München

András Schiff, Sächsische Staatskapelle Dresden

Haydn: Klavierkonzert Nr. 11 D-Dur, Mozart: Klavierkonzert Nr. 20 d-Moll KV 466, Mendelssohn: Sinfonie Nr. 3 a-Moll op. 56 „Schottische“

Dienstag, 13.04.2021 20:00 Uhr Residenz München

András Schiff

J. S. Bach: Chromatische Fantasie und Fuge d-Moll BWV 903, Capriccio sopra la lontananza del suo fratello dilettissimo B-Dur BWV 992 & Ricercar a 3 aus dem „Musikalischen Opfer“ BWV 1079, Beethoven: Klaviersonaten Nr. 17 d-Moll op. 31/2 „Der Sturm“ & Nr. 32 c-Moll op. 111

Mittwoch, 21.04.2021 19:30 Uhr Pierre Boulez Saal Berlin

Schaghajegh Nosrati, András Schiff, Staatskapelle Berlin

J. S. Bach: Konzerte für zwei Klaviere c-Moll BWV 1060 & c-Moll BWV 1062, Orchestersuiten Nr. 1 C-Dur BWV 1066 & Nr. 4 D-Dur BWV 1069

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