Dirigent Kirill Karabits im Interview

„In Weimar fühlt man sich wie auf einer Insel“

Kirill Karabits hat sich als GMD des Deutschen Nationaltheaters in die Herzen der Musikfreunde in Weimar dirigiert – und genießt das Leben in der Goethestadt

Kirill Karabits © Denis Manokha

Kirill Karabits

Kirill Karabits dirigiert am Deutschen Nationaltheater Weimar derzeit Wagners „Tannhäuser“ und Mozarts „Le nozze di Figaro“. Große Romantik und zeitgenössische Komponisten setzt der gebürtige Ukrainer ins Zentrum seiner Konzertauftritte mit der Staatskapelle Weimar. Seit 2016 ist Karabits GMD des Nationaltheaters – und hat sich mit seiner mitreißenden Umtriebigkeit in kürzester Zeit zum Publikumsliebling gemausert.

Herr Karabits, wie kamen Sie nach Weimar?


Kirill Karabits: Das war Zufall: Ein Bewerber hatte abgesagt und ich war zum diesem Zeitpunkt frei. Dabei war ich noch nie in Weimar und hatte bis dahin einige Vorbehalte gegen deutsche Orchester. Ich stellte sie mir sehr konservativ und unflexibel vor. Deutsche Orchester waren ein Geheimnis, das ich noch ergründen musste. Und es kam ganz anders. Die Musiker empfingen mich offen, sensibel und begeistert. Daraufhin übernahm ich eine Vorstellung von „La Bohème“, die ich schon in Glyndebourne und am Bolschoi-Theater dirigiert hatte, und erhielt darauf ganz schnell das Angebot.

Wo haben Sie davor in der Ukraine dirigiert?

Karabits: Ich wurde in Kiew geboren, mein Vater Ivan Karabits ist in der Ukraine ein anerkannter Komponist. Dort habe ich alle Orchester dirigiert. Bei meinem Debüt in Kiew war ich gerade neunzehn Jahre alt. Da suchte ich ein spannendes Programm mit Werken Schönbergs, Strawinskys, Hindemiths und meines Vaters aus.

Wie ging es dann weiter?

Karabits: Ein wichtiger Schritt war die Assistenz bei Iván Fischer und beim Budapest Festival Orchester. Danach erhielt ich die Stelle als „jeune chef associé“ beim Orchestre Philharmonique de Radio France. Daraus ergab sich die Position des Ersten Gastdirigenten beim Orchestre Philharmonique de Strasbourg und dann kam das Angebot als Chefdirigent des Bournemouth Symphony Orchestra.

Wie haben Sie den Wechsel von der großen ukrainischen Opernkultur an ein deutsches Opernhaus erlebt?

Karabits: In Kiew gibt es eine starke Tradition für italienische und russische Musik. Man spielt dort zwar auch deutsche Musik, aber es fehlt eine stabile Auseinandersetzung damit. Weimar bedeutete für mich dagegen von Anfang an etwas ganz Außergewöhnliches. Mein Einstieg im Musiktheater dort waren „Die Meistersinger von Nürnberg“, meine erste Wagner-Oper.

Gab es in Weimar für Sie eine unerwartete Überraschung?

Karabits: Sie werden es mir nicht glauben, aber Franz Liszt, der hier viele Jahre die Hofkapelle leitete, ist in Weimar unterrepräsentiert. Deshalb mache ich ihn zum Schwerpunkt. Wir beginnen im August die neue Spielzeit mit einer echten Sensation, der Uraufführung des Fragments einer italienischen Oper von Franz Liszt, „Sardanapalo“. Darauf folgt die „Dante-Sinfonie“ und wird zum allerersten Mal von der Staatskapelle Weimar aufgenommen. Auf Repertoire-Lücken wie die „Faust-Sinfonie“ mache ich immer wieder aufmerksam. Ich freue mich riesig auf das Melodram „Vor hundert Jahren“, das Liszt zum 100. Geburtstag von Friedrich Schiller komponiert hatte und hervorragend zu den beiden in Weimar anstehenden Jubiläen „100 Jahre Bauhaus“ und „100 Jahre Weimarer Republik“ passt. Eigentlich ist es ein Huldigungsspiel, wie es noch im 19. Jahrhundert geläufig war. Wir bringen eine eigene Fassung mit Schauspielern auf die Bühne.

Außerdem zeigen Sie eine große Begeisterung für Richard Strauss …


Karabits: Richard Strauss war hier fünf Jahre lang tätig. Aber würden Sie bei „Don Juan“ etwa an Weimar denken? Da fällt einem doch eher München, Wien oder allenfalls Berlin ein. Deshalb habe ich für unsere neue Aufnahme die genialen frühen sinfonischen Dichtungen „Don Juan“, „Macbeth“, „Tod und Verklärung“ und den fast unbekannten „Festmarsch“ ausgewählt. Strauss ist hier in Weimar der Liszt-Tradition begegnet. Das hat ihm einen neuen Weg eröffnet. Die Achse von Liszt zu Strauss konnte ich erst hier verstehen. Strauss ist der direkte Nachfolger von Liszt.

Kirill Karabits

Kirill Karabits © Denis Manokha

Eine andere Säule ist die musikalische Gegenwart. Wie sind Sie auf Valentin Silvestrov gekommen?

Karabits: Silvestrov war ein enger Freund meines Vaters, sie besuchten gemeinsam die Kiewer Kompositionsklasse. Deshalb habe ich seit meiner Kindheit zu Silvestrov eine enge Beziehung. Er ist einer der wichtigsten Komponisten in der Ukraine und in Deutschland nicht ganz unbekannt. Hier im Hotel hat er komponiert und mir das Stück eine Woche später mit Widmung geschickt.

Er ist nicht der einzige „Composer in Residence“ während Ihrer Weimarer Zeit.

Karabits: In der Spielzeit 2016/17 hatten wir Krzysztof Penderecki, einen der wichtigsten lebenden Komponisten, zu Gast. Nächste Spielzeit kommt Mark-Anthony Turnage. Er erhielt vom Bournemouth Symphony Orchestra und der Staatskapelle Weimar einen Kompositionsauftrag, in dem er Texte ukrainischer Autoren vertont. Solche Projekte braucht Weimar. Die Verbindung von regionaler Stabilität und internationalen Transfers ist bei der Leitungskraft des Orchesters ideal. Vor einigen Tagen kamen wir von einer vierwöchigen Gastspielreise mit siebzehn Konzerten aus Amerika zurück. Noch nie hatte ich so viele Konzerte in so kurzer Zeit dirigiert. Außerdem hat sich dadurch die Beziehung zwischen den Musikern und mir sehr verdichtet.

Was ist für Sie nach all diesen schönen Erfahrungen das Besondere an der Staatskapelle Weimar?

Karabits: Sie hat noch immer einige Geheimnisse für mich. Die Musiker können Stücke wie „Don Juan“ jederzeit spielen. Und „Don Juan“ ist wirklich schwer. Die Staatskapelle Weimar nennt sich ein Traditionsorchester. Sie selbst sagt das von sich, nicht ich. Denn die Musiker sind zu ganz extremen Richtungen bereit. Das hat die Prokofjew-Kantate gezeigt. Feingeschliffene Präzision funktioniert ebenso gut wie leichte Lockerheit.

Zurück zu Liszt: Würden Sie dessen Werke in Bournemouth anders einstudieren als in Weimar?

Karabits: In der Musik gibt es keinen richtigen oder falschen Weg. Es gibt Musik, die entweder überzeugt oder nicht überzeugt. Als Dirigent muss man für jedes Stück einen Weg finden, der richtig ist. Wenn es ohne Vibrato besser klingt, dann machen wir das. Das ist der Unterschied zwischen Liszt und Beethoven. Auch durch die interpretatorischen Herausforderungen ist bei Liszt noch viel zu entdecken. Jetzt wiederhole ich mich: Ich möchte meinen Beitrag dazu leisten.

Was wünschen Sie sich für die nächste Zeit?


Karabits: Ich will weiterhin auch als Gastdirigent tätig sein. Diese Mischung zwischen Präsenz an einem Ort und Abwechslung ist besonders wichtig. Denn Weimar ist eine geschlossene Stadt mit vielen Vorteilen, aber auch sehr gemütlich. In Weimar fühlt man sich wie auf einer Insel. Deshalb muss ich aber manchmal die Abwechslung mit amerikanischen oder britischen Orchestern suchen. Außerdem erarbeite ich mir in anderen Städten wichtiges Repertoire, zum Beispiel „Boris Godunow“ an der Deutschen Oper Berlin oder Brittens „Tod in Venedig“ an der Oper Stuttgart. Dort kam der Kontakt mit dem Regisseur Demis Volpi zustande, mit dem ich bei uns in Weimar „Don Giovanni“ erarbeiten werde. Das freut mich sehr, denn für mich entstehen immer dann die spannendsten Opernmomente, wenn Musik und Inszenierung eng miteinander verbunden sind.

Kirill Karabits dirigiert die Staatskapelle Weimar:

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