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Blind gehört Andris Poga

„Es liegt mir auf der Zunge“

Andris Poga hört und kommentiert Aufnahmen von Kollegen, ohne dass er weiß, wer spielt.

vonJan-Hendrik Maier,

Zwischen zwei Konzerten in Hamburg besucht Andris Poga die concerti-Redaktion zum Anhören einer geheimen Playlist. Er fühle sich ein wenig wie in der Schule, sagt der lettische Dirigent zu Beginn der gemeinsamen Rätselstunde. Poga hört den Ausschnitten lange zu, bevor er wohlüberlegt und mit sonorem Bass seine Antworten gibt.

Album Cover für Mahler: Sinfonie Nr. 5 cis-Moll – 1. Trauermarsch

Mahler: Sinfonie Nr. 5 cis-Moll – 1. Trauermarsch

Tonhalle-Orchester Zürich, Paavo Järvi (Leitung).
Alpha Classics 2025

Mahlers fünfte Sinfonie. Das Trompetensolo ist bemerkenswert gut, nicht jedem gelingt so ein Anfang. Wenn das Hauptthema in den Streichern einsetzt, wird deutlich, dass diese Sinfonie mit ihren vielen liedhaften Melodien und den Kontrapunkten die jüdischste von Mahler ist. Hier dirigiert jemand mit großem Verständnis von Mahler und mit emotionaler Tiefe. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das eine ältere Aufnahme ist. – Von 2025? Puh, Iván Fischer ist es nicht. Ich tippe auf ein europäisches Orchester. Wenn ich den Dirigenten persönlich kenne, dann ist es Paavo Järvi mit dem Tonhalle-Orchester. Paavo legt viel Wert auf einen präzisen Ausdruck, er ist immer genau auf dem Punkt.

R. Strauss: Till Eulenspiegels lustige Streiche op. 28

Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Simon Rattle (Leitung).
BR Klassik 2010

„Till Eulenspiegel“. Zubin Mehta sagte einmal, das Stück stehe im Grunde in einem einzigen Tempo. Es beginnt und endet im selben Puls, es gibt nur wenig Abwechslung, aber viele rhythmische Synkopen und unerwartete Wendungen. Für Dirigenten ist das eine große Falle. Aber das hier ist sehr gut gespielt, alle Akzente sitzen. Es ist eine Liveaufnahme? Dann ist es umso beeindruckender, weil sie extrem präzise ist. Ein deutsches Orchester? Der Streicherklang lässt mich im ersten Moment an die Berliner Philharmoniker denken, aber sie sind es nicht. – Ein Rundfunkorchester? Wenn es nicht das hr-Sinfonieorchester ist, dann ist es das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Ich weiß, dass Mariss Jansons oft an diesem Stück gearbeitet hat, und bei dieser Präzision könnte es tatsächlich er sein.

Vītols: Latvian Folk-Song Fantasy – Allegro non troppo

Valdis Zariņš (Violine), Latvian National Symphony Orchestra, Dmitry Yablonsky (Leitung).
Marco Polo 1995

Das klingt nach Dvořák oder Tschaikowsky. – Jāzeps Vītols, aha. Offenbar kenne ich lettische Komponisten nicht besonders gut. In Lettland wird mir oft vorgeworfen, dass ich dort nur sehr wenig lettische Musik dirigiere. (Die Solovioline setzt ein) Ich glaube, das Stück hier basiert auf einem lettischen Volkslied. Ist es etwas Älteres? Wenn die Musiker aus Lettland stammen, müsste es das Lettische Nationalorchester sein. Einer der bekanntesten Geiger des Landes war Valdis Zariņš. Aber wer dirigiert? Vassily Sinaisky? Oder Paul Mägi? – Dmitri Yablonsky. Vītols gilt bei uns mehr als Pädagoge und Professor aus früheren Zeiten, denn als Komponist, dessen Werke aktiv aufgeführt werden. Sein nationalromantischer Stil ist nicht mehr so gefragt.

Album Cover für Berio: Rendering – 3. Lontano

Berio: Rendering – 3. Lontano

Bergen Philharmonic Orchestra, Edward Gardner (Leitung).
Chandos 2012

Das habe ich letzten Sommer in Hamburg dirigiert, das ist der letzte Satz aus Berios „Rendering“. Es gibt davon nicht viele Aufnahmen. Ist es Chailly? Hm, Berio selbst dirigiert es langsamer. Der Klang hier ist sehr klar, klassisch geprägt und fokussiert sich auf die schubertschen Qualitäten der Musik. – Ah, das Bergen Philharmonic. Dann ist es also nicht Edward Gardner? Doch? Zur Zeit der Aufnahme war er aber noch nicht Chefdirigent dort. Mir gefällt dieses Werk sehr gut, es funktioniert in vielen unterschiedlichen Konstellationen, ist schön, gehaltvoll und ausgewogen komponiert. Berio belässt Schuberts Fragmente so, wie sie sind, und nutzt seine eigene Musik als eine Art musikalischen Klebstoff, ohne Schubert zu imitieren.

Vasks: Violinkonzert Nr. 2 – 1. Andante passione

Camerata Bern, Antje Weithaas (Violine & Leitung).
CAvi Music 2024

Das ist von Pēteris Vasks, aber dieses Stück habe ich noch nicht dirigiert. Ist es seine erste Sinfonie? – Gibt es ein Solocello? – Sein zweites Violinkonzert also, ein recht neues Werk. Spielt Alina Ibragimova? Antje Weithaas! Wirklich? Ich wusste nicht, dass sie sich so sehr für Vasks’ Musik interessiert. Ich habe vorhin nach einem Cello gefragt, weil der Ton so intensiv ist wie bei einem Cello in hoher Lage. Das hier ist wahnsinnig ausdrucksstark. Vasks’ Musik ist meist diatonisch, mit langen, langsamen Linien. Das verleitet dazu, wenig oder kein Vibrato zu verwenden, doch das ist das genaue Gegenteil von dem, was er möchte. Er sagte zu mir einmal, seine Musik atme Wärme und Leidenschaft. Man muss also stets diese innere Kraft finden, um seine Stücke lebendig zu machen. Das ist sehr schwierig.

Album Cover für Bruckner: Sinfonie Nr. 8 c-Moll – 4. Finale

Bruckner: Sinfonie Nr. 8 c-Moll – 4. Finale

Wiener Philharmoniker, Christian Thielemann (Leitung).
Sony 2020

Bruckners Achte, letzter Satz, eines seiner echten Schlachtrosse. Die Aufnahme hat einen großen Nachhall, fast so, als ob sie in einer Kirche gemacht wurde. Die Klangästhetik erinnert mich an frühere Tage, an Einspielungen von Karajan und Celibidache, aber letzterer ist es nicht, er würde den Anfang viel langsamer nehmen. – Nun, wenn es keine historische Aufnahme ist, könnte es vielleicht noch einmal Paavo sein? Er hat ja ein großes Interesse an Bruckner. Auch nicht? Hm, der Fluss in den Blechbläsern, diese Art, die Akkorde zu verbinden, klingt nach einem deutschen Orchester. Vielleicht die Wiener Philharmoniker? Ich habe keine Idee, wer dirigiert.

Bernstein: Divertimento – 5. Turkey Trot

Bournemouth Symphony Orchestra, Marin Alsop (Leitung).
Naxos 2005

Bernsteins „Serenade“, ach halt, nein, sein „Divertimento“! Es klingt aber nicht nach Bernstein selbst. Das Tempo ist gut. Ein amerikanischer Dirigent? Dann ist es wahrscheinlich Marin Alsop, Bernsteins einstige Protegée. Bei einem englischen Orchester würde ich auf das London Symphony Orchestra tippen. Das „Divertimento“ ist typisch Bernstein, macht wirklich Spaß zu spielen, auch wenn es nicht ganz einfach ist.

Gershwin: Klavierkonzert F-Dur – 1. Allegro

Peter Donohoe (Klavier), City of Birmingham Symphony Orchestra, Simon Rattle (Leitung).
Warner 1991

Gershwins Klavierkonzert, ein weiteres Stück, das ich noch nicht dirigiert habe. (Wartet auf den Einsatz des Solisten) Endlich! Es könnte Kirill Gerstein sein. Nein? Dann weiß ich es nicht. Auf Orchester und Dirigent komme ich nicht, mir fehlen hier klare Bezugspunkte. – Simon Rattle 1991, okay. Nachdem ich schon zweimal falsch lag, ob eine Aufnahme historisch ist, habe ich mich diesmal nicht getraut, etwas zu sagen. Der Klang ist etwas trockener als das, was man heute gewohnt ist.

Album Cover für Reger: Mozart-Variationen – Andante grazioso

Reger: Mozart-Variationen – Andante grazioso

Sächsische Staatskapelle Dresden, Herbert Blomstedt (Leitung).
Profil/Hänsller 1980/2006

Der Stil kommt mir bekannt vor, und es handelt sich um einen Variationssatz. Es klingt fast nach Reger. Aber wer hat das Thema geschrieben? Können wir das bitte einmal anhören? – Es liegt mir auf der Zunge, aber ich komme nicht drauf. Ich kenne es, aber ich kann es nicht benennen. Es ist ganz sicher ein klassischer Komponist. – Mozart, natürlich! Reger wird meist nur mit seiner Orgelmusik in Verbindung gebracht, was schade ist, denn er hat so viel mehr geschrieben. Da haben Sie mein Interesse geweckt. Ich könnte mir gut vorstellen, dieses Stück eines Tages aufs Programm zu setzen. Das ist sehr aufrichtige, ehrlich komponierte Musik.

Album Cover für Schostakowitsch: Sinfonie Nr. 5 d-Moll op. 47 – 4. Allegro non troppo

Schostakowitsch: Sinfonie Nr. 5 d-Moll op. 47 – 4. Allegro non troppo

hr-Sinfonieorchester, Alain Altinoglu (Leitung).
Alpha Classics 2025

Eine der Schostakowitsch-Sinfonien, die ich in meinem Leben noch nie dirigiert habe. Gergiev würde das Tempo stärker anziehen, das hier ist recht kontrolliert. Ein russisches Orchester würde Schostakowitsch noch schärfer und direkter spielen, diese Aufnahme ist im guten Sinn kultivierter, feinfühliger. Ich lehne mich aus dem Fenster und tippe auf das NHK Symphony Orchestra aus Tokio. – Ich versuche, den Trompeter zu erkennen … Jetzt wird es heikel. Nein, ich habe keine Idee. – Sehr gut gemacht. Eine wirklich ausgezeichnete Interpretation.

Album Cover für Debussy: Prélude à l'après-midi d'un faune

Debussy: Prélude à l’après-midi d’un faune

Orchestre de Paris, Klaus Mäkelä (Leitung).
Decca 2024

Das Tempo eingangs gefällt mir gut. Ich glaube, es ist das Orchestre de Paris, denn sowohl im Flöten- als auch im Harfenklang liegt diese unverwechselbar französische Note. Wenn es eine aktuelle Aufnahme ist, muss es Klaus Mäkelä sein. Bei diesem Stück geht es mehr ums Empfinden als ums Dirigieren. Es beginnt im 9/8-Takt, und wenn man es tatsächlich in neun dirigiert, tötet man das Stück. Wenn man es dagegen in drei schlägt, kann es bei diesem langsamen Tempo passieren, dass nicht alle einen sofort verstehen. Orchester und Dirigent müssen hier in perfekter Symbiose zueinanderstehen.

Nielsen: Vorspiel zum 2. Akt aus „Saul und David“

Swedish Radio Symphony ­Orchestra, Esa-Pekka Salonen (Leitung).
Sony 1992

Englische Musik? Ich kenne jedenfalls diese Stilistik. Ach, Carl Nielsen! Man bewegt sich bei ihm auf vertrautem Terrain, manches erinnert an Vaughan Williams. Aber seine Musik hat doch eine ganz eigene Physiognomie mit ihren parallelen Quinten, den Dissonanzen in den Akkorden, den nicht „regelkonformen“ harmonischen Fortschreitungen. Wenn es eine Studioaufnahme ist, würde ich auf ein skandinavisches Orchester tippen. Fabio Luisi und das Danish National Symphony Orchestra haben kürzlich Nielsen gemacht. Oder mit Michael Schønwandt? – Oder Daniel Harding und die Kollegen aus Stockholm? – Esa-Pekka Salonen. Wow! Und das nicht einmal mit einem finnischen Orchester!

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Edgar Moreau (Violoncello), WDR Sinfonieorchester, Andris Poga (Leitung).
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