Festival: Molyvos Music Festival 2018

Schubert mit Schafen

Die Pianistinnen Danae und Kiveli Dörken laden ihre Künstlerfreunde zum Molyvos Music Festival ein, um auf Lesbos ein rauschendes Fest der Kammermusik zu feiern

Molyvos International Music Festival. Die Gründerinnen Kiveli (l.) und Danae Dörken mit Dimitris Triyfon, der die Finanzierung mitermöglicht © O. Saliampoukou

Molyvos International Music Festival. Die Gründerinnen Kiveli (l.) und Danae Dörken mit Dimitris Triyfon, der die Finanzierung mitermöglicht

Der Urvater alle Sänger soll genau hier sein sagenumwobenes Ende gefunden haben: Es heißt, der Kopf des Orpheus sei in mythischer Vorzeit just auf der Insel Lesbos angeschwemmt worden. Die Folge: Die Nachtigallen singen seitdem auf dem traumschönen Eiland ganz besonders schön. Wer’s nicht glaubt, hält sich an die nachweisliche Historie. Und die ist beeindruckend genug. Dichtkunst, Theater, Philosophie und Musik haben hier Jahrtausende alte Tradition. Archäologische Ausgrabungen von Amphitheatern als den heimlichen Vorbildern für die späteren Konzerthäuser bei uns im Norden Europas oder die Reste des Tempels für Hera, Zeus und Dionysos sind Zeugen einer stolzen Vergangenheit, in der die Musik immer eine große Rolle spielte – kein hellenistischer Ritus ohne das Zutun von Sängern und Instrumentalisten.

Vulkanisches Temperament am Flügel beim Molyvos Festival

Wenn wir diese von den Göttern geliebte Insel jetzt entdecken, dann geschieht das durch die Musik, durch klug inszenierte musikalische Anlässe der Begegnung an Orten, die durch das Molyvos Music Festival gleichsam wachgeküsst und ins Bewusstsein gerückt werden. Letzteres entwickeln wir auf diesem Wege sogar für die Geburt der Insel aus der Urenergie des Vulkans. Vor schlappen 23 Millionen Jahren wurde der damals noch kontinentale Wald von Vulkanausbrüchen begraben.

Heute sind die Pinien, Zypressen, Eichen und Palmen als Pompei des Waldes unter der Wasseroberfläche zu bestaunen. Die Nähe zum Strand und kleine Boote, in die eigens ein durchsichtiger Boden eingelassen wurde, machen’s möglich. Und im Amphitheater des Fossilmuseums von Sigri spielt dann ein fürwahr vulkanisches Temperament auf dem Flügel Mozart und César Franck sowie als Zugabe einen musikkabarettreifen Boléro, arrangiert für genau drei Spieler auf genau einem Cello.

Katharsis statt Krise

Molyvos International Music Festival. Flagge mit dem Festival-Motto "Katharsis"

Molyvos International Music Festival. Flagge mit dem Festival-Motto „Katharsis“ © Giorgos Papadopoulos

Pianistin Kiveli Dörken, das besagte überschäumende Temperament, ist künstlerische Leiterin des Festivals, das sie gemeinsam mit ihrer Schwester Danae und ihrer Mutter Lito Dakou verantwortet. Erst 2015 hat die griechisch-deutsche Familie ihr Festival-Start-up ins Leben gerufen – unter denkbar komplizierten Bedingungen. Als sie im denkmalgeschützten, pittoresken 1000-Seelen-Dorf Molyvos auf der den Bergort krönenden Burgruine die ersten Konzerte veranstalteten, da war Griechenland, ja, da war ganz Europa im Ausnahmezustand: die Flüchtlingskrise. Lesbos machte Negativschlagzeilen, brutale Bilder gingen um die Welt.

Doch Insulaner wie Künstler reagierten mit beherzter Willkommenskultur, kauften mit den Flüchtlingen ein, nahmen sie mit in die Konzerte. Während die Touristenzahlen einbrachen, bezieht das Festival Stellung. Seine Haltung heißt: „Katharsis statt Krise“. Die Dörken-Schwestern setzen positive Zeichen des Aufbruchs in der Depression. Als künstlerische Visionärin ist sich Kiveli sicher: „Was die Politik in Jahren nicht schafft, das kann die Kunst an einem Abend.“ Sie übertreibt kaum: Zwei Jahre nach der medial immer wieder hochgespülten Flüchtlingskrise, in der die Einheimischen zwischen Hilfsbereitschaft und Existenzangst schwankten, da fungiert die Kunst als Kitt, der die Insel eint.

Das ganzheitliche Festival von Molyvos

Die Wirkung des Festivals ist ganzheitlich und beinhaltet so viel mehr als das übliche künstlerische Highlight für die Touristen, die langsam wiederkommen, auch wenn im August 2017 längst noch nicht alle Tavernen wieder voll besetzt sind. Gemeinsam mit der in Hamburg gestarteten Musikvermittlungsinitiative TONALi beleben die Festivalmacherinnen mit Beethoven & Co. die Schulen der Insel, auf der ihre Großmutter geboren wurde und auf der sie sich stark verwurzelt fühlen.

Ihre Mission: Sie wollen Mozart in eine klassikferne Zone bringen, in der es freilich so gar keine Vorurteile gegen die unbekannten Klänge gibt. Zumal die rhythmisch definierte Musik eines Bartók, Ligeti oder Strawinsky mit der Volksmusik der Insel verwandt zu sein scheint. Der Import wirkt nicht aufgesetzt, sondern natürlich. Das merkt man im wahrsten Sinn des Wortes, als im antiken Heiligtum von Messa in der Inselmitte der open air dargebotene Schubert unvermittelt auf das Blöken von Schafen trifft.

Straßenmusik vom Allerfeinsten

Molyvos International Music Festival. Flötistin Daniela Koch

Molyvos International Music Festival. Flötistin Daniela Koch © Ervis Zika

Wunderbar niedrigschwellig agiert das Festival, wenn es mittags bei freiem Eintritt zu den „Musical Moments“ einlädt: Kurzkonzerte in der Strandbar, am Fischerhafen oder vor der alten Bäckerei an einer extra engen Kreuzung oben im Dorf sorgen für willkommene Irritationsmomente. Schaulustige und Hörlustige begegnen sich, Kunst und Alltag stören sich höchst harmonisch: Straßenmusik vom Allerfeinsten. Denn auch die Stars des Festivals sind sich keineswegs zu schade für die kleinen Formate, die den großen Konzerten abends auf der Burg breitenwirksame Basis und Akzeptanz verleihen.

Sopranistin Marlis Petersen, Klarinettist Sebastian Manz und Kiveli Dörken musizieren mal eben mittags – wir gönnen uns derweil ein Kaltgetränk – Schuberts herrlichen Hirt auf dem Felsen. Abends hören wir sie alle wieder, dazwischen treffen wir sie am Strand, wo das salzwürzige Wasser der Ägäis und sommerferienstabile 30 Grad für Erfrischung und Erholung sorgen. Selten wird die Idee von der Festivalfamilie so ehrlich und so selbstverständlich gelebt wie hier.

Das Musikmenü der Hauptkonzerte mundet schließlich so köstlich, weil es hier jeden Abend multiple Formationen zu bewundern gibt. Mozarts Exultate, Jubilate mit Marlis Petersen trifft auf Debussys Syrinx für Flöte Solo mit Daniela Koch und Schuberts Oktett für Holzbläser und Streicher. Ein Streichquartett von Schostakowitsch trifft auf Pärt und Messiaen. Da in Molyvos Lebensfreude – auch die Kulinarik der Insel ist famos – und Musikmachen so eng zusammengehören, kommen alle Künstler allzu gern wieder. Wir auch.

Molyvos International Music Festival. Abendliches Konzert auf der Burg Molyvos

Molyvos International Music Festival. Abendliches Konzert auf der Burg Molyvos © Alex Grymanis

Die Festivaldaten im Überblick:

Molyvos International Music Festival
8.-19.8.2018
Danae & Kiveli Dörken, Lars Vogt, Maximilian Hornung, Sebastian Manz, Gustav Rivinius, Philippe Tondre u. a.
Molyvos (Griechenland)

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