Porträt Chamber Orchestra of Europe

Den Mücken von Florenz sei Dank

Frei, unabhängig und erfolgreich seit fast vierzig Jahren: das Chamber Orchestra of Europe.

© Julia Wesely

Chamber Orchestra of Europe

Chamber Orchestra of Europe

Ein roter Vogel mit langem Schnabel ziert keck das Logo des Chamber Orchestra of Europe (COE). Ziemlich passend für eine Formation, die an keinen Standort gebunden ist, auch an keine feste Spielstätte, ohne Chefdirigent auskommt und dessen Mitglieder aus allen Himmelsrichtungen zu gemeinsamen Projekten zusammentreffen: Flexibilität, Wendigkeit und Reiselust sind in die DNA dieses Orchesters eingeschrieben. Dirigent Bernard Haitink hat einmal gesagt, das COE reagiere so flink wie ein Schnellboot. Dies liegt nicht nur daran, dass es schon aufgrund seiner Besetzung als Kammerorchester kein schwerfälliger Tanker ist. Elan, Spannkraft, markante Klangfarben, solistische Profile, gemeinsames musikalisches Atmen, Stilbewusstsein, von historisch informierte bis experimentierfreudige Interpretationen bestimmen die Spielkultur.

Die rund sechzig Mitglieder des COE kommen aus dem EU-Raum, zudem aus der Schweiz, den USA, Israel und Australien. Sie arbeiten in herausragenden Positionen großer Orchester, sind renommierte Kammermusiker, Solisten oder lehren an Musikhochschulen. Die Spannbreite reicht von Mitgliedern von Ensembles für Alte Musik bis zu Spezialisten für Zeitgenössisches. Somit ist das COE ein Schmelztiegel, bei dem all diese Einflüsse zusammenfließen. Die Musiker treffen sich in der Regel jährlich an rund hundert Tagen zu gut zehn Projekten, mit denen sie international gastieren. Ein Kraftakt neben den übrigen Verpflichtungen der einzelnen, aber einer, der sich lohnt. Denn Alltagsroutine oder Dienst nach Vorschrift kommen gar nicht erst auf. „Es ist immer etwas Besonderes, immer sehr konzentriert“, schwärmt Clara Andrada de la Calle, Soloflötistin beim hr-Sinfonieorchester. „Wir haben die Arbeitsweise eines Jugendorchesters mit intensiven Projektphasen einfach ins Profi-Leben übertragen“, verrät ihr Kollege Enno Senft, Solo-Kontrabassist bei der London Sinfonietta und Gründungsmitglied des COE.

Senft gehört zu jenen, die 1980 die Idee hatten, ein eigenes Orchester aufzubauen: Alle waren Mitglieder des European Community Youth Orchestra (ECYO) – und standen mit knapp 23 Jahren kurz vor der Altersgrenze für das Orchester. Die Gruppe suchte nach einer Möglichkeit, weiterhin zusammenzuarbeiten, mit dem gleichen Elan und Enthusiasmus. Das ECYO gastierte damals bei den Salzburger Festspielen, wo es sich mit seinem damaligen Leiter Claudio Abbado und dessen Assistenten James Judd präsentierte. Letzterer spielt eine Schüsselrolle bei der Gründung des COE: Er stand in Kontakt mit dem Londoner Finanzberater Peter Readman, der sich gerade mit seiner Frau Victoria auf Hochzeitsreise in Florenz befand. Beiden vergällte eine Mückenplage den Italienaufenthalt, Judd schlug ihnen das weniger von Insekten heimgesuchte Salzburg vor, und bald war ein Treffen mit den jungen ambitionierten Musikern eingefädelt. „Wir hätten es nicht besser arrangieren können. Die Konzerte des ECYO waren eine sehr gute Visitenkarte“, erinnert sich Gründungsmitglied Enno Senft. Das musikliebende Ehepaar Readman fing sofort Feuer. Zurück in London machte Peter Readman finanzkräftige Unterstützer auf die jungen Talente aufmerksam. Ein knappes Jahr später, im Mai 1981, fand das Gründungskonzert des COE in London unter der Leitung von Abbado statt: Knapp fünfzig junge Orchesterkräfte aus ganz Europa spielten für ihre Vision und überzeugten die Sponsoren. Abbado nahm bald die Rolle des prägenden Mentors ein, die erste gemeinsame Europatournee im Herbst 1982 erwies sich als voller Erfolg. Später ging es in die USA und nach Japan. Auch Schallplattenpreise ließen nicht lange auf sich warten.

Begrüßt gerne prominente Gäste: Chamber Orchestra of Europe

Von Anfang an hat das COE mit berühmten Gästen zusammengearbeitet, die das Profil schärften: Neben Abbado sind die Dirigenten Georg Solti, Antonio Pappano, Vladimir Jurowski und Robin Ticciati zu nennen, die Geiger Sándor Végh, Gidon Kremer und Janine Jansen sowie die Pianisten Maria João Pires und Radu Lupu. Eine besondere Beziehung besteht seit langem zu András Schiff. Über hundert gemeinsame Konzerte mit vielen Erkundungen verbindet das Orchester mit ihm. Schiff schätzt als Dirigent und Pianist das kammermusikalische Geben und Nehmen im COE. Bei gemeinsamen Klavierkonzerten braucht es deshalb in der Regel keinen zusätzlichen Dirigenten.

© Werner Kmetisch

Chamber Orchestra of Europe

Chamber Orchestra of Europe

Prägend war zudem Nikolaus Harnoncourt, mit dem das Orchester seit 1987 regelmäßig beim Festival Styriarte in Graz gastierte. Auch an gemeinsame Auftritte in Wien und bei den Salzburger Festspielen mit Mozart-Opern denken sie im COE gerne zurück. Die markante Gesamteinspielung sämtlicher Beethoven-Sinfonien von 1991 mit Harnoncourt ist ein Meilenstein. Ebenfalls zu den Weggefährten zählt Bernard Haitink, geliebt für sein Charisma als sensibler Klangmagier, der dem COE ungeahntes Potenzial entlockte, nicht nur bei Brahms, Beethoven oder Schumann, sondern auch bei Dvořák und Mahler. Seit 2008 gehört auch Yannick Nézet-Séguin zum illustren Kreis derer, die mit dem COE arbeiten. Davon zeugen Mozart-Opern in Baden-Baden, Schumann-Interpretationen und die so zupackende wie federnde Gesamtaufnahme der Sinfonien von Mendelssohn, entstanden 2017 bei Konzerten in Paris. Die Orchestermitglieder schwärmen von Energieexplosionen und ansteckender Hochspannung.

Basisdemokratische Organisation

Seit nunmehr 39 Jahren behauptet sich das COE als privat finanziertes, von zivilgesellschaftlichem Engagement getragenes Projekt in der ersten Liga der Klassikszene. Lediglich von 2007 bis 2013 gab es Unterstützung von öffentlicher Stelle, als es im Rahmen des Kulturprogramms der EU-Kommission den Titel „Kulturbotschafter der EU“ tragen durfte. Längst fand ein Generationenwechsel statt, von den Gründungsmitgliedern ist noch ein Dutzend mit dabei. Sämtliche künstlerischen Entscheidungen werden basisdemokratisch gefällt, seien es Projekt- oder Personalplanung, alle werden gleich bezahlt. Ein regelmäßig wechselndes vierköpfiges Gremium, aktuell weiblich besetzt, koordiniert und kommuniziert mit dem Management. Dieses, ein Team aus sechs Kräften, fungiert als Vermittler zwischen Orchester, Festival- und Konzertveranstaltern sowie Sponsoren. Geschäftsführer Simon Fletcher sagt: „Meine Aufgabe ist es im Grunde genommen, alle zusammenzubringen.“ Wie das Management hält sich auch Peter Readman, der heute Vorsitzender des Trusts des COE ist und sich weiterhin um Fundraising und Sponsoren kümmert, klug aus künstlerischen Fragen heraus. Aufgrund der engen Bindung an Readman hat das Management seinen Sitz in London. Zwar gab es auch hier Gastspiele, so bei den BBC Proms, doch zumeist führen die Konzerte das COE woanders hin, erzählt Simon Fletcher. Stammadressen sind die Alte Oper Frankfurt, die Kölner Philharmonie, das Amsterdamer Concertgebouw und das Lucerne Festival. Lange gab es auch eine Residenz in der Berliner Philharmonie, mit der das COE nach wie vor eng verbunden ist. Hier fanden kürzlich, Anfang Oktober, nach der langen, durch Corona bedingten Spielpause, die beiden ersten Konzerte des Orchesters statt: Bei der 90. Sinfonie von Haydn und Beethovens Violinkonzert mit Simon Rattle und Vilde Frang lief das COE sofort wieder zu Höchstform auf.

Als internationales Projektorchester treffen die Reisebeschränkungen der Pandemie das COE besonders empfindlich. So musste 2020 der Zyklus sämtlicher Beethoven-Sinfonien mit Yannick Nézet-Séguin in Luxemburg und Paris samt Einspielung abgesagt werden. Dennoch wurde der Lockdown produktiv genutzt: Erstmals erscheinen nun auf CD die Aufnahmen des legendären Schubert-Sinfonien-Zyklus, den Nicolaus Harnoncourt mit dem COE 1988 in Graz beim Festival Styriarte aufführte. Für 2021 sind Auftritte bei der Mozart-Woche in Salzburg und eine Deutschland-Tournee geplant, außerdem eine Party zum vierzigjährigen Bestehen in London. Eine zweite Basis auf dem Kontinent ist ebenfalls schon gefunden: Im idyllischen Taunusstädtchen Kronberg, wo seit 1993 die Kronberg Academy – eine Privathochschule für Geiger, Bratschisten und Cellisten – ihren Sitz hat, wird sich das COE in Zukunft zu den Probenphasen treffen. Es wird hier zudem das erste „Orchestra in Residence“ des neuen Konzertsaals Casals Forum, der 2022 eröffnet wird. Das gemeinsame Abenteuer geht weiter.

CD-Tipp

Franz Schubert: Sinfonien Nr. 1–9

Chamber Orchestra of Europe, Nikolaus Harnoncourt (Leitung)
Classics, 4-CD-Box
[VÖ: 06.11.2020]

Auch interessant

Porträt Äneas Humm

Wunderkind wider Willen

Der junge Bariton Äneas Humm hat bereits viele Stationen hinter sich und steht trotzdem erst am Anfang seiner vielversprechenden Karriere. weiter

Porträt Annelien Van Wauwe

Im Gleichgewicht

Die erfolgreiche belgisch-flämische Klarinettistin Annelien Van Wauwe hat auf ihren Konzertreisen immer eine Yogamatte und ein Kopfkissen dabei. weiter

Porträt Samuel Hasselhorn

Ohne Zukunftsängste

Auch in diesen ungewissen Zeiten lässt sich der dreißigjährige Bariton Samuel Hasselhorn nicht aus der Ruhe bringen und freut sich auf ein neues Kapitel in seiner noch jungen Karriere. weiter

Kommentare sind geschlossen.