Blind gehört Pablo Barragán

„Huff! Ein Marathon!“

Der Klarinettist Pablo Barragán hört und kommentiert CDs von Kollegen im „Blind gehört“, ohne dass er weiß, wer spielt.

© Mario Marzo

Pablo Barragán

Pablo Barragán

Mit Berufswünschen von Kindern ist es so eine Sache. Pablo Barragán war immerhin nah dran an seiner heutigen Berufung, als er als kleines Kind Jazz-Saxofonist werden wollte. Doch dann entdeckte er den Klang der Klarinette für sich, der doch so sehr der menschlichen Stimme gleiche. Und wenn man Barragán an der Klarinette hört, assoziiert man in der Tat oft den Gesang. Doch was denkt der Andalusier von der Kunst seiner Kollegen?

„Huff! Ein Marathon!“

Bellido: Intermedio aus der Zarzuela „La Boda de Luis Alonso“

Gran Orquestra Sinfónica, Ataúlfo Argenta (Leitung)
Novoson 1958

Wow, diese Energie! Wir haben das Stück mal in einer Banda im Konservatorium gespielt. Ich könnte fast auswendig die Melodie mitsingen. Aber der Titel? Keine Ahnung – es gibt so viele Zarzuelas bei uns in Spanien! – Ah, La Boda de Luis Alonso von Jerónimo Giménez y Bellido, richtig. Für mich persönlich ist das tolle Musik: energetisch, temperamentvoll. Es passt super zu unserer kulturellen Identität, würde ich sagen. Mein Vater liebt Zarzuelas, wir haben diese Musik zu Hause sehr oft gehört.

Dvořák: Cellokonzert h-Moll – 1. Allegro

Kian Soltani (Violoncello), Staatskapelle Berlin, Daniel Barenboim (Leitung)
Deutsche Grammophon 2019

Dvoráks Cellokonzert. Was für ein Stück! Cello ist ein Instrument, das in meinem musikalischen Leben eine große Rolle spielt, es gibt auch einige Cellisten unter meinen Freunden – Andrei Ioniță etwa oder Kian Soltani oder Alexey Stadler. Es könnte übrigens Kian sein, der da gerade spielt. – Ja? Ein Glück (lacht)! Ich muss sagen, dass ich da als Freund besonders stolz bin, dass er dieses Projekt mit Maestro Barenboim gemacht hat, dieser Legende.

J. S. Bach: Präludium Nr. 1 aus „Das wohltemperierte Klavier Band 1“

Daniel Barenboim (Klavier)
Warner Classics 2002

Friedvoll. Einfach zeitlos. Dieser Komponist wird nie unmodern sein, er ist immer da, ein Teil unserer Gegenwart. Aber es geht hier nicht um das Stück, sondern um den Pianisten, oder? Wer könnte das gespielt haben? Es gibt da kein Pedal, alles klingt sehr transparent, ganz pur. Und ich muss sagen, dass das sehr sensibel gespielt ist. Am Anfang habe ich gedacht, es könnte Daniel Barenboim sein, aber es ist Martha Argerich, oder? – Nein? – Also doch Daniel Barenboim! Ihm verdanke ich unglaublich viel, er hat mir so viel Musikalisches beigebracht – und mir so viel von seiner Lebenserfahrung mitgegeben. Ich war Student bei Matthias Glander an der Barenboim-Said-Akademie in Sevilla, als ich am Probespiel für das West-Eastern Divan Orchestra in der Nähe von Salzburg teilgenommen habe. Da habe ich Maestro Barenboim kennengelernt. Es war das erste Mal, dass ich aus Spanien rausgekommen bin, 2007 muss das gewesen sein. Er war sehr geduldig mit mir, hat mit mir auf Spanisch gesprochen. Ich kann nicht in Worte fassen, wie dankbar ich ihm und all den tollen Kollegen beim West- Eastern Divan Orchestra noch heute bin.

„Huff! Ein Marathon!“

Cartellieri: Allegro aperto B-Dur


Dieter Klöcker, Czech Philharmonic Orchestra
MDG 1999

Wahnsinnig energetisch und virtuos, das Stück. Aber ganz ehrlich: Ich höre es zum ersten Mal. Es hat auch etwas Opernhaftes, die Klarinette hat den Gestus von einem Opernsänger auf der Bühne. (singt) Ba-bo- ba-bo. Das gibt es schon bei Spohr, der ist es aber nicht. Und wir sprechen jetzt nicht über Carl Maria, oder? Dann würde ich nämlich das Stück erkennen. Die Auflösung, bitte! – Antonio Cartellieri? Eine total neue Info für mich! Antonio Casimir Cartellieri … Man lernt jeden Tag dazu. Klingt fast wie ein Concertino. – Dieter Klöcker spielt? Interessant, ich hätte in der Tat auf einen deutschen Klarinettisten getippt. Cartellieri, das muss ich mir notie- ren!

Pelecis: All in the Past


Martin Fröst, Royal Stockholm Philharmonic Orchestra, Adolf Fredriks Flickkör (Leitung)
Sony Classical 2015

All in the Past, das gefällt mir sehr. Und am Ende dieses Nichts! Ich bin ein großer Fan von Martin Fröst. Es gibt Menschen, die spielen nicht nur Musik, sondern entwickeln sie auch weiter, verändern sie im besten Sinne, wenn man so will. Martin Fröst ist so ein Mensch. Und ich liebe, was er macht, verfolge seine Konzerte, seine Aktivitäten im Internet, seine Aufnahmen … Das ist aus „Roots“, oder? Das Album besteht nicht aus einzelnen Stücken, sondern aus einzelnen Diamanten! Mein Vater hat in der Zeitung einen Artikel über ihn gelesen und mir dann eine CD von ihm gekauft. Das war das Album mit Mozarts Klarinettenquintett samt -konzert. Ich habe die Musik gehört und war hin und weg – sie war sowas von frisch, pur, energetisch, authentisch! Die Art, wie Fröst spielt, hat mir gezeigt, dass es nicht nur um die Frage geht, was man aus der Klarinette als Instrument herausholen kann, sondern dass man sich als Künstler auch immer fragen muss: Wer bin ich?

„Huff! Ein Marathon!“

Berio: Rendering

Orchestra Sinfonica di Milano Giuseppe Verdi, Riccardo Chailly (Leitung)
Decca 2004

Wow, die Fagotte, alle Achtung! (singt) Dogodogodogo … Die haben viel zu tun hier. Ah, aber ich weiß wieder nicht, wer der Komponist ist! Aber der Komponist ist nicht gleichzeitig Klarinettist, das weiß ich (lacht). – Ach, Luciano Berio! Der ist nun wirklich kein Unbekannter für mich, ich habe ja von ihm unter anderem die Orchesterfassung von Brahms’ Klarinettensonate gespielt. Auch dieses Stück von ihm, das wir gerade hören, ist sehr extrem. Huff! Ein Marathon!

Mozart: Klarinettenkonzert – 1. Allegro

Jörg Widmann, Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, Peter Ruzicka (Leitung)
Orfeo 2013

Es könnte Sharon Kam sein. – Nein? Es ist eine sehr schöne Interpretation mit Liebe zum Detail und zur Phrasierung. Weich und schön, sehr fein, sehr fein! – Jörg Widmann? Ah, noch ein Mensch, dem man als Klarinettist – und als Komponist – unbedingt folgen muss. Ein großer Geist und Künstler, der viel entwickelt und viel erreicht hat. Ich habe ganz oft seine Fantasie für Soloklarinette gespielt. Einerseits ist der ein typischer Komponist: denkt sehr schnell, arbeitet wahnsinnig viel, muss immer an Abgabefristen denken für seine Stücke. Aber als Klarinettist ist er so sensibel, so emotional, so präsent. Diese Aufnahme hier kenne ich zwar nicht, aber ich habe ihn schon mal live mit dem Mozart-Konzert gehört.

„Huff! Ein Marathon!“

Mozart: Klarinettenkonzert – 2. Adagio

Benny Goodman, Boston Symphony Orchestra, Charles Munch (Leitung)
RCA 1957

Wir sprechen hier über Benny, oder? Er ist der erste Klarinettist, den ich in meinem Leben gehört habe. Natürlich nicht mit Mozart, sondern zuerst seine Jazzalben. (hört weiter) Diese Aufnahme hier kann man nicht mehr vergessen, sobald man sie einmal gehört hat. Und wenn man ihn dann noch hört, wie er Coplands Klarinettenkonzert oder Bartóks Contrasts spielt … Ein musikalisches Chamäleon! Noch ein Mensch, der die Klarinettengeschichte verändert und weiterentwickelt hat. Viele Leute sagen, dass man Mozart so nicht spielen könne. Ich denke, das ist Quatsch. Er hat seine ganze Seele in diese Musik gelegt!

Orlowsky: Juli

David Orlowsky Trio
Sony Classical 2018

Das ist David Orlowsky. Klezmer-Musik kenne ich schon lange, habe viel Giora Feidman gehört. Obwohl Orlowsky und ich ganz nah beieinander in Berlin wohnen, haben wir uns bisher noch nicht persönlich kennengelernt. Tolle Musik, mit viel Groove, macht Freude. – Ach, er hat Juli selber komponiert? Dann würde ich gerne wissen, wie das Stück klingen würde, wenn das ein andalusischer Juli wäre und kein deutscher (lacht). Sehr cool, tolle Musik!

Album-Tipp

Brahms: Klarinettensonaten & -trio

Pablo Barragán (Klarinette), Juan Pérez Floristán (Klavier), Andrei Ioniţă (Violoncello)
IBS

Termine

Samstag, 14.08.2021 15:00 Uhr Käthe-Kollwitz-Haus Moritzburg

Hannelore Koch, Pablo Barragán

Moritzburg Festival
Samstag, 14.08.2021 17:00 Uhr Käthe-Kollwitz-Haus Moritzburg

Hannelore Koch, Pablo Barragán

Moritzburg Festival
Montag, 07.03.2022 19:30 Uhr Theater Lindau

Pablo Barragán, Novus String Quartet

Werke von Debussy, Brahms, Widmann & Fuchs

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