Ukrainian Freedom Orchestra in der Münchner Isarphilharmonie

(Klang-)Kultur wider die Barbarei

Die Deutschlandpremiere des Ukrainian Freedom Orchestra in der Münchner Isarphilharmonie ist der bewegende Auftakt einer großen internationalen Tournee, die den Klangkörper vom Konzerthaus Berlin über die Elbphilharmonie bis in die USA führt.

© Schmerbeck

Erste Tournee-Station für das Ukrainian Freedom Orchestra: die Isarphilharmonie München

Erste Tournee-Station für das Ukrainian Freedom Orchestra: die Isarphilharmonie München

Wann waren leise Töne je so berührend? Wann zeugte das delikate Aufeinanderhören von so viel Achtsamkeit? Wann wies Musik so sehr über ihre reine Schönheit hinaus und wurde zur Botschaft ? Wer das Ukrainian Freedom Orchestra jetzt zu seiner Deutschlandpremiere in der Münchner Isarphilharmonie erleben durfte, konnte bereits beim Blick ins Programmheft erspüren, was diese exzellenten Musikerinnen und Musiker verbindet. Denn hinter jedem Namen der ganz klassisch nach Instrumentengruppen geordneten Mitgliederliste ist das Orchester vermerkt, dem die Künstler eigentlich angehören. Der Konzertmeister spielt an der Royal Swedish Opera, ein Bratscher bei der Rotterdam Philharmonic, ein Kontrabassist beim Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam, ein Trompeter ist am Theater Plauen-Zwickau engagiert. Die überwiegende Mehrheit aber ist eigentlich in der Heimat beschäftigt, in Kiew, in Lemberg, in Charkiw, in Odessa.

Mitte Juli sind sie nun alle im Warschauer Teatr Wielki zusammengekommen – als aus der Ukraine Geflüchtete wie als Mitglieder mitteleuropäischer Orchester, um mit der Dirigentin Keri-Lynn Wilson ein großes Programm zu proben. Seit wenigen Tagen sind sie jetzt auf großer Tournee, die sie in den kommenden Tagen und Wochen nach Berlin, Hamburg, Amsterdam und Edinburgh sowie schließlich in die USA führen wird. Das Ukrainian Freedom Orchestra wurde auf Initiative der New Yorker Metropolitan Opera und der Polnischen Nationaloper in Warschau gegründet. Entstanden ist ein maximalmotivierter Spitzenklangkörper, der eine so exquisite Klangkultur zwischen Wärme und kammermusikalischer Intimität entwickelt hat, dass man über zweieinhalb Stunden gebannt lauscht. Der Auftakt des Konzerts mit der einsätzigen Symphonie Nr. 7 des 1937 geborenen ukrainischen Komponisten Valentin Silvestrov geht sogleich unter die Haut. Seine modern gewürzte Spätromantik steht Gustav Mahler näher denn Dmitri Schostakowitsch, düster Dräuendes steht gleich einer filmmusikalischen Schnitttechnik neben sanften Hoffnungstönen, die in ein pianissimohauchendes Finale münden.

Mit Aufrichtigkeit und dem Geist des Widerstands

Herrlich ist dann die Verzahnung von Orchesterpart und Solistin in Frédéric Chopins Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 f-Moll op. 21. Die schmelzende Phrasierung und Kantabilität von Anna Fedorova am Steinway, ihre musikantische Leichtigkeit und Dolcezza gehen Hand in Hand mit einem lyrisch lauschenden Klangkörper, dessen Kultiviertheit zu einer Klangwaffe gegen die Barbarei zu werden scheint. Kann die Kunst die Ohnmacht gegen die Aggressoren überwinden, eine Ohnmacht, in der Musiker und Publikum sich eng verbunden fühlen? In Leonores Gesangstext aus Ludwig van Beethovens „Fidelio“-Arie „Abscheulicher! Wo eilst du hin?“ erschrickt man dann ob der krassen Aktualität des Librettos, das vom „wildem Grimme“ eines Despoten weiß und ihm des „Mitleids Ruf, der Menschen Stimme“ entgegenstellt. Liudmyla Monastyrska gibt die Leonore mit dramatisch flammenden Soprantönen. Antonín Dvořáks neunte Sinfonie e-Moll, jenem Gruß des Tschechen „Aus der Neuen Welt“, ist in der Lesart von Keri-Lynn Wilson mehr energetisch drängendes Drama als nachsinnendes Poem. Von der Sehnsucht nach der Heimat im Largo kündet das Ukrainian Freedom Orchestra ohne jede Sentimentalität, dafür mit der Aufrichtigkeit und dem Geist des Widerstands, den die große Kulturnation in der größten Not eint. In den Konzerten der kommenden Wochen spielt das Orchester Dvořáks „Neunte“ alternierend mit der vierten Sinfonie von Brahms.

Weitere Stationen der Tournee sind Edinburgh (6.8.), Snape Maltings (8.8.), Amsterdam (11.8.) und Dublin (15.8.) sowie im Lincoln Center in New York (18. & 19.8.) und dem Kennedy Center in Washington (20.8.). In Deutschland ist das Ukrainian Freedom Orchestra noch im Konzerthaus Berlin (4.8.) und in der Elbphilharmonie Hamburg (13.8.) zu erleben.

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