Opernpremieren im Oktober 2018

Unerschöpfliches und Rares

Menschliches, Allzumenschliches aus dem griechischen, deutschen und englischen Mythenbaukasten sowie dem fruchtbaren Humus der Weltliteratur zieht sich wie ein roter Faden durch die Opernpremieren im Monat Oktober: ein denkbar ergiebiges Angebot, das zudem erfreulich viel selten Gehörtes, zumal aus dem 20. Jahrhundert, zu bieten hat

© Gregor Hohenberg/Sony Classical

Sonya Yoncheva

Sonya Yoncheva

Gleich zwei Opernpremieren widmen sich dem deutschen Denker, Verführer und vom Teufel Verführten. Der romantische Tonpoet Robert Schumann hat in seinen „Szenen aus Goethes Faust“ ein wunderbar seltsames Hybrid geschaffen, das zwischen Oper und Oratorium, Klanggedicht und szenischer Kantate einen ganz eigenen Weg sucht und in seiner Vertonung von Goethes Zentralwerk bewusst die Leerstellen und Lücken sucht. Achim Freyer, der Assoziationsmeister verrätselter Bildwelten, erfindet den Schumann-Faust in Hamburg neu.

Falstaff und Meistersinger

Parallel widmen sich die katalanischen Bilderstürmer von La Fura dels Baus in Lyon der komplettesten Übertragung von Goethes Theater-Utopie in die Welt der Oper. „Mefistofele“ nennt der germanophile Italiener Arrigo Boito sein Meisterwerk und wagt den Perspektivwechsel vom langweiligen Gelehrten auf den spannenden Bösewicht. Bekannter als der Komponist ist der Librettist Boito, als solcher verantwortlich für die größten Meisterwerke seines Landsmanns Giuseppe Verdi, dessen auf Shakespeare beruhende Komödie „Falstaff“ das Staatstheater Kassel neu produziert. Der junge Maestro Francesco Angelico steht am Pult.

Auch Richard Wagner konnte witzig sein. Das beweisen „Die Meistersinger von Nürnberg“, die wie Verdis „Falstaff“ in C-Dur enden und altersweise abgeklärte große Botschaften verkünden. Der englische Kultregisseur Nigel Lowery zeichnet in Mannheim auch für die Ausstattung verantwortlich. Zu den griechischen Wurzeln des mythologischen Erzählens geht die Staatsoper Berlin zurück, wenn mit Andrea Breth die grandios feinfühlige Psychologin der Regiezunft die „Medea“ von Luigi Cherubini deutet. Hausherr Daniel Barenboim dirigiert, Starsopranistin Sonya Yoncheva singt die dramatische Titelpartie.

Klassiker des 20. Jahrhunderts

Ein Werk, neben dem sich die „Götterdämmerung“ wie ein Kammerspiel ausnimmt? Das ist Sergej Prokofjews 1946 uraufgeführte Oper „Krieg und Frieden“, basierend auf dem Tolstoi-Epos über Napoleons Russlandfeldzug. Unglaubliche 72 Figuren bringt er auf die Bühne und charakterisiert diese in kleinsten Szenen mit einer musikalischen Präzision, die ihresgleichen sucht. Am Staatstheater Nürnberg ist das Musikmonstrum, das sein Publikum mit zahlreichen intimen Momenten berührt, in einer Inszenierung des neuen Intendanten Jens-Daniel Herzog zu erleben.

Starbesetzte Neuinszenierungen

© Larcus Lieberenz

Johan Reuter als Wozzeck an der Deutschen Oper Berlin

Johan Reuter als Wozzeck an der Deutschen Oper Berlin

Für Fans von Alban Berg wird die Deutsche Oper Berlin zum Wallfahrtsort, wenn dort der Norweger Ole Anders Tandberg die Neuinszenierung von Alban Bergs „Wozzeck“ aus der Taufe heben wird. Der Regisseur hat am selben Ort bereits eine Sex-and-Crime-deftige „Lady Macbeth von Mzensk“ verantwortet. Generalmusikdirektor Donald Runnicles höchstselbst dirigiert diesen Höhepunkt der Opernliteratur. Als Wozzeck gastiert der dänische Starbariton Johan Reuter.

Auch im Münchner Gärtnerplatztheater steht ein Werk auf dem Programm, das auf einer Vorlage von Georg Büchner beruht: Gottfried von Einems „Dantons Tod“. Die Regie für das 1947 bei den Salzburger Festspielen uraufgeführte Stück über die Französische Revolution übernimmt der international gefeierte Schauspiel- und Opernregisseur Günter Krämer. Sozusagen halbmodern wird es an der Oper Frankfurt, denn dort gibt es im Rahmen eines Abends zwei kurze Werke. Tschaikowskys Einakter „Iolanta“, der die Geschichte einer blinden Prinzessin erzählt, die aus Liebe das Sehen lernt, wird neben Strawinskys „Oedipus Rex“ von 1927 gestellt. Hier wird geschildert, wie ein stolzer König davon erfährt, dass er unwissentlich seinen Vater ermordet und seine Mutter geheiratet hat, und sich daraufhin das Augenlicht nimmt. Inszeniert werden die beiden Opernpremieren über das Sehen von Lydia Steier, die jüngst für die Salzburger Festspiele „Die Zauberflöte“ erarbeitet hat.

Bald widmet sie sich Cherubini. Sehen Sie hier Sonya Yoncheva als Norma:

Die Opernpremieren im Oktober – concerti-Termintipps:

Staatstheater Nürnberg
Prokofjew: Krieg und Frieden
So. 30.09., 18:00 Uhr (Premiere)

Deutsche Oper Berlin
Berg: Wozzeck
Fr. 5.10., 19:30 Uhr (Premiere)

Staatsoper Unter den Linden Berlin
Cherubini: Médée
So. 7.10., 18:00 Uhr (Premiere)

Gärtnerplatztheater München
von Einem: Dantons Tod
Dp. 11.10., 19:30 Uhr (Premiere)

Opéra de Lyon
Boito: Mefistofele
Do. 11.10., 20:00 Uhr (Premiere)

Staatstheater Kassel
Verdi: Falstaff
Sa. 13.10., 19:30 Uhr (Premiere)

Nationaltheater Mannheim
Wagner: Die Meistersinger von Nürnberg
So. 28.10., 16:00 Uhr (Premiere)

Staatsoper Hamburg
Schumann: Szenen aus Goethes Fraust
So. 28.10., 18:00 Uhr (Premiere)

Oper Frankfurt
Tschaikowsky/Strawinsky: Iolanta/Oedipux Rex
So. 28.10., 18:00 Uhr (Premiere)

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